Kerber-Erfolg in Australien Der kleine Unterschied zwischen Katastrophe und Triumph

Der Turniersieg von Angelique Kerber bei den Australian Open weckt die Hoffnung auf einen neuen Tennisboom in Deutschland. Doch die Siegerin weiß aus eigener Erfahrung, dass es auch schnell wieder bergab gehen kann.

Australian-Open-Gewinnerin Kerber: Ab sofort zu den Favoritinnen gehörend
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Australian-Open-Gewinnerin Kerber: Ab sofort zu den Favoritinnen gehörend

Von Philipp Joubert


Es war der 19. Januar 2015, Auftakt der Australian Open. Die deutschen Damen blickten mit Optimismus ins neue Tennisjahr. Angelique Kerber stand unter den Top Ten, Andrea Petkovic hatte im Vorjahr bei den French Open das Halbfinale erreicht und Sabine Lisicki war in Wimbledon in die Runde der letzten acht eingezogen. Zusammen hatten alle drei das Fed-Cup-Finale im November erreicht.

Die Tennisverantwortlichen frohlockten. Die so oft herbeigesehnte Renaissance des deutschen Tennis schien nicht mehr so weit entfernt wie noch in früheren Jahren. Doch der Tag in Melbourne war noch nicht einmal ganz vorüber, die meisten Fans in Deutschland wohl noch nicht einmal aufgestanden, da war die Hoffnung auch schon wieder vorüber. Kerber und Lisicki waren beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres in der ersten Runde ausgeschieden, am nächsten Tag folgte mit Petkovic die Dritte im Bunde.

Die Krise war perfekt, als Kerber in den Folgewochen nach einer Niederlagenserie aus den Top Ten fiel. Der nächste große Sieg für die ehemalige Tennisnation Deutschland schien doch wieder ganz weit entfernt.

Ein Jahr später hält Kerber den Pokal in der Hand und triumphiert bei den Australian Open.

Was ist also Radikales passiert seit dem Jahresauftakt 2015? Eigentlich nicht viel. Aber genau das ist der Beweis dafür, wie klein der Unterschied zwischen Triumph und Katastrophe im Tennis ist. Wie wenig sich Erfolg in einem Sport vorhersagen lässt, bei dem die Akteure zwar Unterstützung von außen erhalten, sich aber am Ende doch im ewigen Eins-gegen-Eins ganz alleine durchsetzen müssen.

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Australian Open: Kerbers Triumph in Melbourne
Angelique Kerber war schon immer eine talentierte Spielerin. Seit ihrem Durchbruch bei den US Open 2011 wurde sie von den Gegnerinnen geachtet, von vielen, die sich ihrer spielerischen Unerschütterlichkeit geschlagen geben mussten, wohl sogar verflucht.

Kerbers Matches schafften es in den vergangenen Jahren immer wieder auf die bei amerikanischen Sportmedien so beliebten Top-Ten-Listen zum Saisonabschluss. Kerber, das war eine, hieß es dann, die andere besser macht, einfach weil sie jede Gegnerin dazu zwingt, alles aus sich herauszuholen.

Die zwei wichtigsten Schläge verbessert

Doch wie hat die 28-Jährige es von der ewigen Herausforderin zur ersten deutschen Grand-Slam-Siegerin seit Steffi Graf geschafft? Die positive, mutige Einstellung hilft enorm, das betonte Kerber in den letzten Tagen selbst immer wieder. Doch die neue Weltranglistenzweite verbesserte seit dem Ende der Saison 2015 auch die beiden elementaren Schläge eines jeden Tennisspielers - den Aufschlag und den Return.

Gegen Williams, die beste Aufschlägerin der Tennisgeschichte, bekam Kerber fast jeden Ball ins Spiel zurück. Zu Anfang schaute die Weltranglistenerste noch entgeistert, dass ihr kaum einfache Punkte gelingen wollten. Später im Match war sie vom Dauerdruck nervlich so angeschlagen, dass in den entscheidenden Spielen kaum ein erster Aufschlag im Feld landete.

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Australian-Open-Siegerin Kerber: Der Weg zum Titel
Fast noch wichtiger für Kerber: Sie überraschte in Melbourne mit guten Aufschlägen. Schon den abgewehrten Matchball in der ersten Runde hatte sie einem nach außen gedrehten Service zu verdanken. Im Finale, aber auch bei ihrem überraschenden Viertelfinalsieg gegen Victoria Azarenka, beendete sie die Punkte immer wieder mit der wichtigsten Waffe eines jeden Tennisspielers - gerade in engen Situationen. Was Kerbers Aufschlägen an Geschwindigkeit fehlte, glich sie in den vergangenen beiden Wochen mit Präzision aus.

