Südafrikanisches Profiradteam: Der Traum vom Mont Ventoux

Von

Das südafrikanische Profiradteam MTN Qhubeka wurde lange belächelt. Bis es anfing zu gewinnen. Unter Leitung eines Deutschen und mit Stars wie Gerald Ciolek oder Linus Gerdemann ist ein ernstzunehmender Rennstall entstanden. Das große Ziel: die Tour de France.

Radteam MTN Qhubeka: Top-Fahrer und Anfänger Fotos
imago

Deutsche Profisportler haben oft harte Auswahlverfahren in Kindheit und Jugend hinter sich, stundenlanges Training statt Abhängen mit den Freunden, Sportinternat, Förderlehrgänge. Alles für das eine Ziel. Tsagbu Grmay ist Profisportler geworden, weil die Familie ein Fahrrad besaß, sein Glück. Mit dem fuhr der Junge beinahe täglich zur Schule, und nun ist Grmay, mittlerweile 22, der erste äthiopische Meister im Straßenradfahren und Zweitbester auf dem afrikanischen Kontinent.

Grmay besitzt einen Vertrag beim südafrikanischen Rennstall MTN Qhubeka, er verdient sein Geld mit dem Radsport, als einziger Äthiopier. Sein Traum: "Für mein Land an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Und an der Tour de France."

In Äthiopien sind Radfahrer Exoten, sie sind privilegierte Eigentümer eines Fortbewegungsmittels - und eigentlich keine Sportler. Wer es sportlich zu etwas bringen will, läuft. "Bei uns läuft jeder", sagt Grmay, "Äthiopien ist ein Land der Läufer. Ich hoffe, dass ich das ändern kann." Tsagbu Grmay ist ein Held in seiner Heimat, für viele Kinder in den äthiopischen Townships ist er ein Vorbild. Einer der wenigen, die es geschafft haben, herauszukommen und die Welt zu sehen.

Doch alleine hätte Grmay keine Chance gehabt. Sein zweites großes Glück war, dass der frühere Radfahrer Douglas Ryder auf ihn aufmerksam wurde, der Manager von Qhubeka. Mit Unterstützung des Telekommunikationsriesen MTN gründete er 2008 das erste afrikanische Radsport-Profiteam.

"Wir sind ein bunter Haufen"

Was als ambitioniertes Projekt begann, ist zu einer ernstzunehmenden Institution geworden. Vor wenigen Wochen hat der vierte deutsche Profi einen Vertrag bei Qhubeka unterschrieben: Linus Gerdemann, einst T-Mobile-Fahrer und Träger des Gelben Trikots bei der Tour de France. Er ist zu seinen alten Bekannten Gerald Ciolek, Martin Reimer und Andreas Stauff gestoßen. Und zu Grmay, der einer von 15 Afrikanern im 21-köpfigen Team ist.

"Wir sind ein bunter Haufen", sagt Jens Zemke, der sportliche Leiter des Teams. Zemke ist ebenfalls Deutscher, als Radprofi machte er sich in den neunziger Jahren einen Namen. Seit 2001 betreut er Rennställe, unter anderem die Equipe Nürnberger, eine Frauenmannschaft, die er bis an die Weltspitze führte, und das ProTour-Team HTC Highroad. Seit Anfang 2012 arbeitet Zemke für Qhubeka.

Er sei beeindruckt gewesen von der Philosophie des Teams, sagt er: "Qhubeka möchte sich nicht nur selbst weiterentwickeln, sondern auch die Menschen in Afrika mobiler machen. Hinter dem Rennstall steht eine Stiftung, die Fahrräder in afrikanischen Townships verteilt. Das ist einzigartig im Profiradsport." Das Wort Qhubeka heißt Fortschritt, Bewegung, und darum geht es: den Menschen ein fortschrittlicheres Leben durch Bewegung zu ermöglichen, abseits aller afrikanischen Klischees. Viele Kinder erreichen die Schule nur zu Fuß, zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück, täglich ist das kaum möglich.

"Bewegungsfreiheit bedeutet bessere Bildung. Und mehr Chancen, um das Überleben zu sichern. Es wurden mit den Fahrrädern schon kleine Unternehmen gegründet, Transport- oder Botendienste", sagt Zemke. Verschenken könnten sie die stabilen, schweren Fahrräder allerdings nicht, "dann wären sie in den Augen der Afrikaner nichts wert". Deshalb müssen diese Bäume pflanzen oder Plastikflaschen sammeln, für 100 Setzlinge oder 100 Kilogramm Plastikmüll gibt es ein Rad.

Erfahrene und Neulinge profitieren voneinander

Bei Qhubeka prallen Welten aufeinander, europäische Stars und afrikanische Radsport-Frischlinge, Häuptlinge und Arbeiter, Christen und Muslime. "Wir haben Deutsche, Italiener, Litauer, Spanier, Äthiopier, Eritreer, Ruander, Algerier und Südafrikaner im Team", sagt Zemke. "Wir sind anders." Weil sich das Team seit 2013 nach dem europäischen Radsportkalender richtet, müssen sich viele afrikanische Fahrer für jeweils drei Monate am Stück - so lange sind ihre Visa gültig - von ihren Familien verabschieden. "Das fällt einigen schwer", sagt Zemke. Douglas Ryder hat deshalb eine Basis im italienischen Lucca eingerichtet, ein großes Haus, in dem sich die afrikanischen Fahrer heimisch fühlen sollen.

