Deutsche Handballer vor der WM Das große Rätsel

Spannende Spiele, geniale Tore, triumphale Siege: Es gab Zeiten, da riss die deutsche Handball-Nationalmannschaft die Zuschauer zu Jubelstürmen hin. Dann kam die große Krise. Auch kurz vorm Start der WM in Spanien gab es Absagen, Ausfälle. Was kann die Mannschaft im Turnier erreichen?

Bundestrainer Heuberger (r.): "Mannschaft entwickeln"
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Bundestrainer Heuberger (r.): "Mannschaft entwickeln"


Für ein Lächeln reichte es bei Martin Heuberger zwar noch nicht. Aber als er nach dem 35:25 gegen das nicht für die WM qualifizierte Rumänien die ersten Interviews gab, sah man einen halbwegs zufriedenen Handball-Bundestrainer. Im letzten Test vor der Weltmeisterschaft in Spanien (11. bis 27. Januar) war der DHB-Auswahl in Stuttgart ein Erfolg gelungen. Und egal wie schwach der Gegner am Mittwochabend auch war, als Schub für das Selbstbewusstsein taugte die Partie trotzdem über weite Strecken.

"Was mir besonders gut gefallen hat, war der Spaß, mit dem die Mannschaft gespielt hat, vor allem im Angriff", sagte Heuberger. Die Stimmung rund um die deutsche Nationalmannschaft scheint umzuschlagen.

Beim DHB ist man nach Jahren der Enttäuschung bescheiden geworden. Und so freut man sich, dass drei ansehnliche Testspiele gegen Schweden (26:20, 28:28) und Rumänien gereicht haben, um die meistgestellte Frage der vergangenen Wochen nicht nur rein rhetorisch stellen zu müssen:

Was kann diese deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft erreichen?

Spielmacher Michael Haaß drückte es nach dem 28:28 im Test gegen Schweden Anfang Januar noch so aus: "Bei der WM erwartet doch niemand etwas von uns." Warum? Weil die deutsche Mannschaft Ende 2012 beim desaströsen 27:31 gegen Montenegro und dem schwachen Auftritt beim 30:27 gegen Israel in der EM-Qualifikation erneut das gezeigt hatte, was Torwart Silvio Heinevetter im SPIEGEL so bezeichnete: "An guten Tagen können wir jede Mannschaft schlagen. Dummerweise ist es aber auch so, dass wir an einem schlechten Tag gegen eine Gurkentruppe verlieren können."

Ein Hauch Hoffnung

Ein Remis und zwei Siege später gibt es einen Hauch Hoffnung. In Hamburg tobten mehr als 11.000 Zuschauer, als der DHB-Auswahl gegen Schweden einige sehenswerte Treffer gelangen. Ein schwedisches Team allerdings, das kaum noch etwas gemein hatte mit jenem, das 2012 in London Olympiazweiter geworden war.

In Stuttgart war Rumänien, das die großen Zeiten in den siebziger Jahren hatte, kaum ein echter Gegner. Vielleicht lautet das WM-Ziel von Martin Heuberger auch deshalb lediglich: Achtelfinal-Einzug. Viel weniger kann man sich als deutscher Nationaltrainer nicht vornehmen.

dapd

Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar glaubt trotzdem an mehr: "Wenn die Spieler voll durchpfeffern, können wir das Halbfinale packen", sagte er der "Bild am Sonntag". So viel Optimismus findet man dann doch selten, Heuberger geht mit einem jungen, unerfahrenen Kader in sein zweites Turnier als verantwortlicher Coach.

Kollektiv statt Superstars

Neben Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), der in der Vorbereitung wenig Mühe hatte, seinen Status als Nummer eins zu konservieren, Abwehrchef Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen), Spielmacher Haaß (Frisch Auf Göppingen) und Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel) lastet der Druck auf einigen WM-Debütanten. Hinter Klein wartet nach dem Ausfall von Uwe Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen) nun Kevin Schmidt (24, HSG Wetzlar), der sich aber bereits als nervenstarker Siebenmeter-Schütze erwiesen hat. Im linken Rückraum, hinter dem lange verletzten Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin), warf der Magdeburger Stefan Kneer in der Vorbereitung einige schöne Tore und ebensolche Pässe.

Mit Rückraumspieler Steffen Fäth (22 Jahre, HSG Wetzlar) und Rechtsaußen Tobias Reichmann (HSG Wetzlar) hat Heuberger zwei weitere hoffnungsvolle Profis dabei, die bisher noch nie bei einer Weltmeisterschaft aktiv waren. "Wir haben keine Superstars, wir müssen es über das Kollektiv schaffen", sagt Heuberger, der die Diskussion um die WM-Absage von Rückraumspieler Holger Glandorf auch dazu genutzt hatte, um Erwartungen zu dämpfen. Den eingeleiteten Umbruch im DHB-Team führe er nun "systematisch" fort.

Herausforderungen hat der dabei genug. Heuberger weiß, dass die Defensive noch zu anfällig ist, dass es im Umschaltspiel häufig an Tempo mangelt und im Angriff regelmäßig Ideen und Durchschlagskraft fehlen: "Wir müssen unsere Leistungen stabilisieren." Die WM-Endrunde, so wichtig sie für das angekratzte Image der Nationalmannschaft auch ist, wird so zum Experiment.

In Spanien meint es der Spielplan gut mit Deutschland. Am Samstag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wartet mit Brasilien der ideale Gegner, um sich "Selbstvertrauen zu holen", wie es HSV-Keeper und Ex-Nationalspieler Johannes Bitter nennt. Die Südamerikaner sind der vermeintlich einfachste Gegner der Gruppe, in der noch Montenegro, Afrikameister Tunesien, Panamerikameister Argentinien und Titelverteidiger Frankreich warten.

Als Heuberger nach dem Spiel gegen Rumänien zum gefühlt 100. Mal gefragt wurde, was angesichts dieser Aufgaben bei der Endrunde möglich sei, blieb der 48-Jährige zum gefühlt 100. Mal bei seiner Linie: "Die Mannschaft braucht Zeit zum Wachsen." Dann fügte er noch hinzu: "Aber klar ist: Die Stimmung ist immer vom Erfolg abhängig." Am Samstagnachmittag wird sie auf die erste Probe gestellt.

Handball live
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SPIEGEL ONLINE berichtet von allen deutschen Spielen sowie ausgewählten Top-Partien der Handball-WM im Liveticker

Freitag, 11. Januar
Spanien vs. Algerien, 19 Uhr

Samstag, 12. Januar
Deutschland vs. Brasilien, 16 Uhr

Sonntag, 13. Januar
Tunesien vs. Deutschland, 17.20 Uhr

Dienstag, 15. Januar
Deutschland vs. Argentinien, 18.15 Uhr

Mittwoch, 16. Januar
Deutschland vs. Montenegro, 18.30 Uhr

Freitag, 18. Januar
Frankreich vs. Deutschland, 18.15 Uhr

Forum - Was erwarten Sie von den Handball-WM 2013?
insgesamt 202 Beiträge
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Seite 1
Hawkeye 1 03.01.2013
1.
Dem wird man leider zustimmen müssen; wenn sie mal nicht in der Vorrunde ausscheiden. Handball kommt als Nati nicht in die Gänge....
uli_san 03.01.2013
2. Das wird nichts
International stehen wir in etwa zwischen Platz 8 und 12, was aber nicht nur an den Spielern liegt. In den Vereinen treten unsere deutschen Spitzenspieler teilweise deutlich stärker auf als in der Nationalmannschaft. Was fehlt, ist ein Trainerteam mit modernen Ideen und Motivationsmitteln. Das ist alles zu hausbacken und konservativ. Heiner Brand in den letzten Jahren und auch sein Nachfolger kommen mir völlig einfallslos vor. Selbst eingefleischte Spezialisten schütteln immer häufiger den Kopf ob der Spiel- und Wechseltaktik. Freude haben wir Handballfans nur noch bei Spielen um die europäischen Vereins-Pokale.
ObackoBarama 03.01.2013
3.
ja ist es schon wieder Weihnachten...wie der Kaiser sagte, oder in dem Falle; ja, ist es schon wieder ein Handball-Turnier? Alle Jahre wieder, im Januar, gibt es ein großes Turnier im Handball, in einem Olympia-Jahr sogar zwei (EM + Olympiaturnier). 5 Wettbewerbe in 4 Jahren, braucht kein Mensch. In keiner anderen Sportart gibt es solche Inflation an großen Wettbwerben. Man blickt gar nicht durch...Wer war letztes Mal der Weltmeister, wer Europameister, wer Olympiasieger.. Bzw. man blickt es normalerweise nicht durch..Aber seit 4 Jahren weiß man es: Frankreich, hat alle Titel gewonnen je 2 x. Deutschland hat jedenfalls kein Chance auf eine Medaille und dieser Thread wird vielleicht im besten Falle, etwa 5 Seiten der Disskussionen erreichen können. Soviel Interesse gibt es.
doc 123 03.01.2013
4. Handball nervt!
Aus welchen Gründen auch immer, Handball nervt heutzutage nur noch, trotz WM-Titel 2007, wer erinnert sich da noch an einen einzigen Namen? Dagegen 1978... Deckarm, Freisler, Klühspies, Spengler, Wunderlich... ich erinnere mich an alle diese Namen, genau wie an die WM-Spieler im Fußball 1974 oder an nahezu alle deutschen Olympiasieger von München 1972. Schon irgendwie merkwürdig, dass man sich lieber an Namen von vor 30 bis 40 Jahren erinnert als an die Sportler der heutigen Zeiten.
ray4912 03.01.2013
5. schlechtere Aussichten
Zitat von ObackoBaramaja ist es schon wieder Weihnachten...wie der Kaiser sagte, oder in dem Falle; ja, ist es schon wieder ein Handball-Turnier? Alle Jahre wieder, im Januar, gibt es ein großes Turnier im Handball, in einem Olympia-Jahr sogar zwei (EM + Olympiaturnier). 5 Wettbewerbe in 4 Jahren, braucht kein Mensch. In keiner anderen Sportart gibt es solche Inflation an großen Wettbwerben. Man blickt gar nicht durch...Wer war letztes Mal der Weltmeister, wer Europameister, wer Olympiasieger.. Bzw. man blickt es normalerweise nicht durch..Aber seit 4 Jahren weiß man es: Frankreich, hat alle Titel gewonnen je 2 x. Deutschland hat jedenfalls kein Chance auf eine Medaille und dieser Thread wird vielleicht im besten Falle, etwa 5 Seiten der Disskussionen erreichen können. Soviel Interesse gibt es.
richtig, Obacko, die Franzosen sind die Spanier des Handballs;-) Und wir sind echt nicht nahe dran.
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