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Darts-Weltmeister Anderson: Triumph des kurzsichtigen Kaminbauers

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Darts-Finale: Ein Kuss für den Pfeile-König Fotos
Getty Images

Gary Anderson ist kurzsichtig und erkennt Details auf dem Darts-Board nur schwer - trotzdem verteidigte er seinen WM-Titel. Der Schotte ist ein Superstar der Szene, anmerken lässt er sich das aber nicht.

Eine ziemliche Last habe er auf seinen Schulter gespürt, gab Gary Anderson zu, nachdem er seinen WM-Titel im Darts-Finale von London gegen den Engländer Adrian Lewis verteidigt hatte: "Meine Schultern hingen einfach runter, ich wusste gar nicht, was los war", sagte er dem "Guardian". Und dann musste Anderson, Spitzname "The Flying Scotsman", auch noch die Sid Waddell Trophy in die Höhe stemmen. 71 Zentimeter hoch und 25 Kilogramm schwer ist dieses Ungetüm aus Marmor, Granit und Silber. "Da hab ich mich gleich noch mal verhoben", schmunzelte Anderson.

Der Titelverteidiger war sichtlich erleichtert, nach dem 7:5 in der Neuauflage des WM-Finales von 2011. Hatte er doch die Leichtigkeit, die den 45-Jährigen noch im grandiosen Halbfinale ausgezeichnet hatte, im finalen Duell lange vergeblich gesucht.

Besonders am Anfang hatten die beiden Spieler Probleme, Anderson warf im ersten Satz schwach und verlor deutlich. Eine ganz schöne Quälerei sei es zunächst gewesen, sagte Anderson später. "Nachdem ich so fantastisch gespielt habe, dachte ich, im Finale wird es ähnlich laufen. Aber sobald wir auf der Bühne standen, ging gar nichts mehr. Bei Adrian war es das Gleiche." Tatsächlich spielte auch der Engländer, ebenfalls zweifacher Weltmeister, unter seinen Möglichkeiten. Und so wurde es nicht das hochklassigste Match des Turniers, aber das vielleicht spannendste. Beide schafften abwechselnd Breaks, gewannen also einen Durchgang, obwohl der Gegner zuerst werfen durfte.

"Ich sehe Zahlen, die gar nicht da sind"

Anderson verbesserte seine Trefferquote im Laufe des Spiels, besonders spektakulär waren aber seine beiden Aussetzer, als er auf falsche Felder warf. "Ich sehe Zahlen, die gar nicht da sind", sagt der kurzsichtige Anderson, hinzu sei die Aufregung gekommen und das erneut grandiose Publikum. So warf er im Finale bei zwölf Punkten Rest fälschlicherweise auf das Doppelfeld der Eins. "Das Board erkenne ich super, aber weiter außen bei den Doppel- und Triple-Feldern habe ich Probleme. Kontaktlinsen mag er nicht, eine Laseroperation fürchtet er. Mit der Lesebrille ging es im Training eigentlich ganz gut, "doch die haue ich mir irgendwie immer von der Nase".

Man hört Anderson an, dass er sich nicht allzu ernst nimmt, Star-Gehabe ist dem gelernten Kaminbauer fremd. Am liebsten verbringt er die Zeit mit seiner Frau Rachel und seinem 20 Monate alten Sohn Tai. Seine Familie, zu der auch noch zwei Söhne aus erster Ehe gehören, half ihm, schwere Zeiten zu überstehen: 2011 starb sein Bruder Stuart an Herzversagen, kurz darauf verlor Anderson seinen Vater. "Danach hatte ich keine Lust mehr auf Darts." Er stürzte ab bis auf Platz 21 der Weltrangliste, eine sportliche Tragödie für die aktuelle Nummer zwei der Welt.

Erst mit der Geburt von Tai sei die Freude am Leben und auch die Freude an seinem Sport zurückgekommen. 2014 hatte er in der dritten Runde der WM gegen den späteren Sieger Michael van Gerwen verloren, obwohl er der klar bessere Spieler war. "Diese Niederlage war ein Wendepunkt. Danach habe ich mich erst mal im Trainingsraum eingeschlossen und geübt, geübt, geübt." Zuvor war Anderson für seine Faulheit berüchtigt. "Ich trainiere wirklich nicht viel, manchmal wochenlang nicht", hatte er mal zugegeben.

Auch als Weltmeister sehr bescheiden

2015 gelang ihm dann der erste WM-Triumph, als er den Rekordchampion Phil Taylor 7:6 besiegte. Sein Leben änderte sich danach, nicht nur dank des Siegerchecks von 250.000 Pfund, nach dem erneuten Triumph kommen weitere 300.000 Pfund (rund 400.000 Euro) zu seinem Jahrespreisgeld von 626.250 Pfund.

Darts wurde immer populärer und der Weltmeister ein gefragter Interviewpartner. Plötzlich hatte Anderson viel mehr Termine, zum Heimwerken, seinem Lieblingshobby, kam er kaum noch. "Ich wollte einfach weiter spielen und Wettkämpfe gewinnen", sagt er. Auf das Drumherum könnte er gut verzichten, das Twittern überlässt er zum Beispiel seiner Frau. "Ich sage ihr, was sie schreiben soll. Ich kann mit diesen Handys nicht umgehen." Mit dem Trubel um seine Person aber hat er gelernt umzugehen. "Wenn ich etwas unterschreiben soll, tue ich das gern. Aber ich schreibe immer nur meinen Namen, nie 'Weltmeister'", sagt Anderson.

