Boom durch Flüchtlinge "Warum mögt ihr Deutschen kein Cricket?"

Beim THCC Rot-Gelb spielen an manchen Tagen mehr Afghanen Cricket als Hamburger. Für die Flüchtlinge ist es ein Stück des Lebens, das sie vermissen. Für den Randsport ist es eine Riesenchance.

Daniel Reinhardt

Von Andrea Scharpen


Wahed nimmt den Holzschläger fest in beide Hände, schlägt ihn einmal kurz auf den Boden und dreht dann den Kopf nach links zum Werfer. Er schaut ihm konzentriert in die Augen. Der Mitspieler schleudert den Tennisball mit hohem Tempo auf den Boden, er prallt ab, Wahed schlägt - und trifft. Der Ball fliegt und der 23-Jährige rennt los. Dann gellt ein Ruf durch die Halle in Hamburg-Altona. "You are out!", schreit sein Trainer. Wahed spricht nicht besonders gut englisch oder deutsch. Er ist erst vor einem Jahr und ein paar Monaten aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Aber das war eindeutig. Er bremst ab und trottet zur Ersatzbank.

Dort sitzen noch mehr Geflüchtete aus Afghanistan - zwei davon in Jeans und Straßenschuhen. Zum Spielen brauchen sie Sportsachen. Nächstes Mal sollen sie welche mitbringen. Heute trainieren 18 Spieler beim Hamburger Verein THCC Rot-Gelb, zwölf davon sind Afghanen. Cricket ist in ihrem Heimatland beliebt, auch aus der Not heraus. Es war der einzige Sport, den das Talibanregime um die Jahrtausendwende herum erlaubte und hat dort jetzt in etwa den Stellenwert von Fußball in Deutschland.

"Mindestens die Hälfte der Afghanen, die herkommen, kann Cricket spielen", schätzt Brian Mantle, der Geschäftsführer des Deutschen Cricket Bundes. Das ist ein riesiges Potential für den Sport in Deutschland. "Wir haben immer darum gekämpft, dass wir elf Spieler auf dem Platz haben." Jetzt sind die Mitgliederzahlen in den Vereinen um 20 Prozent gestiegen. "Wir sind das einzige Land in der EU, in dem Cricket wächst", sagt Mantle.

Franz Krekeler

Wahed war in Afghanistan Soldat. Er ist muskulös, sein grünes Shirt spannt um die Oberarme. In der Kaserne hat er mit den anderen Soldaten jeden Freitag Cricket gespielt. Die Regeln kannten sie nicht, aber es ging auch ohne: werfen, schlagen, laufen, verteidigen. "Es hat mich glücklich gemacht", sagt er auf Dari. Ein Mitspieler übersetzt für ihn. Der Sport war eine gute Abwechslung im Militäralltag. Doch dann kamen die "Schwierigkeiten mit den Taliban". Mehr möchte Wahed nicht dazu sagen. Er floh nach Deutschland und musste seine Familie und die Frau, die er liebt, zurücklassen.

Sieben Monate war er auf der Flucht. Dann bekam er einen Platz in der Zentralen Erstaufnahme in Hamburg-Harburg. Lärm, Menschen, Enge. "Es gab wenig Privatsphäre", sagt er und knetet dabei seine Hände. Jetzt teilt er sich mit einem Mitspieler ein Zimmer in einem Wohncontainer in einem anderen Stadtteil. Die beiden verstehen sich gut. "Es gefällt mir", sagt Wahed. Vom Cricket-Training hat ihm ein Freund erzählt. Es hat sich in der afghanischen Community herumgesprochen, dass es da einen Verein gibt, der offen für alle ist.

"Wir wollen niemanden ausschließen", sagt Trainer Campbell Jefferys, ein sportlicher Typ, der beim Training nicht nur herumsteht und Anweisungen gibt, sondern mitspielt. Wenn jemand aus der Mannschaft den Mitgliedsbeitrag nicht aufbringen kann, legen die anderen schon mal zusammen. "Ich habe bisher nirgends ein Team wie unseres gesehen", sagt der Australier, der mit Cricket schon angefangen hat, als er gerade laufen konnte.

Der Sport kommt aus England und hat sich vor allem in den Ländern des Commonwealth verbreitet. Der Mannschaftssport erinnert ein wenig an Baseball. Auch hier duellieren sich ein Werfer, der Bowler genannt wird, und ein Schlagmann, der Batsman. Die Regeln sind jedoch weit komplizierter. Bei der traditionellen Variante kann eine Partie bis zu fünf Tage dauern. Dann gibt es Teepausen, Gurkensandwiches und indisches Curry. In Deutschland wird nur ein Tag gespielt.

