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Deutscher EM-Titel im Handball: Unbesiegbar und überstolz

Aus Krakau berichtet Michael Wilkening

DPA

Zu Beginn der EM hatte Deutschland gegen Spanien verloren, wenige Tage später scheiterte der Favorit nun an der deutschen Defensive. Beim sonst eher kühlen Trainer Dagur Sigurdsson liefen nach dem Finale Tränen.

Als die ersten Emotionen unmittelbar nach dem Spiel abgekühlt waren und die Meisterschale sich in den Händen der neuen Europameister befand, saß Dagur Sigurdsson auf einem Stuhl und hatte Tränen in den Augen.

Es gehört zum Erfolgsmodell des Isländers, fast nie Emotionen zu zeigen, doch nun war alles anders. Der Trainer war stolz auf seine Mannschaft und das zeigten seine Tränen. "Ich bin überstolz, das ist ja fast nicht zu glauben", sagte der 42-Jährige. Sigurdsson musste ein neues Wort erfinden, um ausdrücken zu können, was er empfand.

Der Isländer hatte den perfekten Plan ausgeheckt, seine Mannschaft diesen in einem dominanten Spiel perfekt umgesetzt - und deshalb krönten sich die deutschen Handballer völlig verdient zum Europameister. Im Endspiel war Spanien chancenlos, die Deutschen siegten 24:17 (10:6) und demontierten ein Team voller herausragender Individualisten.

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Europameister Deutschland: Das Wunder von Krakau
Das Beeindruckende an den 60 Minuten in der Tauron-Arena war nicht, dass eine Mannschaft über die komplette Spielzeit routiniert, ja geradezu abgeklärt auftrat. Damit hatten viele Experten gerechnet. Überraschend war, dass es die junge deutsche Mannschaft war, die dominierte. Die Spanier waren zu Beginn überrascht, später hilflos und am Ende frustriert, dass sie gegen ein Team chancenlos waren, das sie zwei Wochen zuvor noch im Griff gehabt hatten.

Doch die DHB-Auswahl vom Finale hatte nichts mehr mit der Mannschaft des ersten Gruppenspiels gemein - auch wenn das Personal beinahe unverändert blieb. Von Spiel zu Spiel wuchsen die jungen Spieler von Sigurdsson. Im Endspiel versprühten sie dann die Aura der Unbesiegbarkeit. In der Abwehr bejubelten sie gelungene Aktionen nicht euphorisch, sondern wie selbstverständlich. Schon in der Anfangsphase zeigten die Deutschen Gesten eines Siegers, sie transportierten den Glauben an sich selbst: Seht her, wir sind heute nicht zu schlagen.

"Ich hatte schnell das Gefühl: Das ist heute genau mein Spiel, da kommt keiner an mir vorbei", sagte Finn Lemke am Rande der Siegesfeier. Dieses Selbstvertrauen übertrug er auf seine Mitspieler. Der deutsche Abwehrchef vom SC Magdeburg stand wie in den Partien zuvor sinnbildlich für die Überzeugung einer Mannschaft, die eine ihr zunächst zugedachte Obergrenze Stück für Stück nach oben hievte.

Mehr erfolgreiche Blocks als Gegentore

Ohne jeden Zweifel an sich selbst traten die Deutschen von der ersten Sekunde an auf. Nach 30 Minuten gab es mehr erfolgreiche Blocks der Deutschen als Tore der Spanier. Vor allem vor der Pause verschmolz die Deckungsreihe mitsamt Torhüter Andreas Wolff immer wieder minutenlang zu einer Wand. Es gab keine Lücken und die Ballgewinne der Deutschen waren die logische Folge. Die Spanier waren bereit, sie waren voll da - und sie hatten dennoch keine Chance. Diese Tatsache machte das Endspiel von Krakau zu einem historischen. In der zurückliegenden Dekade war es nur den vielfach dekorierten Franzosen um Superstar Nikola Karabatic gelungen, ein Finale gegen einen starken Gegner derart zu dominieren.

