Chisora vs. Haye Kampf der bösen Buben

Ist das noch Sport oder nur noch Spektakel? Der Boxkampf zwischen David Haye und Dereck Chisora verspricht wenig Klasse - und wird wohl trotzdem in Erinnerung bleiben.

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Wir starten mit einem kleinen Quiz. Das ist leicht und tut nicht weh. Sie sollen eine Sportart erraten. Als Hinweis bekommen Sie von uns nur die Aussage eines Athleten präsentiert, mehr nicht. Danach sollten Sie die richtige Antwort kennen. Fertig? Los geht's. "Ich glaube wirklich, dass er Hilfe vom Psychiater benötigt. Er sollte sich nach dem Kampf behandeln lassen und sich eine Einschätzung seines Geisteszustands einholen." Na? Richtig, es ist Boxen.

Es ist Samstag, und anhand der hohlen Kampfansage aus der "Sport Bild" können Sie erkennen, dass wieder irgendwo geboxt wird. Die Sache mit dem "Geisteszustand" stammt aus dem Mund des Briten David Haye, einem ehemaligen WBA-Weltmeister, der eigentlich schon lange in Rente ist. Weil er sich vor Monaten aber mit einem anderen Schwergewichtsboxer auf einer Pressekonferenz geprügelt hat, darf er nun ganz offiziell mit seinem Kontrahenten in den Ring steigen.

Der andere Boxer heißt Dereck Chisora, besitzt ebenfalls die britische Staatsbürgerschaft und hat wegen ebenjener Schlägerei keine Lizenz mehr vom eigenen Verband. Das reicht beim Boxen allerdings längst nicht mehr, um eine amtliche Prügelei vor einem Millionenpublikum zu verhindern. In diesem Fall macht der luxemburgische Verband den Kampf möglich, indem er beiden mit einer Lizenz aushilft.

Ein bisschen Thrill gegen die Langeweile

In Deutschland wird seit Tagen über den "Hass-Gipfel" oder das "Skandal-Duell" geschrieben. Das liegt vor allem an der bestens gestrickten Vorgeschichte. Im Februar hatte Chisora gegen Vitali Klitschko in München nach Punkten verloren. Danach kam es auf der Pressekonferenz zu einer Prügelei zwischen ihm und Haye, der natürlich rein zufällig anwesend war. Die beiden lieferten eine tolle Show.

Die Fotografen freuten sich über beeindruckende Bilder, die YouTube-Nutzer anschließend über ein weiteres Highlight. Logisch, dass sich die Wiederholung einer solchen Vorstellung im Ring zu Geld machen lässt. Mit Sport dürfte die Veranstaltung im Stadion des Premier-League-Clubs West Ham United wenig zu tun haben. Es ist kein großer Titelkampf, man wünschte sich, es ginge wenigstens um die Ehre. Stattdessen geht es um viel Geld.

"Dieser Kampf ist nach den Skandalen in der Vergangenheit ein Event, das große Neugier hervorrufen wird", sagte der frühere Sky-Sportchef Carsten Schmidt. Damit könnte er recht haben. Denn das Schwergewichts-Boxen steckt in der Krise. Die Dominatoren Vitali und Wladimir Klitschko gewinnen in Serie, langweilen aber die Fans. Es ist ein bisschen wie im Fußball, den die spanische Nationalmannschaft seit Jahren beherrscht und sich deshalb auch noch Vorwürfe gefallen lassen muss.

Und anschließend gegen die Klitschkos

Die Veranstaltung in London ist eine unmittelbare Reaktion auf den Status quo: Sie zeigt, wie verzweifelt die Szene nach einem Spektakel sucht. Bei einer Pressekonferenz der beiden wurde gar ein Bauzaun zwischen den Kontrahenten aufgestellt, weil das so schön bedrohlich aussieht. An die Sprüche, die beide Boxer nur zu gerne absondern, hat man sich längst gewöhnt. Sie sind Teil des Geschäfts. Chisora bezeichnete Haye als "einfach mies". Im Ring werde sein Gegner nur "weglaufen", sagte der 28-Jährige.

Ob das stimmt, kann man hierzulande im Pay-TV - und ab 22 Uhr im Liveticker auf SPIEGEL ONLINE - feststellen. Die ARD, die ansonsten unter anderem die Kämpfe von Cruisergewichtler Marco Huck zeigt, verzichtete entgegen einer ersten Ankündigung auf die Übertragungsrechte. Zu viel Angst ums Image. Die Klitschkos haben den Fight zwischen Chisora und Haye als "Freakshow" bezeichnet. Das ist wohl nicht ohne Kalkül passiert.

Zum einen dürfte die Sorge groß sein, dass in den Jahresrückblicken mehr über dieses Event geredet wird als über jeden Kampf der beiden Weltmeister Wladimir und Vitali Klitschko zuvor. Und zum anderen gibt es da ja noch eine andere, lukrative Gelegenheit. Der Sieger des Kampfs am Samstag könnte immerhin ein kommender Gegner sein.

Nachdem Haye seinen WM-Kampf gegen Wladimir Klitschko im Juli 2011 in Hamburg verloren hatte, könnte er nun für Vitali interessant werden. Und sollte Chisora triumphieren, gibt es ja noch Wladimir.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
f.dosto 14.07.2012
1. Frechheit!
Typisch öffentlich-rechtlich, pseudomoral vor öffentlichem Interesse. Dass es Millionen Zuschauer gibt, die diesen Kampf oder besser das Spektakel gerne sehen würden scheint diesen Scheinheiligen völlig egal. Entscheidet jetzt schon die ARD was Sport ist und was nicht? Was der (un-)mündige Zuschauer sehen darf und was nicht? Öffentliche Gelder ja, Progamm von öffentlichem Interesse nein bzw. nur bei gefühlter moralischer Integrität. Grauenhaft!
alxmessenger 2212 14.07.2012
2.
Das wird heute lustig. Yay.
stevowitsch 14.07.2012
3. Interesse
Zitat von f.dostoTypisch öffentlich-rechtlich, pseudomoral vor öffentlichem Interesse. Dass es Millionen Zuschauer gibt, die diesen Kampf oder besser das Spektakel gerne sehen würden scheint diesen Scheinheiligen völlig egal. Entscheidet jetzt schon die ARD was Sport ist und was nicht? Was der (un-)mündige Zuschauer sehen darf und was nicht? Öffentliche Gelder ja, Progamm von öffentlichem Interesse nein bzw. nur bei gefühlter moralischer Integrität. Grauenhaft!
Iss ja gut. Ich frage mich allerdings, warum der Artikel bei SPON im Sportteil erscheint?! Gehört das nicht eher ins "Panorama"? ;)
ramses77 14.07.2012
4. na ja...
als Boxfan, der von den Pseudokämpfen der Klitschkos die Nase voll hat, würde ich den Kampf Haye gegen Chisora schon gern sehen...als GEZ-Gebührenzahler halte ich diesen Kampf aber nicht für ein Event, welches die ARD (Grundversorgungsauftrag blablabla...) übertragen muss, der Kampf ist bei den Privaten oder eben Pay-TV schon richtig aufgehoben
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