DDR-Doping Ex-Schwimmtrainer Kipke zu bisher höchster Strafe verurteilt

Das Berliner Landgericht sprach den mittlerweile 72-Jährigen der Körperverletzung an minderjährigen Schwimmerinnen in 58 Fällen schuldig. Der Anwalt der Nebenklage hält das Urteil am "Mengele des DDR-Dopingsystems" für schlichtweg "peinlich".


Berlin - Der frühere DDR-Schwimmverbandsarzt Lothar Kipke ist am Mittwoch zu der bislang höchsten Strafe wegen systematischen Dopings im DDR-Sport verurteilt worden. Die 22. Strafkammer des Berliner Landgerichts verurteilte den 72-Jährigen zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten, die zur zweijährigen Bewährung ausgesetzt wurde.

Kipke habe sich durch sein Mitwirken an der Vergabe von Anabolika an minderjährige Schwimmerinnen der Körperverletzung in 58 Fällen schuldig gemacht, entschied das Gericht. Zudem muss er 7500 Mark Geldbuße an einen gemeinnützigen Verein zahlen. Kipke hatte die Vorwürfe der Anklage zugegeben. Sein Anwalt wird keine Revision einlegen. "Zufrieden kann man nach einem solchen Urteil nicht sein. Aber ich bin erleichtert, dass es vorbei ist", sagte Kipke anschließend.

Lothar Kipke: "Bin erleichtert, dass es vorbei ist"
AP

Lothar Kipke: "Bin erleichtert, dass es vorbei ist"

Über diesen Richterspruch sehr erbost zeigte sich dagegen Nebenkläger-Vertreter Michael Lehner, der zweieinhalb Jahre Haft ohne Bewährung gefordert hatte und hinterher von einem "peinlichen" Urteil sprach. Der Vorsitzende Richter Peter Faust hatte ihn dagegen belehrt: "Höchststrafe für Beihilfe zur Körperverletzung sind nach unserem Recht zwei Jahre." Der Heidelberger Jurist, der auch Anwalt von Olympiasieger Dieter Baumann ist, hatte Kipke vor Prozessbeginn als "Mengele des DDR-Dopingsystems" bezeichnet, der die Nebenwirkungen der Anabolika gekannt und auch Versuche gestartet habe.

Der wegen seiner angeblichen Brutalität beim Verabreichen von Spritzen auch vom früheren DDR-Sportmediziner Manfred Höppner in Stasi-Unterlagen erwähnte Kipke hatte ausgesagt, nicht im vollen Umfang über Nebenwirkungen wie Stimmvertiefung oder starke Behaarung informiert gewesen zu sein. Ihm seien erst gegen Ende der siebziger Jahre Bedenken wegen der Vergabe von Oral-Turinabol-Tabletten gekommen. Mögliche Schädigungen von Embryonen seien ihm nicht bekannt, unterstrich Kipke.

In den vorangegangenen vier Prozessen wegen systematischen Dopings waren in Berlin maximal Bewährungsstrafen bis zu einem Jahr verhängt worden.



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