Und wenn er Leute trifft, die nicht wissen, wer Gary Anderson ist, dann stellt er sich vor und sagt, er spiele Darts. "Und wenn sie dann nachfragen, ob ich gut bin, dann sage ich: 'manchmal'."

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Das macht den Dartsport aus
Dartscheibe
Die Dartscheibe teilt sich in 20 Felder mit Wertigkeiten von 1 bis 20 auf. Dabei sind die Felder mit sich abwechselnden ein- und zweistelligen Zahlen so angeordnet, dass bei einem Wurfabstand von 2,37 Metern eine hohe Treffsicherheit erforderlich und nicht der Zufall entscheidend ist.

Den Mittelpunkt bildet das rote Bull's Eye auf einer Höhe von 1,73 Metern. Ein Treffer bringt 50 Punkte ein. Umgeben wird es von dem grünen Single Bull, welches 25 Punkte beinhaltet.

Des Weiteren ist die Scheibe in zwei Ringe aufgeteilt. Der äußere wird als Doppel-Feld bezeichnet und verdoppelt die geworfene Punktzahl. Der innere Dart Triple-Ring verdreifacht sogar das geworfene Feld und bringt die höchsten Punktzahlen. So ist nicht das Bull's Eye das wichtigste Feld, sondern die dreifache 20.

Ein hochwertiges Board besteht meistens aus afrikanischen Sisal-Fasern, die sich beim herausziehen des Pfeils wieder in ihre ursprüngliche Form zusammenschließen.
Dartpfeile
Für jeden Wurfdurchgang hat ein Spieler drei Pfeile zur Verfügung. Diese bestehen aus der Metallspitze (Tip), einer metallischen Grifffläche (Barrel), einem Zwischenstück (Shaft) und dem Flight, welcher den Flugverlauf stabilisiert.

Ein Dartpfeil darf dabei nicht länger als 30,5 Centimeter bei einem maximalen Gewicht von 50 Gramm sein. Er erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h.
Spielweise
Die gängigste Spielvariante ist das Double Out. Ein einzelnes Leg beginnt meistens bei 501 Punkten. Wer als erster Spieler genau auf null Punkte herunterwirft, gewinnt das Leg. Dazu bedarf es im letzten Wurf jedoch einen Treffer in das Doppelfeld.

Dabei errechnen die Spieler den Punktestand und die notwendigen Kombinationen selbst oder lassen sich von Punkteschreibern und dem Sprecher informieren.

Wenn ein Spieler eine gewisse Anzahl an Legs holt (bei der PDC drei), gewinnt er den Satz. Erreicht ein Spieler eine bestimme Anzahl an Sätzen, gewinnt er das Spiel.

Wirft der Spieler mehr Punkte als erforderlich, hat er sich überworfen und der Wurf wird nicht gewertet.

Mit nur neun Darts, einem 9-Darter beziehungsweise dem perfekten Spiel, ist es möglich, das Leg vorzeitig zu beenden.
Rangliste und die WM
In der bedeutendsten Dartorganisation, der Professional Darts Corporation (PDC), setzt sich die Weltrangliste seit 2007 nach dem gewonnenen Preisgeld der Spieler bei den jeweiligen PDC-Wettbewerben zusammen. Dabei werden die Hauptturniere der vorigen zwei Jahre sowie die restlichen Pro-Turniere des vergangenen Jahres gewertet.

Während der WM, die jedes Jahr im Dezember und Anfang Januar in London ausgetragen wird, werden insgesamt über 1,25 Millionen Pfund (1,9 Millionen Euro) an Preisgeldern verteilt. Der neue Weltmeister steigt in der Weltrangliste weit auf.

Phil Taylor ist 16-facher Weltmeister, die Nummer eins der Welt ist der Niederländer Michael van Gerwen, Gary Anderson ist Titelverteidiger.
Dart-Weltmeister des Verbandes PDC
Jahr Weltmeister Ergebnis Finalist
2015 Gary Anderson 7:6 Phil Taylor
2014 Michael van Gerwen 7:4 Peter Wright
2013 Phil Taylor 7:4 Michael van Gerwen
2012 Adrian Lewis 7:3 Andy Hamilton
2011 Adrian Lewis 7:5 Gary Anderson
2010 Phil Taylor 7:3 Simon Whitlock
2009 Phil Taylor 7:1 Raymond van Barneveld
2008 John Part 7:2 Kirk Shepherd
2007 Raymond Van Barneveld 7:6 Phil Taylor
2006 Phil Taylor 7:0 Peter Manley
2005 Phil Taylor 7:4 Mark Dudbridge
2004 Phil Taylor 7:6 Kevin Painter
2003 John Part 7:6 Phil Taylor
2002 Phil Taylor 7:0 Peter Manley
2001 Phil Taylor 7:0 John Part
2000 Phil Taylor 7:3 Dennis Priestley
1999 Phil Taylor 6:2 Peter Manley
1998 Phil Taylor 6:0 Dennis Priestley
1997 Phil Taylor 6:3 Dennis Priestley
1996 Phil Taylor 6:4 Dennis Priestley
1995 Phil Taylor 6:2 Rod Harrington
1994 Dennis Priestley 6:1 Phil Taylor


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