Cricket für Anfänger
Das Spiel
Bei der Cricket-WM ist ein Spiel auf 50 Overs pro Team angesetzt. Ein Over besteht aus sechs Würfen. Insgesamt hat eine Mannschaft also 300 Würfe. Das bedeutet umgekehrt, dass der Gegner 300 Mal die Chance hat, mit seinen Schlägen Punkte zu erzielen.
Die Teams
Jede Mannschaft besteht aus elf Spielern. Aus dem Team, das Schlagrecht hat, befinden sich immer zwei Schlagmänner auf dem Platz, die sich abwechseln. Scheidet ein Schlagmann aus, rückt der nächste nach. Schafft es die werfende Mannschaft, zehn Schlagmänner rauszuwerfen, ist das Innings vorzeitig vorbei, bevor alle 300 Würfe absolviert wurden. Während ein Spieler wirft, verteilen sich die anderen zehn Spieler seines Teams auf dem Feld und versuchen, den geschlagenen Ball zu fangen.
Die Punkte
Nur die Mannschaft, die gerade Schlagrecht hat, kann Punkte (Runs) erzielen. Wenn der Schlagmann den geworfenen Ball getroffen hat, versucht er mit seinem Partner auf der anderen Seite des Feldes die Plätze zu tauschen. Sie haben dafür so lange Zeit, wie die Gegner brauchen, um den Ball wieder zum Wicket bringen. Für jeden Platztausch gibt es einen Run. Vier Punkte gibt es, wenn der geschlagene Ball über die Spielfeldgrenzen hinwegfliegt, dabei vorher aber einmal aufkommt. Sechs Punkte werden gutgeschrieben, wenn der Ball erst jenseits der Spiefeldbegrenzung aufschlägt.
Der Wurf
Wenn der Ball des Werfers die Hand verlässt, muss der Arm laut Cricket-Regeln voll gestreckt sein. Meistens werfen die Spieler so, dass der Ball vor dem Schlagmann einmal aufkommt. Es gibt Bowler, die auf Geschwindigkeit setzen und den Ball auf 160 km/h beschleunigen. Und es gibt sogenannte Spin-Bowler die dem Ball einen Drall geben und dadurch schwer ausrechenbar machen.
Das Ausscheiden
Ziel der Bowler ist es, die Schlagmänner rauszuwerfen oder ihnen zumindest möglichst wenige Punkte zu gewähren. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die wichtigsten: 1. Der Bowler wirft am Schlagmann vorbei und trifft das Wicket. 2. Der Schlagmann trifft den Ball und versucht mit seinem Partner die Positionen zu tauschen. In der Zwischenzeit bringt die werfende Mannschaft den Ball zurück und zerstört das Wicket. 3. Der Schlagmann trifft den Ball, aber ein Spieler der werfenden Mannschaft fängt den Ball, bevor er zum ersten Mal den Boden berührt.

Der Hamburger Verein THCC Rot-Gelb ist sehr international. Afghanen, Inder, Südafrikaner, Engländer und Deutsche stehen gemeinsam auf dem Feld. Und das sind nicht einmal alle Nationalitäten. Auch die Einkommensverhältnisse könnten unterschiedlicher nicht sein. Ein Physik-Professor und ein Anwalt sind dabei, aber auch ein Maler. Jefferys selbst ist Autor. "Sie sind Vorbilder für die Geflüchteten", sagt der 40-Jährige.

Genau wie Wahed sind viele der jungen Männer allein geflüchtet. "Alles hier ist wie ein Schock für sie, jeden Tag", sagt Jefferys. Sie kennen die deutsche Kultur nicht, lernen noch die Sprache und verstehen die Behörden nicht. "Cricket ist eine Verbindung zu dem Leben, das sie hatten", sagt der Trainer. Das gibt Stabilität und hilft beim Ankommen.

Daniel Reinhardt

Das beste Beispiel dafür ist Nasrat. Er spielt beinahe genauso lange für das Team, wie er in Deutschland ist. Als er aus Afghanistan floh, war er gerade 16 Jahre alt. Sein jüngerer Bruder, seine Schwester und die Eltern sind noch dort. "Sie bekommen von der Behörde kein Visum", sagt Nasrat leise und auf Deutsch. "Es ist nicht einfach. Ich vermisse sie sehr", sagt er.

