Aus für deutsche Funktionäre im IAAF Lehrstunde für die Oberlehrer

Im Leichtathletik-Weltverband ist kein deutscher Funktionär mehr vertreten. Denn Netzwerken, Unterstützer umwerben, Posten absichern will gelernt sein. Andere Länder machen es cleverer - das könnte Folgen für die Olympischen Spiele 2024 haben.

Ehemaliges IAAF-Ratsmitglied Digel: Abgang mit Wut im Bauch
Getty Images

Ehemaliges IAAF-Ratsmitglied Digel: Abgang mit Wut im Bauch


Da ist sie wieder, die Diskussion über die schwächelnde internationale Vertretung des deutschen Sports.

Nachdem am Mittwoch in Peking auf dem Kongress des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF der deutsche Verbandspräsident Clemens Prokop nicht ins IAAF-Council gewählt wurde, hat man die Fehler zunächst bei anderen gesucht.

Von goldenen Uhren und ähnlichen Geschenken an Delegierte war die Rede, die dafür gesorgt haben sollen, dass nicht Prokop, sondern etwa arabische Vertreter ins Council gelangten. Der turnusgemäß nach 20 Jahren aus dem Council scheidende ehemalige IAAF-Vizepräsident Helmut Digel hielt es für einen Skandal. Deutschland müsse in diesem Gremium vertreten sein, schimpfte er. Zum zweiten Mal in mehr als hundert Jahren ist Deutschland stattdessen draußen.

Prokop selbst, Verfechter eines harten Anti-Doping-Gesetzes, wollte eine gewisse Missstimmung gegen die "Oberlehrer" aus Deutschland spüren, wie er sagte, "die den Maßstab in der Ethik setzen wollen".

Korrekt ist aber auch, dass es den Deutschen an einer Strategie und an taktischen Mitteln fehlt, wichtige Positionen wie die im IAAF-Vorstand abzusichern.

Prokop passt besser ins Amtsgericht als auf den roten Teppich

Digel und Prokop mochten sich lange Jahre gar nicht. Das ist noch höflich formuliert. Sie hätten besser zusammenarbeiten sollen. Dies hätte auch die Schwächen Prokops auf internationalem Terrain ausgleichen können. Prokop ist ein leicht spröder Typ, er passt besser in ein bayerisches Amtsgericht wie das in Regensburg, wo er als Direktor arbeitet, als auf den roten Teppich einer IAAF-Gala und zur Bussi-Gesellschaft der Sportkonzerne.

Analysiert man die 1500 Führungspositionen in 127 Sport-Weltverbänden, dann schneidet Deutschland zwar noch relativ gut ab und bewegt sich hinter Großbritannien, Italien und den USA in einer zweiten Gruppe auf einer Ebene mit Nationen wie Frankreich, Russland und der Schweiz. Europäische Nationen büßen im Vergleich zu Asien oder Lateinamerika insgesamt zwar ein, halten aber noch 48 Prozent aller Posten und stellen zwei Drittel aller Präsidenten.

Erwartungsgemäß ist der Effekt, den der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit der Wahl von Thomas Bach zum IOC-Präsidenten propagiert hatte, nicht eingetreten. Diese Personalie hat die Stellung der Deutschen international nicht nachhaltig gestärkt. Ein Präsident, der nun in Lausanne über den olympischen Weltsport gebietet, ersetzt nicht die fehlenden Konzepte. In Deutschland rufen Funktionäre wie der Turn-Präsident Rainer Brechtken, ehemaliger Sprecher der Spitzenverbände im DOSB, nun wieder nach der Unterstützung der Politik, allerdings ohne seine Hausaufgaben gemacht zu haben.

Briten haben bessere Funktionärsförderung

Die Wahlen in der IAAF, wo Sebastian Coe zum Präsidenten gewählt wurde, belegen das. Die Briten haben das weltweit umfassendste und vor allem transparenteste System der Funktionärsförderung mit öffentlichen Mitteln entwickelt. Coe, der Olympiasieger, Weltrekordler, Multi-Millionär und Politiker hätte den IAAF-Thron auch ohne dieses Programm besteigen können. Es hat ihm dennoch geholfen.

2006, ein Jahr nach der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2012 an London, die Coe als CEO leitete, wurde in Großbritannien das International Leadership Programme etabliert. Auf dieser Grundlage werden Führungskräfte systematisch ausgebildet und unterstützt. Bezahlt wird das Programm über die Sportbehörde UK Sport. Nach neun Jahren haben bereits mehr als ein Dutzend Nutznießer dieser Förderung wichtige Positionen im Weltsport besetzt.

Parallel zum Leadership-Programm gibt es ein weiteres Programm für die Förderung von Frauen. So haben die Briten unter den zehn Top-Nationen der Welt den mit Abstand höchsten Frauenanteil: ein Viertel aller Führungspositionen wird von Frauen besetzt. Unter deutschen Funktionären, die international punkten, beträgt die Frauenquote nur zwölf Prozent.

DOSB setzte einzig auf Bach als IOC-Präsident

Etwas Ähnliches wie Großbritannien kann der DOSB nicht bieten, lediglich ein Seminarangebot mit dem Titel Pfade zum Erfolg. Finanziert über den IOC-Fond Olympic Solidarity hat beispielsweise der DOSB-Aktivensprecher Christian Schreiber, ein ehemaliger Ruderer, einen Lehrgang besucht. Die Briten organisieren so etwas selbst und bilden ihre Nachwuchskräfte aus. Auch die Kanadier machen das so.