In Europa lernen sie nicht nur eine neue Kultur kennen. Sie lernen auch, wie Radrennen funktionieren, ein Prozess, der einige Zeit braucht. "Bei der diesjährigen Portugal-Rundfahrt fuhr erstmals ein Fahrer von uns im Gelben Trikot, wir mussten es verteidigen. Man braucht Erfahrung, um zu wissen, wie das geht", sagt Zemke. Die Schonfrist für sein Team ist vorbei, seit Beginn dieses Jahres besitzt es den Professional-Continental-Status und kann damit auch bei Rennen der UCI World Tour starten.

"Es war ein erster Versuch, wir wussten selbst nicht, was dabei herauskommen würde", sagt Zemke. Heraus kamen: 14 UCI-Siege, mit Mailand-San Remo gewann Gerald Ciolek sogar einen Klassiker. Es soll noch weitergehen, die Krönung wäre eine Medaille bei den Weltmeisterschaften vom 21. bis 29. September in der Toskana.

Im kommenden Jahr ist mindestens eine große Rundfahrt geplant, der Giro d'Italia oder die Vuelta. Auch dafür ist es wichtig, erfahrene Profis wie Ciolek oder Gerdemann im Team zu haben. "Es reicht nicht, die Afrikaner auszubilden. Um eine Chance zu haben, brauchen wir Top-Fahrer", sagt Zemke.

Im besten Fall profitieren auch diese von der Zusammenarbeit, wie der neu verpflichtete Gerdemann. Er hatte im vergangenen Jahr kein Team gefunden, der Kumpel Ciolek holte ihn jetzt nach Südafrika. Der 30-Jährige hofft bei Qhubeka auf eine zweite Chance und darauf, noch einmal bei der Tour de France antreten zu dürfen. In einem Team mit dem äthiopischen Meister.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ich freue mich
michlauslöneberga 16.09.2013
Zitat von sysopimago Das südafrikanische Profiradteam MTN Qhubeka wurde lange belächelt. Bis es anfing zu gewinnen. Unter Leitung eines Deutschen und mit Stars wie Gerald Ciolek oder Linus Gerdemann ist ein ernstzunehmender Rennstall entstanden. Das große Ziel: die Tour de France. http://www.spiegel.de/sport/sonst/das-suedafrikanische-profiteam-mtn-qhubeka-a-921608.html
bereits schon jetzt auf diese ganz doll lustigen Euphemismen einiger Foristen... Radelnde Leistungsschau der Pharmaindustrie und ähnliche geistreiche Bonmots. Inhaltlich vielleicht etwas dürftig und sattsam bekannt, aber auf alle Fälle ungeheuer kritisch...
2. Gute Sache
anomie 16.09.2013
wenn Afrika im Radsport künftig immer mehr vertreten ist. Achja, 3,2,1: her mit den gehässigen und neunmalklugen Doping-Kommentaren!
3. stimmts denn nicht?
chuckal 16.09.2013
Zitat von michlauslönebergabereits schon jetzt auf diese ganz doll lustigen Euphemismen einiger Foristen... Radelnde Leistungsschau der Pharmaindustrie und ähnliche geistreiche Bonmots. Inhaltlich vielleicht etwas dürftig und sattsam bekannt, aber auf alle Fälle ungeheuer kritisch...
gab es da nicht mal einen Grund für diese Kommentare...? mein Gedächtnis ist soo mies...
4. Ich freu mich
joergkirchberger 16.09.2013
darauf das neue Team bei den nächstjährigen Klassikern im TV beobachten zu können. Den Foristen, die die Dopingsünderjagd so ins lächerliche ziehen sei gesagt, dass dieser ganze Dopingmist schon lange vergessen wäre, wenn es nicht andauernd Lügner und Leugner im Dunstkreis der Pillenschlucker gegeben hätte. Es wurde nicht zuviel berichtet-es wurde zu wenig aufgeklärt-auch über die Gesundheitsrisiken.
5. Genau....
spon72 16.09.2013
Zitat von chuckalgab es da nicht mal einen Grund für diese Kommentare...? mein Gedächtnis ist soo mies...
....deshalb werde ich auch zukünftig in allen hiesigen Fußballforen mein Bashing in Sachen Rasentreter ablassen! Ich freu mich schon auf den beim Blutdoping erwischten, homophob artikulierenden und doch selbst schwulen, mit rassistischen Fankreisen verbandelten Fußballnationalspieler, der zudem gute Kontakte in die serbokroatische Wettspielszene besitzt! Habe ich noch ein Problem der beliebtesten Nebensache der Welt vergessen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Radsport
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare