Cricket-WM-Finale Rache für Australiens fiesen Kullerball

Im Finale der Cricket-WM stehen zwei Erzrivalen: Australien strebt den fünften Titel an, Neuseeland will zum ersten Mal Weltmeister werden - und Revanche für eine historische Unsportlichkeit nehmen.

AFP

Von , Sydney


Auf diesen Sonntag hat Neuseeland 34 Jahre gewartet: Das Land hat die Chance, zum ersten Mal Cricket-Weltmeister zu werden. Im Melbourne Cricket Ground (MCG), dem größten Sportstadion der südlichen Erdhalbkugel, treffen die Kiwis auf Co-Gastgeber Australien.

Die Neuseeländer spielen nicht nur gegen elf Gegner auf dem Platz und die Mehrheit der knapp hunderttausend Zuschauer auf den Tribünen. Sie wollen auch Revanche nehmen für eine Unsportlichkeit, die sich vor 34 Jahren im selben Stadion zugetragen hat.

Am 1. Februar 1981 standen sich Australien und Neuseeland schon einmal im MCG gegenüber. Das Spiel entwickelte sich zu einem Krimi, mit dem letzten Schlag hatte Neuseeland die Chance, das Match auszugleichen. Doch Australiens letzter Bowler - so heißen die Werfer im Cricket - nahm dem Schlagmann diese Möglichkeit, indem er den Ball aus dem Unterarm über den Platz kullern ließ und damit praktisch unspielbar machte. Das war zwar laut den 1744 aufgestellten Cricket-Regeln erlaubt, galt jedoch als extrem unsportlich.

Der Vorfall ging als "Underarm Incident" in die Cricket-Geschichte ein. Selbst die Regierungschef beider Staaten verurteilten das Verhalten des australischen Spielers Trevor Chappell. Er weigert sich bis heute, über den Tag im Februar 1981 zu sprechen. Cricket-Fans vergleichen den Skandal mit der legendären "Hand Gottes", mit der Diego Maradona Argentinien 1986 den Sieg gegen England brachte.

Australiens Auswärtsspiel in Sydney

Das historisch aufgeladene Finale Australien gegen Neuseeland wird damit der würdige Schlusspunkt der Cricket-WM auf dem fünften Kontinent. Sechs Wochen lang hielt das Turnier ein gutes Viertel der Weltbevölkerung in Atem. Allein in Bangladesch, Indien und Pakistan verfolgten Hunderte Millionen die Partien ihrer Nationalteams vor dem Fernseher.

Tausende Inder waren zudem zum Turnier nach Down Under gereist. Sie machten das Halbfinale in Sydney am Donnerstag zu einem Heimspiel für ihre Mannschaft, den Weltmeister von 2011. Gut 25.000 der 42.000 Zuschauer im Stadion trugen das blaue Trikot der indischen Auswahl. Auch die Stadionregie trug dem Rechnung und ließ in den Spielpausen indische Popmusik in ohrenbetäubender Lautstärke aus den Boxen klingen. "Ich komme mir vor, als wäre ich in Mumbai und nicht in Sydney", sagte der australische Fernsehkommentator verwundert.

Alkohol in rauen Mengen

Allein: Es nutzte den Gästen nichts. Australiens Spieler hatten sich hervorragend auf die Würfe der Inder eingestellt. Sie legten 328 Punkte vor - noch nie hatte ein Team in einem WM-Halbfinale so viele Runs erzielt. Die indischen Schlagmänner dagegen kamen mit Australiens schnellen Bowlern überhaupt nicht zurecht. Schnell zeichnete sich ab, dass Indiens Mission Titelverteidigung im Halbfinale enden würde.

Der guten Stimmung auf den Rängen tat das keinen Abbruch. Die Cricket-Fans bei dieser WM sind begeisterungsfähig und leidenschaftlich - vor allem aber sind sie fair. Auch gegnerische Fans erkennen die Leistung des Bowlers an, der es schafft, aus 20 Metern das 71 mal 23 Zentimeter große Wicket zu treffen, das vom gegnerischen Schlagmann verteidigt wird. Sie johlen anerkennend, wenn es andererseits einem Schlagmann gelingt, einen Ball, der mit knapp 150 Stundenkilometern auf ihn zufliegt, so präzise zu treffen, dass er in hohem Bogen bis auf die Tribünen segelt.

In den Cricket-Stadien bei dieser WM gab es keine Fanblocks, Anhänger der gegnerischen Teams saßen buntgemischt in den Zuschauerreihen. Trotzdem blieb es bis auf kleine Ausnahmen friedlich, obwohl Alkohol in rauen Mengen ausgeschenkt wurde. Ein Cricket-Spiel dauert bis zu acht Stunden und fordert sowohl von Spielern als auch Zuschauern einige Kondition. Im "Sydney Morning Herald" beklagte sich Ex-Nationalspieler Shane Warne bereits, dass die australischen Fans mehr Zeit an den Bierständen als auf ihren Plätzen verbringen würden.

Beim Finale wird das in jedem Fall anders sein: Viele Australier wollen dabei sein, wenn das Team die Chance hat, bei der elften WM den fünften Titel zu holen. Und die Neuseeländer wollen Genugtuung für 1981.

