Skandal um australisches Cricket-Team Eine Frage der Ehre

Der Skandal um das Cricket-Team hat ein ganzes Land erschüttert. In Australien ist der Sport eine Ehrensache, voller moralischer Ernsthaftigkeit - und ausgerechnet die wichtigsten Figuren des Systems sind die Betrüger.

Australiens Ex-Vizekapitän David Warner beim Cricket
REUTERS

Australiens Ex-Vizekapitän David Warner beim Cricket

Von Philipp Joubert


Das Video auf der hauseigenen Medienseite des australischen Cricket Verbands wirkte wie ein Krimi. Die Bilder zeigten das Vergehen, live aufgezeichnet von den Sportkameras dieser Welt, gefolgt von der Beichte der Schuldigen und vielen Reaktionen.

Zum Ende des vierminütigen Berichts sagte der australische Premierminister Malcom Turnbull über das Cricket-Team seines Landes: "Cricket ist gleichbedeutend mit Fair Play. Wie kann unser Team in solch einen Betrug involviert sein? Es ist unbegreiflich."

Cricket-Kapitän Steve Smith mit seinem Vater
DPA

Cricket-Kapitän Steve Smith mit seinem Vater

Die harten Worte des Premierministers waren nur der Anfang. Nach dem Bekanntwerden des Ball-Manipulationsskandals um das australische Cricket Nationalteam in der Länderspielserie gegen Südafrika entwickelten die Geschehnisse eine erstaunliche Eigendynamik. Es folgten weitere Abbitten, monatelange Sperren und moralische Verurteilungen.

Selbst in nicht-Cricket-affinen Ländern sorgt der Fall für Aufsehen. Wann geht ein Sport, ja ein ganzes Land schließlich so öffentlich mit sich ins Gericht? Für ein Regelvergehen, welches der Weltverband schnell in Kategorie zwei von vier einordnete - also eines Rüffels notwendig, einer Spielsperre. Aber laut Weltverband kein Vergehen, das den Sport in seinen Grundfesten erschüttern sollte.

Die Reaktion verrät viel über die Seele des Cricketsports, und das Land, welches ihn mit noch größerer moralischer Ernsthaftigkeit aufgeladen hat. Als der australische Kapitän Steve Smith und sein Vize David Warner einen der Teamjüngsten, Cameron Bancroft (25 Jahre), am 24. März in der Mittagspause des Spiels gegen Südafrika anstifteten, die Beschaffenheit des Balls durch Kratzen mit Schmirgelpapier zu verändern, da waren sie sich der Illegalität ihres Plans natürlich bewusst.

Wie jede andere Sportart, hat auch das Cricket schließlich mit den bekannten Problemen des Profisports zu kämpfen: Doping, Wettmanipulationen und Betrug. Die ersten beiden Vergehen scheinen für manche mittlerweile zu einer zugehörigen Lappalie geworden zu sein. Eine Manipulation des Balls ist hingegen unerhört. Immerhin ist Cricket ein Sport, dessen Gründungsmythos auf Kollegialität, Eigenverantwortung und Fairness beruht, den das britische Empire mit Vorbildabsicht in seine Kolonien trug.

Nirgendwo fruchtete diese Sportpropaganda mehr als in Australien. Das Cricket-Nationalteam ist hier nicht nur eine Zusammenstellung der sportlich Besten. Es soll den australischen Geist repräsentieren. Es steht für eine robuste aber stets ehrhafte Männlichkeit. Eine außergewöhnlich wichtige Rolle nimmt in all dem der Kapitän ein, sie muss viel größer als beim Fußball oder vielen anderen Mannschaftssportarten verstanden werden.

In britisch geprägten Schulsystemen ist die Rolle des Cricket-Kapitäns an Wichtigkeit kaum zu überbieten. Was den Amerikanern ihr High-School-Quarterback ist, ist an vielen anglophon geprägten Privatschulen der Kapitän des Cricket-Teams. Dabei kommt dem Mannschaftsführer jedoch nicht nur die Rolle des Antreibers auf dem Feld zu. Ein Kapitän entscheidet über Aufstellungen, er gibt neben und auf dem Feld den Ton an. Ein richtiger Kapitän ist Spieler, Trainer und Funktionär in einem. Wer nicht nur auf lokaler sondern auf nationaler Ebene in diese Rolle aufsteigt, für den wird Cricket endgültig zu einer Frage der Ehre.

Kurz: Der Kapitän ist die Inkarnation der Spielmoral, eine Figur des Anstands.

In der Sportwelt konnte niemand tiefer fallen als die Australier. Nicht nur die eigene Sportnation hatte den moralischen Stellenwert des Teams in den vergangen Jahren als gegeben erachtet. Auch nach außen wurde dieser Anspruch verteidigt, dabei aber von manchen als anmaßend empfunden. Dass nun der australische Kapitän und sein Vize ein jüngeres Teammitglied zum Betrug anstifteten, war daher ein gefundenes Fressen für die Konkurrenz - gerade für die aggressive und schadenfreudige Presse in tonangebenden Cricket-Ländern wie England oder Südafrika.

Cricket-Fans aus Südafrika mit Flaggen
AFP

Cricket-Fans aus Südafrika mit Flaggen

Ob der Sportskandal, der wegen seiner universal zu verstehenden Bilder auch noch zur perfekten Medienaufbereitung taugte, weitreichende Folgen für die Eigenwahrnehmung des Crickets haben wird, ist fraglich. Aber der neue australische Kapitän Tim Paine hatte eines aus den vergangenen Tagen erkannt: die Macht der simplen Geste.

Bei der Fortsetzung der Länderspielserie am Donnerstag ließ Paine seine Teamkollegen vor Spielbeginn die Hände ihrer Gegenüber schütteln. Paine sagte, er habe dies unter der Woche bei einem Fußballspiel gesehen: "Ich habe bemerkt, dass sie das bei jedem Spiel machen - und ich dachte, Cricket sei der Gentlemen-Sport."



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