Deutsche Reiter-Equipe "Gegen die Millionen der Scheichs kommen wir nicht an"

Ein verletzter Wunderhengst, erstarkte Konkurrenz, reiche Gegner: Die erfolgsverwöhnten deutschen Pferdesportler haben es schwer bei den Weltreiterspielen in der Normandie. Sportchef Peiler verrät, wie es doch klappen könnte mit dem Gold-Abo.

Ein Interview von

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Zur Person:
Dennis Peiler, Jahrgang 1979, ist Geschäftsführer Sport der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei und stellvertretender Vorsitzender der FN-Geschäftsführung. Der promovierte Sportwissenschaftler war selbst viele Jahre lang erfolgreicher Voltigierer.

SPIEGEL ONLINE: Herr Peiler, wenn die deutschen Pferdesportler zu Championaten reisten, war eigentlich immer klar: Die gewinnen Gold. Wie sieht das jetzt vor den Weltreiterspielen in der Normandie aus?

Peiler: Die Zeiten sind leider vorbei. Jede Medaille, egal welche, muss neu und hart erarbeitet werden. Der Sport ist in den vergangenen Jahren sehr global geworden, die Weltspitze in vielen Disziplinen eng zusammengerückt. Kein Land wird den Reitsport je wieder über Jahrzehnte hinweg so dominieren, wie wir es einmal getan haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht man die Pferdesportnation Deutschland damit um?

Peiler: Diese Entwicklung ist gut für den Sport. Auch wenn es eine Floskel ist: Konkurrenz belebt das Geschäft. Wir sind nun ständig dazu angehalten, uns zu hinterfragen. Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Wo können und müssen wir etwas verändern? Der Anspruch an die deutsche Reitsportnationalmannschaft hat sich ja nicht verändert, er ist traditionell enorm.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Erwartungen reisen Sie nach Frankreich?

Peiler: Sehr hohen. Wir treten mit 53 Pferden und 48 Athleten in acht Disziplinen an, und in jeder wollen wir um Medaillen mitkämpfen. In der Dressur haben wir mit dem Team und im Einzel die Chance auf Gold, das Gleiche gilt für die Vielseitigkeit und die Voltigiermannschaft. Bei den Springreitern hängt vieles von der Tagesform und auch ein wenig vom Glück ab. Und wir dürfen die Para-Dressurreiter nicht vergessen, die vor vier Jahren fünf Medaillen gewannen, davon drei goldene. Als übergeordnetes Pflichtziel gilt für uns die Qualifikation für Olympia 2016.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aber kaum nach der Krise des deutschen Pferdesports, von der nach den Olympischen Sommerspielen in London die Rede war.

Peiler: Wir selbst haben nie von einer Krise gesprochen. Wellenbewegungen im Sport sind völlig normal. Wenn überhaupt bezog sich das bei den letzten Olympischen Spielen auf eine unserer Vorzeigedisziplinen: das Springreiten. In London sind wir ohne einen einzigen Podestplatz hinter unseren Erwartungen geblieben, das war enttäuschend. Es lag aber weniger am schlechten Niveau als an individuellen und unglücklichen Fehlern. In der Dressur hingegen haben wir eine Durststrecke durchgemacht.

SPIEGEL ONLINE: Woran lag das?

Peiler: Weil wir seit einiger Zeit einen Generationswechsel durchlaufen. Bei den Weltreiterspielen vor vier Jahren in Kentucky war nur eine Bronzemedaille drin - das war das Maximum. Für die erfolgsverwöhnten deutschen Dressurreiter war das eine kleine Katastrophe. Doch seitdem befinden wir uns in einem stetigen Wiederaufbau, die junge Mannschaft wächst und gedeiht. Das konnte man an dem zweiten Platz in London und der EM-Goldmedaille mit dem Team sowie den zwei Silbermedaillen im Einzel ein Jahr später sehen.

SPIEGEL ONLINE: Kurz vor dem Aufbruch in die Normandie hat sich Totilas verletzt, er wäre der wohl größte Prominente des deutschen Teams gewesen. Haben der Hengst und sein Reiter Matthias Rath eine Sonderrolle im Verband?

Peiler: Die Präsenz von Totilas ist nach wie vor groß. Aber letztlich wären er und Matthias nur ein Teil einer starken Mannschaft gewesen. Vier unserer Paare sind in diesem Jahr mehr als nur einmal über 80 Prozent, also überragend geritten. Es ist schade für die beiden und uns, dass sie nun nicht dabei sind, aber wir haben mit Fabienne Lütkemeier und D'Agostino einen guten Ersatz. Abgesehen davon hat das gesamte Team rund um Totilas aus dem Rummel der Vergangenheit gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich den aus heutiger Sicht noch erklären?

Peiler: Er lag zum einen an Totilas' Ausstrahlung und Leistung - und dann an der hohen Summe, die für das Pferd hingelegt wurde. In Deutschland werden eher selten mehrere Millionen Euro für Pferde ausgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Werden deshalb so viele in Deutschland gezüchtete und ausgebildete Pferde ins Ausland verkauft?

Peiler: In anderen Ländern wird sehr, sehr viel Geld für Pferde bezahlt. Ein jüngeres Beispiel ist der Verkauf von Bella Donna, die mit Meredith Michaels Beerbaum sehr erfolgreich unterwegs war und Anfang des Jahres nach Katar verkauft wurde. Als Verband haben wir da kaum Möglichkeiten, die Top-Pferde an unsere Top-Reiter zu binden, gegen die Millionen zum Beispiel der Scheichs kommen wir nicht an. Wir haben zwar die Stiftung Spitzenpferdesport ins Leben gerufen, um den Spitzensport nachhaltig besser absichern zu können, aber das hilft nichts, wenn einer seine Brieftasche zückt, um gezielt Pferde für den Spitzenbereich zu kaufen. Auch wenn europäische Trainer mittlerweile gleich mitverpflichtet werden, geht es dort vor allem um den kurzfristigen Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Peiler: In einigen Ländern, die hohe Summen für Spitzenpferde bezahlen, gibt es nur eine kleine Elite, die auf Weltniveau mitreiten kann. Wir aber können aus der Breite schöpfen, wir verfügen über Nachwuchs und Erfahrung. Beim systematischen Aufbau des Leistungssports ist Deutschland vielen anderen Nationen noch einen Schritt voraus.



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raber 22.08.2014
1. Ende der deutschen Dominanz im Pferdesport
Deutschland hat in den vergangenen Jahren viele Medaillen geholt weil nicht so reiche Lander gegen das deutsche Geld nicht konkurrieren konnten und auch jetzt nicht können. Mit der Globalisierung sind nun Länder oder Menschen mit noch mehr Geld in diesen Sport eingetreten und die Gewichtsverlagerung liegt nun woanders. Such is life. Vorher hiess es für viele Länder: gegen das Geld der Deutschen kommen wir nicht an. Das Gute ist tatsächlich, dass der Pferdesport in Deutschland aus der Breite schöpfen kann.
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