Cricket für Anfänger
Das Spiel
Bei der Cricket-WM ist ein Spiel auf 50 Overs pro Team angesetzt. Ein Over besteht aus sechs Würfen. Insgesamt hat eine Mannschaft also 300 Würfe. Das bedeutet umgekehrt, dass der Gegner 300 Mal die Chance hat, mit seinen Schlägen Punkte zu erzielen.
Die Teams
Jede Mannschaft besteht aus elf Spielern. Aus dem Team, das Schlagrecht hat, befinden sich immer zwei Schlagmänner auf dem Platz, die sich abwechseln. Scheidet ein Schlagmann aus, rückt der nächste nach. Schafft es die werfende Mannschaft, zehn Schlagmänner rauszuwerfen, ist das Innings vorzeitig vorbei, bevor alle 300 Würfe absolviert wurden. Während ein Spieler wirft, verteilen sich die anderen zehn Spieler seines Teams auf dem Feld und versuchen, den geschlagenen Ball zu fangen.
Die Punkte
Nur die Mannschaft, die gerade Schlagrecht hat, kann Punkte (Runs) erzielen. Wenn der Schlagmann den geworfenen Ball getroffen hat, versucht er mit seinem Partner auf der anderen Seite des Feldes die Plätze zu tauschen. Sie haben dafür so lange Zeit, wie die Gegner brauchen, um den Ball wieder zum Wicket bringen. Für jeden Platztausch gibt es einen Run. Vier Punkte gibt es, wenn der geschlagene Ball über die Spielfeldgrenzen hinwegfliegt, dabei vorher aber einmal aufkommt. Sechs Punkte werden gutgeschrieben, wenn der Ball erst jenseits der Spiefeldbegrenzung aufschlägt.
Der Wurf
Wenn der Ball des Werfers die Hand verlässt, muss der Arm laut Cricket-Regeln voll gestreckt sein. Meistens werfen die Spieler so, dass der Ball vor dem Schlagmann einmal aufkommt. Es gibt Bowler, die auf Geschwindigkeit setzen und den Ball auf 160 km/h beschleunigen. Und es gibt sogenannte Spin-Bowler die dem Ball einen Drall geben und dadurch schwer ausrechenbar machen.
Das Ausscheiden
Ziel der Bowler ist es, die Schlagmänner rauszuwerfen oder ihnen zumindest möglichst wenige Punkte zu gewähren. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die wichtigsten: 1. Der Bowler wirft am Schlagmann vorbei und trifft das Wicket. 2. Der Schlagmann trifft den Ball und versucht mit seinem Partner die Positionen zu tauschen. In der Zwischenzeit bringt die werfende Mannschaft den Ball zurück und zerstört das Wicket. 3. Der Schlagmann trifft den Ball, aber ein Spieler der werfenden Mannschaft fängt den Ball, bevor er zum ersten Mal den Boden berührt.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
townsville 28.03.2015
1.
Cricket Down Under ist ein Volksfest, die Stimmung während eines Tests in Melbourne ist fantastisch und hunderttausend feiern, trinken und grillen enthusiastisch aber friedlich vor sich hin.
funatiker 28.03.2015
2. Fanblocks
in welcher Welt leben wir denn? Wo gibt es denn Fanblocks bei Weltmeisterschaften? Der einzige Sport bei dem Regelmäßig die Fans mehr Krawall machen als die Spieler, ist doch beim Fussball. in Großbritannien gibt es bei Fussballspiel ein generelles Alkoholverbot, bei Rugbyspielen hab ich sogar Freibier bekommen. sollte Fussballfunktionären mal zu denken geben...
Layer_8 28.03.2015
3. Ja
Zitat von townsvilleCricket Down Under ist ein Volksfest, die Stimmung während eines Tests in Melbourne ist fantastisch und hunderttausend feiern, trinken und grillen enthusiastisch aber friedlich vor sich hin.
Besonders am Boxing Day traditionell gegen England. In Melbourne das Event des Jahres.
amarildo 28.03.2015
4. Meinung
Cricket the gentleman's game which at times is played quite without any gentle manners. Am besten schaut man sich so ein Spiel zu Hause am TV an. Gruende: Only mad dogs and Englishmen go out in the midday sun. ( Nur verrueckte hunde und Englaender gehen raus in die Mittagssonne). Und in Australia da scheint die Sonne manchmal sehr stark. Ein paar Stunden bei 35 or mehr Grad Celsius in der Sonne sitzen und warmes Bier zu trinken ist eine Sache fuer Cricket Fanatiker. I ch sitze lieber zu Huse vor dem TV mit der Klimaanlage an und einem kaltem Bier in der hand. Wenn ich mal muss brauche ich mich nicht anstellen. Wenn ich ein neues Bier drinken will da gehe ich zum Kuehlschrank ud im staduion musss ich mich oft unter den Besoffenen am Auschank anstellen. Wenn ich muede bin dann kann ich auf dem Sofa eine Weile schlafen . Wenn ich etwas verpasst habe deswegen da kann ich die Wiederholungen am TV sehen. Naturlich ist es auch interessant im Stadion zu sitzen aber da muss man gud vorbereitet sein. Eis aund Eisbox fuer die Getraenke und was zu Essen. Sonnencreme und Sonnenschirm , Hemd mit langen Aermeln um einen Sonnen brand zu vermeiden. Man muss hinfahren , Auto oder OeffentichesVehrkehrsmittel . Zu Hause hat man seine Ruhe . Im Stadion muss man sich mit allen anderen Menschen zurecht finden.
Malshandir 28.03.2015
5. Fussball in England und Alkoholverbot. LOL
Wann waren Sie zuletzt in einem englischen Stadion? Also ich habe da immer Alkohol bekommen. Wird direkt verkauft. Daneben kann man den Kullerball nicht mit der Hand Gottes vergleichen. Das Handspiel war regelwidrig, der Kullerball nicht.
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