Ab sofort gehört Kerber zu den Favoritinnen

Fast alle neuen Grand-Slam-Turniersieger fallen anschließend in ein kleines Loch. Doch falls Kerber ihre neuen Stärken aus Australien mitnehmen kann, zählt sie auf absehbare Zeit zu den Favoritinnen bei den wichtigsten Turnieren. Gerade in Wimbledon, das ihrem Spiel perfekt entgegenkommt. Ob es je für die Nummer eins reichen wird, steht in den Sternen und hängt wohl auch sehr von Serena Williams ab, die auf absehbare Zeit immer noch die Spielerin ist, die es zu schlagen gilt.

Für das deutsche Tennis ist der Sieg Kerbers sowieso ein Glücksfall. Viele Verantwortliche und Beobachter gaben sich in den letzten Jahren sicher, dass der Sport nur einen Grand-Slam-Sieg vom nächsten Boom entfernt ist. Ein vielleicht vermessener Wunsch in Zeiten, in denen Fußball alles dominiert und die Sport-TV-Auswahl größer denn je ist.

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Fotostrecke: Hurra, ich habe verloren
Aber die neue Aufmerksamkeit dürfte schon am nächsten Wochenende beim Fedcup-Heimspiel gegen die Schweiz in Leipzig zu spüren sein. Nach den verpassten Chancen in den Neunzigerjahren und den Finanzproblemen der vergangenen Jahre wird man beim Deutschen Tennis Bund hoffen, gut vorbereitet zu sein.

Vermutlich wird Kerber in den kommenden ein, zwei Jahren keine deutsche Gesellschaft als Major-Siegerin bekommen. Doch gerade einige ihrer Fedcup-Kolleginnen gehören zu einer Gruppe von dreißig, vierzig Spielerinnen auf der Tour, die ähnliches Potenzial wie Kerber haben.

Neben Petkovic und Lisicki gehören dazu auch die Edeltechnikerin Mona Barthel und die beiden Nachwuchshoffnungen Carina Witthöft und Anna-Lena Friedsam. Letztgenannte stand gerade erst im Achtelfinale der Australian Open. Mit ihren beeindruckenden Grundschlägen besiegte sie fast die Weltranglistenvierte Agnieszka Radwanska. Am Ende scheiterte sie vor allem an der fehlenden Fitness.

Alle diese Spielerinnen haben noch kleine oder etwas größere Schwächen. Aber sie haben gerade gesehen, dass ein Grand-Slam-Sieg mit steter Arbeit machbar ist. Auch wenn er manchmal, wie im Januar 2015, noch ewig weit entfernt scheint.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
gympanse 31.01.2016
1.
Nochmals herzlichen Glückwunsch an Angelique, das war eine Superleistung und auch Frau Wiliams hat allerhöchsten Respekt verdient.
spon_3060852 31.01.2016
2. Annika Beck
Bei den jungen & aufstrebenden dt. Spielerinnen sollte unbedingt Annika Beck nicht ungenannt bleiben. Sie stand bei den AO im Achtelfinale und verlor erst gegen die spätere Siegerin!
Thorkh@n 31.01.2016
3. Ach Leute ...
... macht es doch einfach wie Frau Kerber auch: genießt diesen intensiv-schönen sportlichen Moment! Dieses Turnier, diese Widersprüchlichkeit, diesen Erfolg kann ihr niemand mehr nehmen. Mehr ist doch gar nicht notwendig.
zaunreiter35 31.01.2016
4. Die stetige Arbeit
Das ist die Quintessenz. Man kann das so machen wie Lisicki, die ihre Trainer verschleisst, wenn die meinen, sie müsste mehr trainieren...oder auch wie Kerber, die an ihren körperlichen Fähigkeiten gearbeitet hat. Die ist jetzt austrainierter als früher. Ich hab jetzt bei den Aus. Open festgestellt, dass sie fast schon so Oberschenkel hat wie Friesinger oder Kuznetsova. Find ich gut. Das gilt auch für Laura Siegemund oder Amelie Mauresmo. Die sind bzw. waren auch austrainiert. Kleiner Ausflug in eine andere Sportart: Gabi Soukalova bewundert an ihrer jungen Teamkollegin Lucie Charvatova, dass die so austrainiert sei. Wenn die noch schießen könnte, wäre sie top. Zurück zum Tennis. Früher hat die Journaille sich über die Muckis von Mauresmo aufgeregt, weil das ja nicht "fraulich" aussehe. Heute sind die deutschen Medien stolz auf die "Muckis" von Siegemund. Daran könnte sich die Lisicki ne Scheibe abschneiden, denn schön zu sein, reicht halt alleine nicht. Auch nicht für einen Grand-Slam-Titel.
uksubs 31.01.2016
5. gut,
jedoch nicht sehr gut. kerber hat sich den sieg erkämpft, bei jedem ballwechsel. das soll ihre leistung keinesfalls schmählern. jedoch muss sie meiner meinung nach den aufschlag noch weiter verbessern und auch die winner. sie hat zwar tatsächlich einen sehr platzierten aufschlag, der zweite jedoch ist jeweils eine einladung. und sie muss kämpfen bis ans letzte limit, da sie oft keinen winner spielt. diese beiden "mankos" werden es ansonsten meiner meinung nach unmöglich machen, konstant da oben zu bleiben.
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