Fünf Zeitstrafen kassierten die aggressiven deutschen Deckungsspieler in der ersten Hälfte, mussten deshalb knapp zehn Minuten in Unterzahl verteidigen - und trotzdem prallten die Spanier immer wieder an der deutschen Wand ab. "Wir haben auch durch unsere Gestik signalisiert, dass wir gewinnen werden. Bei uns ging die Brust raus, und die Spanier wurden immer kleiner", sagte Lemke.

Andreas Wolff wehrte fast die Hälfte der Würfe auf sein Tor ab und unterstützte seine Vorderleute imponierend. Der Keeper der HSG Wetzlar zeigte seine außergewöhnliche Klasse. Große Torhüter gewinnen große Endspiele - und Wolff war der beste Mann auf dem Feld. Schon das 10:6 zur Pause deutete den Weg in diesem überraschend einseitigen Finale, 16 Minuten vor Schluss traf Kai Häfner - mit sieben Toren bester Werfer auf dem Feld - zum 16:9 und sechs Minuten vor dem Ende war die Entscheidung beim 22:13 längst gefallen.

Mit dem ersten großen Titel seit dem WM-Sieg 2007 haben die deutschen Handballer nicht nur die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr, sondern auch ein Ticket für die Olympischen Spiele im Sommer in Rio de Janeiro. Die deutschen Spieler waren sich dessen bewusst, doch nach dem Spiel war das nicht mehr wichtig. "Wir machen jetzt was Ungesundes", sagte Lemke. Und Carsten Lichtlein, der sich selbst als "Opa der Rasselbande" bezeichnet, kündigte vollmundig an: "Wir gehen heute Nacht nicht ins Bett."

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1.
totalmayhem 31.01.2016
Unbesiegbar? Der spaetere Finalgegner hat den Deutschen gleich zum Turnierauftakt einen eingeschenkt. Schon vergessen? Ist erst zwei Wochen her.
2. Www
don-logan 31.01.2016
Wolff war weltklasse!
3.
jakopp.auckstayn 31.01.2016
Glücklicherweise hat Hanning trotz Widerständen Sigurdsson durchgeboxt.Selbstverständlich gehört auch eine entsprechende Mannschaft mit Potential dazu,aber ein intelligenter Trainer ist das Nonplusultra.Davon abgesehen das er smart ist und einen guten Stab um sich hat.Ein Isländer der Deutschland auf einen anderen Level führt.Fantastisch
4. Oh wie ist das schön
langerkerl 01.02.2016
Diese junge, hungrige und so abgezockte Mannschaft hat es absolut verdient, würdiger Europameister zu sein. Angefangen von super Wolf im Tor, über den nachnominierten Häfner, alles hat gepasst, alle haben sich reingeschmissen und auch untereinander hochgepusht.Das war und ist Balsam für die flüchtlingsgebeutelte Seele.
5. wahnsinn
xcountzerox 01.02.2016
glückwunsch an das gesamte team. ganz besonders aber haben mir heute die paraden von wolff gefallen. einfach wahnsinn, was der geboten hat.
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Handball-Europameister der Männer
Jahr Team (Endspiel-Ergebnis)
2016 Deutschland (24:17 vs. Spanien)
2014 Frankreich (41:32 vs. Dänemark)
2012 Dänemark (21:19 vs. Serbien)
2010 Frankreich (25:21 vs. Kroatien)
2008 Dänemark (24:20 vs. Kroatien)
2006 Frankreich (31:23 vs. Spanien)
2004 Deutschland (30:25 vs. Slowenien)
2002 Schweden (33:31 vs. Deutschland n.V.)
2000 Schweden (32:31 vs. Russland n.2V.)
1998 Schweden (25:23 vs. Spanien)
1996 Russland (23:22 vs. Spanien)
1994 Schweden (34:21 vs. Russland)


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