Dänischer Generalsekretär Christensen "Handball darf keine harte Arbeit sein"

Kleines Land, großer Erfolg: Dänemarks Handball-Teams überzeugten in diesem Jahr mit starken Leistungen und Medaillengewinnen. Im Interview mit dem "Handball-Magazin" erklärt der Generalsekretär des dänischen Verbandes, Morten Stig Christensen, das Geheimnis des Erfolges.

Dänischer Handball-Generalsekretär Christensen: "Erfolg ist nicht ewig"
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Dänischer Handball-Generalsekretär Christensen: "Erfolg ist nicht ewig"


Frage: Herr Christensen, riskieren Sie Ihren Job, wenn Sie über das Erfolgsgeheimnis des dänischen Handballs sprechen?

Christensen: Nein, das ist okay. Da gibt es keine großen Geheimnisse.

Frage: Aber Sie helfen der Konkurrenz, wenn Sie den derzeitigen Erfolg des dänischen Handballs erklären.

Christensen: Meinen Sie? Wir haben in Dänemark eine jahrhundertealte Tradition kleiner Vereine, die auf der Arbeit von Freiwilligen basiert. In jeder kleinen dänischen Stadt gibt es diese Clubs, die die Grundlage unseres Erfolges sind. Dort beginnt alles. Leider ist diese Tradition unter Druck geraten, denn der moderne Mensch hat keine Zeit mehr für die freiwillige Arbeit in den Vereinen.

Frage: Hört sich gut an. Aber wie erklärt das den Erfolg der Nationalmannschaften?

Christensen: Wir arbeiten seit vielen Jahren sehr effektiv, wenn es darum geht, talentierte Spieler weiterzuentwickeln, weil wir traditionell sehr gute Trainer haben. Viele von denen verbringen ihr gesamtes Sportleben in einem kleinen Verein, wo sie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, von denen einige richtig gut werden. Unsere Herausforderung ist es, auch diejenigen zu halten, die den großen Durchbruch nicht schaffen. Weil wir genau diese Typen für Führungsaufgaben, zum Beispiel als Trainer oder Schiedsrichter, brauchen.

Frage: Und was ist mit den Besten?

Christensen: Die weiterzuentwickeln, ist Sache des Verbandes und dessen Trainern mit Ulrik Wilbek und Jan Pytlick an der Spitze. Wir haben eine enge Kooperation zwischen dem Männer- und dem Frauen-Team. Vor zehn Jahren erkannten wir zum Beispiel bei den Frauen, dass wir jedes Jahr zehn Spielmacherinnen - technisch perfekt, aber klein - hervorbrachten. Aber dann begriffen wir, dass wir gegen Russland oder Deutschland Probleme bekommen, weil wir nicht die nötige physische Stärke haben. Deshalb haben wir Projekte gestartet, um große Spielerinnen zu finden.

Frage: Welche zum Beispiel?

Christensen: In unserem System sind Spaß und Freude am Spiel zentrale Elemente. Handball darf keine harte Arbeit sein. Wir verloren damals viele großgewachsene Mädchen, weil sie im Vergleich mit den anderen hart arbeiten mussten, um auf das gleiche Level zu kommen. Vielleicht sind größere Spielerinnen nicht mit 18, sondern erst mit 22 so weit. Du musst auf sie warten und darfst sie nicht zu früh abschreiben. Deshalb haben wir für sie spezielle Trainingscamps eingerichtet und sie unter ihresgleichen gezielt ausgebildet. Nur so konnten wir sie im System zu halten. Wir stellen nach diesem Prinzip auch unsere Nachwuchs-Nationalmannschaften zusammen und ordnen nicht alles dem kurzfristigen Erfolg unter. Umso erstaunlicher ist es, dass wir in diesem Sommer so erfolgreich waren. Das war nicht vorherzusehen.

Frage: Früher war Dänemark das gelobte Land für Handballerinnen, mittlerweile ist die Männer-Liga deutlich stärker.

Christensen: Die Situation hat sich komplett verändert. Damals sprachen alle nur über die Frauen, heute füllen die Männer die Hallen. Als ich selbst aktiv war, zählte nur Männer-Handball. Dann gewannen die Frauen 1996, 2000 und 2004 dreimal in Folge olympisches Gold, während sich die Männer zwischen 1984 und 2008 nicht einmal qualifizierten. Das änderte sich erst, als Wilbek das Team übernahm und Erfolg hatte. Plötzlich schnellten auch die TV-Quoten in die Höhe. Als wir im Januar in Schweden das Halbfinale und das Endspiel der Weltmeisterschaft erreichten, saßen in Dänemark drei Millionen Zuschauer vor den TV-Geräten. Und das bei gut fünf Millionen Einwohnern. Unsere Handballer sind prominenter als die Fußballnationalmannschaft. Aber dass der Fokus beim Handball nur auf den Männern liegt, ist schlecht.

Frage: Warum?

Christensen: Auch im Europäischen Handball-Verband EHF haben wir nur für die Männer das Professional Handball Board mit Spielern, Ligen, Clubs und Verbänden. Erst jetzt gibt es dort eine Arbeitsgruppe auch für den Frauenhandball - nicht mit grauhaarigen alten Männer, sondern mit Marit Breivik (ehemalige norwegische Nationaltrainerin, Anm.d.Red.) und Top-Spielerinnen, die auf allen Ebenen arbeiten. Nach all den Erfolgen und der in der Vergangenheit gewonnenen Popularität, wäre es fatal, wenn wir den Frauenhandball vernachlässigten.

Frage: Derzeit schaut alles auf Dänemark - um das System zu kopieren oder ganz neue Wege zu finden.

Christensen: Auf beides müssen wir vorbereitet sein, denn Erfolg ist nicht ewig. Wir müssen deshalb immer einen Schritt voraus sein. Bei den Männern haben wir in den vergangenen Jahren nach Frankreich geschaut und uns gefragt: Was zur Hölle machen sie dort? Warum ist es so schwierig für uns, sie zu schlagen? Vor dem Anpfiff des WM-Finals 2011 waren wir mental ein, zwei Schritte hinter den Franzosen, weil sie es gewohnt waren, Titel zu gewinnen. Doch in der Verlängerung hatten wir sogar die Chance, das Spiel für uns zu entscheiden. Nachher waren wir aber nicht zu enttäuscht, weil wir nun nah an Frankreich dran sind. Aber wir verlieren auch die anderen europäischen Teams nicht aus dem Blick. Deutschland hat zum Beispiel wunderbare Talente. Die Art, wie uns diese Mannschaft im Finale der U-21-Weltmeisterschaft geschlagen hat, war exzellent. Ich bin wirklich gespannt, wie es gelingt, diese Talente an die Nationalmannschaft heranzuführen.

Das Interview führte Tim Oliver Kalle

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Nonvaio01 09.11.2011
1. richtig
Zitat von sysopKleines Land, großer Erfolg: Dänemarks Handball-Teams überzeugten in diesem Jahr mit starken Leistungen und Medaillengewinnen. Im Interview mit dem "Handball-Magazin" erklärt der Generalsekretär des dänischen Verbandes, Morten Stig Christensen, das Geheimnis des Erfolges. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,795505,00.html
Genauso wie Fussball und Basketball. Sport ist keine Arbeit, es soll spass machen, und wenn man spielwitz hat dann kommen ergebnisse von alleine. Ich finde es schrecklich wenn immer von Arbeit bei Fussball gesprochen wird. Wir muessen besser auf dem Platz arbeiten....ein schrecklicher kommentar. Wenn ich Barca sehe sieht das nicht nach Arbeit aus.
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