Deutsche Fußballerinnen: "Bei uns war der Knoten drin"

Von , Peking

Sie haben Bronze geholt, aber nur mit Mühe: Die deutschen Fußballerinnen haben in Peking das schwächste Turnier seit vielen Jahren gespielt, ihre Formkurve zeigt deutlich nach unten. Bis zur WM im eigenen Land hat Bundestrainerin Silvia Neid viel zu tun - das sieht auch Spielführerin Birgit Prinz so.

40 Minuten nach Spielschluss sieht Fatmire Bajramaj schon wieder frisch aus. Die Frisur inklusive hochgestecktem Pferdeschwanz sitzt. Trotz des vorangegangenen Spiels um Platz drei gegen Japan, und obwohl die junge Mittelfeldspielerin vom FCR Duisburg nach der Partie ganz augenscheinlich noch nicht geduscht hat. Im Nationaltrikot, in dem die 20-Jährige nach ihrer Einwechslung in der 59. Minute beim 2:0-Erfolg beide Treffer erzielt hat, steht sie da. Und das bekannte Modebewusstsein der gebürtigen Kosovarin wird abgerundet durch die schwarz-rot-gold lackierten Fußnägel, die in schlichten Badeschlappen stecken.

Das Flüchtlingskind Fatmire Bajramaj, die mit vier Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland kam, trägt ihr Nationalbewusstsein offen zur Schau. Sie ist stolz, auch wenn es nicht zu Gold gereicht hat. Es ist wieder Bronze und damit ein Hattrick nach den dritten Plätzen bei den Spielen in Sydney und Athen geworden.

Die hat sich Bajramaj zwar noch vor dem Fernseher angeschaut, trotzdem reicht es für einen offensiven Ausblick auf das nächste Olympiaturnier in London. "Ich hoffe, dass es 2012 dann endlich mal Gold wird. Dreimal Bronze - irgendwann muss damit schließlich Schluss sein."

So weit wollte Neid nach dem mühevollen Sieg gegen die Japanerinnen noch nicht denken. Mit den Aufräumarbeiten nach einem insgesamt enttäuschenden Turnier sollte sich die Bundestrainerin sehr schnell beschäftigen. Denn der Frust über die 1:4-Niederlage gegen Brasilien im Habfinale war ihren Weltmeisterinnen auch beim finalen Auftritt in Peking deutlich anzumerken. Der Abschied der Neid-Elf von Olympia verlief zwar erfolgreich, abgesehen von zwei sehenswerten Bajramaj-Toren aber spektakulär unspektakulär - stellvertretend für die beiden Wochen in China.

Es war das schwächste Turnier einer deutschen Frauenauswahl seit vielen Jahren, Neid wollte das gar nicht leugnen. Die Abwehr, die in fünf von sechs Spielen ohne Gegentor blieb, gegen Brasilien aber umso heftiger ins Hintertreffen kam, habe ja noch "relativ gut gestanden", lobte die Cheftrainerin. Damit war das leise Loblied aber auch schon ausgesungen - und Neid kam auf das zentrale Problem zu sprechen. "Beim Spiel nach vorne hat uns einfach die Qualität gefehlt", bemängelte die 44-Jährige - "und zwar in allen Spielen".

Im Schatten der überragenden Torhüterin Nadine Angerer, die auch gegen Japan wieder mit glänzenden Paraden einen Rückstand verhinderte, und der konstant guten Sturmführerin Birgit Prinz wurde es schnell sehr flau im Team des Weltmeisters. In drei Jahren steht die Titelverteidigung bei der Heim-WM an. Auf dem Weg dorthin gibt es nun reichlich Arbeit für Neid, das sieht auch Prinz so. Zu Wort gemeldet hat sich die Spielführerin schon von ganz allein, und das deutlich. "Wenn man den Turnierverlauf betrachtet, kann man mit Bronze sehr zufrieden sein", sagte Prinz und fügte hinzu: "Das ist zwar eine harte Aussage, aber das ist nun einmal meine Einschätzung."

Ob die 30-Jährige vom 1. FFC Frankfurt, ein ausgesprochener Bauchmensch, im Nationalteam aufhört, ist ebenso unklar wie der Fall der Linksverteidigerin Kerstin Stegemann, 30. Klar ist bislang nur, dass Mittelfeldregisseurin Renate Lingor, 32, nach einem schwachen Turnier am Donnerstag ihr letztes Spiel im DFB-Dress bestritten hat. Alle anderen werden wohl an Bord bleiben und sich im Oktober zum nächsten EM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz wiedersehen.

Bis dahin sollte dann auch der schwache Auftritt analysiert sein. Auf die Schnelle hatte Bajramaj keine Erklärung für den dürftigen Unterhaltungswert der deutschen Spiele parat. "Die WM im letzten Jahr war natürlich besser", sagte die Doppel-Torschützin und zuckte mit den Schultern. "Bei uns", analysierte Bajramaj mit einem etwas gequältem Lächeln das frisch beendete Turnier, "war oft der Knoten drin. Dann ist er geplatzt, dann war er wieder zu. Und heute ist er wieder geplatzt." Wenigstens bei ihr.

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Forum - Olympische Spiele 2008 - Edelmetall oder Blech?
insgesamt 473 Beiträge
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1.
l.augenstein 15.07.2008
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Offensichtlich ist dieses Thema Blech:-)
2.
Shiraz, 16.07.2008
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Naja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
3.
ichbinesselbst, 16.07.2008
Zitat von ShirazNaja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
Na wenigstens ist auf unsere Pferde-Athleten noch Verlass.
4.
ichbinesselbst, 16.07.2008
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Die, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
5.
klumpenhund 16.07.2008
Zitat von ichbinesselbstDie, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
Schnarch... War eigentlich klar das sowas kommt... Es gibt 2 Olympiafreds, 3 Radsportfreds und ein Dopingfred und überall wird nur über Doping herumspekuliert. Wie wäre es mit einem Sammelfred, den man in die Abteilung Gesellschaft packt? Vielleicht kann man sich dann in der Sportkategorie auch wieder über Sport unterhalten.
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