Deutsche Leichtathleten Absturz im Medaillen-Zirkus

Die deutschen Leichtathleten waren in Peking so erfolglos wie seit mehr als hundert Jahren nicht mehr. Doch der Vizepräsident des Verbandes, Eike Emrich, verteidigt das Team - und greift den Dreifach-Weltrekordler Usain Bolt an.

Aus Peking berichtet Susanne Rohlfing


Ariane Friedrich verschanzt sich hinter ihrer Sonnenbrille. Der Himmel über Peking ist längst schwarz an diesem Samstagabend, aber die Scheinwerfer im "Vogelnest" genannten Olympiastadion sind auf die Hochspringerin aus Frankfurt am Main gerichtet.

Vielleicht stört sie gar nicht das grelle Licht, vielleicht ist die Brille eine Art Schutzwall gegen die Erwartungen, die am vorletzten Tag der Olympischen Spiele von Peking auf der 24-Jährigen lasten. Sie soll Schadensbegrenzung betreiben, eine Art Britta Steffen der deutschen Leichtathleten werden. Die Bilanz, die bis dahin nur eine Bronzemedaille durch Speerwerferin Christina Obergföll verzeichnet, aufpolieren. So wie Steffen die Schwimmer mit ihren zwei Goldmedaillen vor dem absoluten Desaster rettete.

Friedrich schafft es nicht. Beim überraschenden Sieg der Belgierin Tia Hellebaut über die Kroatin Blanca Vlasic wird sie Siebte. Damit muss sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) endgültig eingestehen, sein Ziel verfehlt zu haben. Besser als vor vier Jahren in Athen wollte man sein, mehr gewinnen als zweimal Silber also. Einmal Bronze ist es geworden. Damit ist die Bilanz so schlecht wie zuletzt 1904.

Eike Emrich, der Vizepräsident Leistungssport des DLV, gibt dem Team dennoch "die Note zwei". Er begründet das so: "Wir haben eine Mannschaft, die ihre Leistung in ganz großen Teilen bestätigt, vielleicht sogar verbessert hat. Mehr ist mit unseren Mitteln nicht machbar."

Die Mittel der anderen, finanzieller und möglicherweise sogar pharmazeutischer Art, sind es dann auch, die den Frust der deutschen Leichtathletik-Funktionäre über die eigene Darbietung schüren. "Man meint immer in der Öffentlichkeit, da werden Millionen und Abermillionen investiert in den Sport", sagt Emrich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "aber tatsächlich ist die direkte materielle Förderung schlicht unzureichend." Da müsse man öffentlich akzeptieren, wenn kein besseres Ergebnis erzielt werde.

DLV-Cheftrainer Jürgen Mallow argumentiert ähnlich. Er lud Pressevertreter eigens zum Gespräch, um seinem Unmut Luft zu machen. Er warf dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Bundesinnenministerium (BMI) vor, sich "arrogant, hochnäsig und verantwortungslos" zu verhalten. Die Haushaltsverhandlungen seien ein "entwürdigendes Spiel". Die Mittel des DLV waren nach dem relativ schlechten Abschneiden vor vier Jahren gekürzt worden.

"Mit weniger Mitteln sollten wir wieder besser werden", sagt Emrich und rechnet vor: "Der Hotelaufenthalt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und des Betreuungsstabes bei einer WM - ich will nicht missverstanden werden, ich finde das völlig in Ordnung - aber diese Kosten für deren Reisen, Unterbringung und die Organisation jährlich aufgewandt für die Leichtathletik, damit würden wir wesentlich weiterkommen."

Es waren aber nicht nur fehlende finanzielle Mittel und Erfolge, die den deutschen Leichtathleten in Peking zusetzten. Auch ein Usain Bolt drückte die Stimmung. Weil der Sprinter aus Jamaika als personifizierter Überathlet daherkam. Er sammelte drei Goldmedaillen und drei Weltrekorde und erweckte dabei den Eindruck, als seien Höchstleistungen ein Kinderspiel. Er riss die Kluft zwischen der Spitze und den deutschen Leichtathleten zu einer unüberwindbar scheinenden Schlucht auf.

Doping kann niemanden guten Gewissens vorgeworfen werden, der nicht überführt wurde. Unsportliches Verhalten aber lässt sich kritisieren. Also sagt Emrich: "Dass man demonstrativ das Gas herausnimmt vor dem Ziel und mit einem Dominanzritual ohnegleichen die Konkurrenten herabwürdigt, das hat kein Gegner verdient." Der deutsche Sprinter Tobias Unger sah das ähnlich, er sprach von einer "Riesenverarschung" durch Bolt.

Damit war er einer von vielen, die nicht mehr klaglos den möglichen Betrug anderer hinnahmen. Geherin Melanie Seeger sagte über ihre russischen Konkurrentinnen: "Denen traue ich nicht über den Weg." Die Siebenkämpferinnen vermieden es, den beiden ukrainischen Spitzenreiterinnen Natalija Dobrinska und Ludmilla Blonska zu ausgelassen zu gratulieren - und Blonska wurde ihre Silbermedaille dann auch wegen eines positiven Dopingtests kurz darauf wieder abgenommen.

Die Speerwerferinnen fielen der Tschechin Barbora Spotakowa um den Hals, als diese die auffallend muskulöse Russin Maria Abakumowa mit dem letzten Wurf noch abfing.

Es sei immer denkbar, dass ein Jahrhundert oder gar Jahrtausendtalent vorliege, sagt Eike Emrich. Aber: "Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass in einer Population von 2,7 Millionen Insulanern nun gerade so viele Medaillengewinner zu finden sein sollten, wie sich hier gezeigt haben." Die jamaikanischen Sprintwunder sind Emrich suspekt. Seiner Ansicht nach gibt es keine Chancengleichheit, da die Dopingbekämpfung nicht weltweit standardisiert sei. Und das führe dazu, dass in der Spitze der "schmale Grat zum Zirkus" überschritten werde. Aber Emrich will nicht falsch verstanden werden: "Wobei ich Zirkus für nichts Negatives halte, es ist nur kein Sport mehr."



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