Der DOSB setzt sehr auf das gemeinsame Büro mit dem Europäischen Olympischen Komitee (EOC) in Brüssel. Ansonsten erschöpfte sich das internationale Konzept seit DOSB-Gründung im Jahr 2006 bis zum September 2013 darin, Thomas Bach zum IOC-Präsidenten zu machen.

Bach wäre es wahrscheinlich auch ohne das DOSB-Netzwerk geworden. Sein Beispiel lässt sich nicht verallgemeinern, er ist ein sportpolitisches Naturtalent, hatte mit Juan Antonio Samaranch und Horst Dassler die besten und umstrittensten Lehrmeister, hat 30 Jahre für die IOC-Krönung gearbeitet und hatte am Ende auch etwas Glück, weil sich kein Gegenkandidat von überragender Statur fand.

Deutsche in Spitzensportämtern
    Neben Bach gibt es drei deutsche Präsidenten in den 35 olympischen Welt-Fachverbänden, allerdings in Randsportarten. Neben den seit mehr als zwei Jahrzehnten amtierenden Klaus Schormann (UIPM/Moderner Fünfkampf) und Josef Fendt (FIL/Rodeln) amtiert seit 2014 auch Thomas Weikert in der ITTF (Tischtennis) als Verbandsboss, allerdings ohne eine Wahl gewonnen zu haben. Der langjährige Präsident Adham Sharara (Kanada) war amtsmüde geworden, wurde Chairman. Deutschland hat mit Ingo Weiss (FIBA/Basketball) und Thomas Pfüller (IBU/Biathlon) nur zwei Vizepräsidenten in olympischen Weltverbänden, aber immerhin vier Generalsekretäre: Heike Gößwang (FIBT, Bob- und Skeleton), Nicole Resch (IBU, Biathlon), Horst Lichtner (IIHF, Eishockey) und Franz Schreiber (ISSF, Sportschießen). Im nichtolympischen Bereich stellen die Deutschen fünf Präsidenten. Im Eisstockschießen, Minigolf oder Casting, eine Art Trockenangeln.
Auch diese personellen Konstellationen lassen für die Olympiabewerbung von Hamburg das Schlimmste befürchten. Im Vergleich dazu sind die Franzosen, die mit Paris klarer Favorit auf die Sommerspiele 2024 sind, zunehmend besser aufgestellt. Und erst die Italiener, deren Funktionärsgarde zwar vergreist, die aber noch in insgesamt 19 Verbänden und Institutionen, sieben olympischen und zwölf nicht-olympischen, die Präsidenten stellen - in mehr als doppelt so vielen Föderationen wie die Briten.

Italiens NOK-Präsident Giovanni Malagó ist der neue Star der Olympia-Lobby: ein vielsprachiger Charmeur, der keinen Termin auslässt, jeden wichtigen Funktionär kennt und selbst erkannt wird, ein trinkfester Netzwerker, der immer eine Montecristo-Zigarre im Angebot hat. Malagó macht zweifelsfrei schon jetzt Punkte für den Olympiabewerber Rom. Er ist so ganz anders als Clemens Prokop oder DOSB-Präsident Alfons Hörmann, der sich, wenn er schon mal auf IOC-Terminen auftaucht, lieber an einen Tisch mit seinen deutschen Gefährten setzt.

Italiens NOK-Präsident Malagó: Trinkfester Netzwerker
AFP

Italiens NOK-Präsident Malagó: Trinkfester Netzwerker



insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
larry_lustig 20.08.2015
1. Dann können wir ja hoffen
, dass diese Geldverschwendung nicht in Deutschland stattfindet und die Bewerbung Hamburgs scheitert.
ein-berliner 20.08.2015
2. Wirklich schade
TOGO sollte mehr Funktionäre stellen, nicht nur für Skilanglauf und Kugelstossen im All begrenzt werden. Die Disziplinen Kirschkernweitspucken und Knoblauchnusseislutschen sind ja noch frei.
Tante_Frieda 20.08.2015
3. Na ja
Es ist ähnlich wie auch in der EU,bei der EZB etc. immer wieder zu erleben ist:Es reicht doch vielen,dass Deutschland reichlich Geldüberweisungen tätigt.Auf Präsenz der Deutschen in Entscheidungsgremien hingegen legen manche keinen so großen Wert.Aber auch die Bundesrepublik selbst hat es da nicht eilig.Deutsch etwa als Amtssprache ist in Brüssel allenfalls dritte Wahl - obwohl die Deutschsprachigen,zahlenmäßig betrachtet,nicht gerade eine unbedeutende Minderheit bilden.Lieber versucht man,Englisch oder Französisch zu radebrechen.
pevoraal 20.08.2015
4. Es wird Zeit die internationalen Wettkämpfe
wie die Pest zu meiden. Sollen doch die Pharmahersteller ihre Betriebsausflüge zu den Wettkämfen planen - das wäre sls Bildungsurlaub auch steuerlich absetzbar. Der Rest der " sauberen " Sportler kann derweilen ja echte sportliche Wettkämpfe abhalten.
gaga007 20.08.2015
5.
Die deutschen Medien sollten entsprechend reagieren und Leichtathletik-Veranstaltungen weitestgehend ignorieren. Es macht keinen Sinn Geld für Übertragungsrechte auszugeben, wenn deutsche Interessen nicht mehr vertreten werden !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.