DDR-Sport Dopingopfer wollen gegen Jenapharm klagen

Der Schlichtungstermin brachte keine Einigung, jetzt sieht man sich vor Gericht. 160 Dopingopfer des DDR-Sports wollen nun vom Pharmaunternehmen Jenapharm ihre Entschädigungsgelder für die Verabreichung von angeblich inoffiziellen Medikamenten auf juristischem Weg erstreiten.


Hamburg - "Was wir unbedingt vermeiden wollten, ist nun unausweichlich geworden. Wir müssen Einzelfälle öffentlich machen", kommentierte Klaus Zöllig, der Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe (DOH), die Situation nach dem vergeblichen Schlichtungsversuch mit dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) und dem Arzneimittelhersteller Jenapharm.

Bis zum Donnerstag hatten die 160 vom DOH vertretenen Athleten auf eine freiwillige Entschädigungspauschale von Jenapharm und NOK in einer Größenordnung von etwa zwei Millionen Euro gehofft. Diese Summe war bereits von der vorigen Bundesregierung für einen staatlichen Hilfsfonds bereitgestellt worden. Nun ist klar, dass der Weg zu weiteren Zahlungen nur noch über Einzelklagen führt.

Dem sieht Jenapharm gelassen entgegen, wie Geschäftsführerin Isabel Rothe dem sid sagte: "Den Anwälten steht frei, gegen uns vor ein ordentliches Gericht zu ziehen. Das ist legitim. Für Jenapharm ist entscheidend, dass wir massiven Vorwürfen ausgesetzt sind, die bis jetzt nicht ausreichend fundiert und begründet sind." Sie bezog sich dabei auf ein Gutachten des Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke von Ende 2004, der der Verstrickung des Thüringer Unternehmens in das Staatsdopingsystem der DDR nachgegangen war.

Franke hatte vornehmlich aus Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und weiteren DDR-Ministerien belegt, dass von Jenapharm nicht einmal offiziell in der DDR-Arzneimittelliste vermerkte androgene Hormonpräparate unter den Spezialbezeichnungen STS 646, STS 648, STS 482 und "Substanz XII" hergestellt und heimlich in Umlauf gebracht worden waren.

Allein im Olympiajahr 1988 waren den Unterlagen zufolge vom Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Jena 60.000 Doping-Tabletten der Bezeichnung STS 646 (Mestanolon) bestellt worden. Die Menge habe für 20.000 bis 30.000 "Behandlungstage" bei Gewichthebern, Ringern, Schwimmern und bei den Leichtathleten in den Wurf- und Stoßdisziplinen ausgereicht.

Bis spätestens zum Sommer will Franke einen zweiten Teil seines Dossiers folgen lassen. "Das wird gerichtsfestes Material sein, dann könnten wir sofort loslegen", versicherte Zöllig. "Allerdings wehren sich viele Betroffene noch mit Händen und Füßen dagegen, dann durch die Medien gezogen zu werden", sagte der DOH-Vorsitzende. Hinzu kommen die finanziellen Belastungen. Allein das Schlichtungsverfahren hat den aus Spenden fianzierten DOH rund 5000 Euro gekostet.

Viel Bedenkzeit bleibt den Opfern nicht. "Innerhalb der nächsten sechs Monate müssen die Klagen wegen drohender Verjährung auf dem Tisch sein", sagt Zöllig. "Dieser Zeitdruck erschwert die persönlich sehr schwierige Entscheidung für die betroffenen Sportler zusätzlich."

sge/sid



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