Trotzdem baut sich Nasrat in Deutschland sein eigenes Leben auf. Der 20-Jährige macht eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Supermarkt und lebt in einer Jugendwohnung. "Meine Zukunft ist in Deutschland", sagt er. Erst gestern hat er in den Nachrichten von einem Anschlag in Kabul gehört. "Ich will nicht zurück."

Deutschland gefällt ihm. Nur eine Eigenart kann er nicht verstehen. Warum nur mögen die Deutschen kein Cricket? "Die Bedingungen hier sind so gut." Im Winter spielt das Team in der Halle, sobald es das Wetter zulässt, geht es auf einen Rasenplatz im Stadtteil Klein Flottbek. Dort schlagen die Spieler keinen Tennis- sondern einen Cricket-Ball über das Feld. Der ist aus Leder und hat einen Kern aus Kork und fliegt deshalb anders. "Damit habe ich erst hier spielen gelernt", sagt Nasrat.

In Afghanistan spielte er mit anderen Kindern auf der Straße. Den Schläger bastelten sie aus einem Stück Holz zurecht. Der Ball war aus rotem Plastik. Einen anderen Sport gab es nicht. "Mit Fußball kann ich nichts anfangen", sagt er. In der Schule in Deutschland stellten ihn die Mitspieler immer ins Tor.

Cricket spielt Nasrat in der Regionalliga. Im vergangenen Jahr haben es sogar vier Spieler aus dem Verein in die deutsche U19-Nationalmannschaft geschafft - drei davon waren Geflüchtete aus Afghanistan. Wenn sie mindestens zwei Jahre in Deutschland leben, dürfen sie für das Land antreten. Den deutschen Pass brauchen sie nicht. Im Nationalteam der Erwachsenen sind sieben Jahre in Deutschland die Voraussetzung. "Das ist nicht nur eine Chance, um uns sportlich zu etablieren", sagt Mantle, der Chef des Deutschen Cricket Bundes. "Wir können auch etwas Gutes machen."

Sein Verband schickte in den vergangenen Monaten zwanzig Kisten pro Woche mit gespendeter Cricket-Ausrüstung an Flüchtlingsheime in ganz Deutschland: alte Schläger, Bälle, T-Shirts. In den Unterkünften können die Menschen sonst nur auf den Deutschkurs oder den nächsten Behördengang warten. "Die haben nichts zu tun", sagt Mantle. Immer wieder bekommt er Anfragen von Unterstützern und Geflüchteten. Aber langsam gehen ihm die Spenden aus. Aus der Politik bekomme er keine Unterstützung, sagt Mantle. Dabei gehe es bei dem Sport um mehr als um Integration: "Die können hier glücklich werden."

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Seite 1
Stäffelesrutscher 01.05.2016
1.
»Aus der Politik bekomme er keine Unterstützung, sagt Mantle.« Wie es scheint, hat der Staat hier noch großen Nachholbedarf bei der Integrationsbereitschaft.
kpdsu 01.05.2016
2.
Weil es langweilig ist und nicht zu unserer Kultur gehört. Von mir aus können sowohl die Flüchtlinge als auch die paar interessieren Deutschen Cricket spielen, aber ich bezweifle stark, dass es jemals einen Rang wie z.B. Handball erreichen wird.
geck0 01.05.2016
3. Toll
Boom durch Flüchtlinge....Und mal wieder eine Riesenchance für unser-in Sachen Randsportarten- rückständiges Deutschland! Dieser Bericht ist so schön, da kommen mir die Tränen. Toll!
hle 01.05.2016
4. Vielleicht ...
... weil man hierzulande ein Spiel bei Regen weiterspielt bzw. dann fortfuehrt, wenn der Regnen aufgehoert hat. Jedenfalls aber kein Spielabbruch und mathematische Berechnung des Siegers wegen ein paar Regentropfen. Und zudem fehlt es hierzulande etwas an der Geduld bzw. dem Wunsch danach, mit einem Picknickkorb und mit viel Zeit das Spiel zu verfolgen. Kurzum, ich habe es wirklich versucht (zumindest passiv als Zuschauer), aber ich kann dem Treiben nicht wirklich etwas abgewinnen,
MHB 01.05.2016
5. Weil Cricket
und genau so wenig interessiert wie Polo oder Baseball.
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