Deutsche Sprinter bei der WM "Wir sind so schnell wie noch nie"

Zusammen sind sie stark: Der deutsche Männer-Sprint erlebt in diesem Sommer eine kleine Renaissance. Zwar können die Läufer international in Einzelrennen nicht mithalten, doch in der Staffel soll bei der WM in Moskau eine Medaille her. Der Trick: Technik üben - und bei den Großen klauen.

Aus Moskau berichtet Thorsten Eisenhofer

DPA

Ein Ort wie Weinheim, das ist die Welt der deutschen Sprinter. Hier fühlen sie sich pudelwohl. Hier sind sie die Stars. Deshalb mögen die deutschen Sprinter Wettkämpfe in der nordbadischen Wohlfühloase so gerne. Vor knapp zwei Wochen, beim WM-Verabschiedungswettkampf, liefen Martin Keller in 10,07 Sekunden und Julian Reus in 10,08 Sekunden über 100 Meter bis auf eine beziehungsweise zwei Hundertstelsekunden an den deutschen Rekord von Frank Emmelmann aus dem Jahr 1985 heran.

Dummerweise können die deutschen Sprinter nicht immer in dieser beschützten und behüteten Welt laufen. Die großen, bedeutenden Erfolge gibt es nur in der großen weiten Leichtathletik-Welt, bei den internationalen Meisterschaften. Und dort lauern dann fies dreinblickende Sprinter aus den USA oder Faxen machende aus Jamaika wie Usain Bolt und hängen die Deutschen so locker ab, wie ein Porsche einen Mittelklassewagen.

Diese Welt, das zeigten die Vorläufe über 100 Meter bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau wieder, ist (noch) zu groß für Keller und Reus.

"Wir sind so schnell wie noch nie"

Trotzdem lässt sich das Sprinter-Jahr 2013 in Deutschland als Jahr der Renaissance sehen, zumindest einer kleinen. Keller unterbot zu Saisonbeginn in 9,99 Sekunden als erster Deutscher die Zehn-Sekunden-Grenze - bei allerdings zu starker Windunterstützung von 3,7 Metern pro Sekunde. Reus lief bei den Deutschen Meisterschaften Anfang Juli in Ulm 10,14 Sekunden über 100 Meter und 20,36 Sekunden über 200 Meter. Starke Zeiten. In Moskau verpasste das Duo in 10,27 Sekunden (Reus) und 10,32 Sekunden (Keller) zwar das Halbfinale, zog sich aber achtbar aus der Affäre.

"Wir sind so schnell wie noch nie", jubelte Reus vor zwei Wochen in Weinheim. Der Schnitt der fünf besten deutschen Sprinter liegt dieses Jahr bei 10,16 Sekunden. Die Männer mit den schnellen Beinen haben also gezeigt, dass sie - wenn optimale Form und optimale Bedingungen zu einem optimalen Rennen verschmelzen - in einen Bereich vorstoßen können, der den Abstand zur Weltspitze auf ein erträgliches Maß schrumpfen lässt. Diese Entwicklung ist an Veränderungen festzumachen, die in den vergangenen Jahren eingeleitet wurden. Wie etwa dem Üben mit Weltklasse-Athleten im Trainingslager im Frühjahr. Oder der Kopie der Sprinttechnik der Jamaikaner.

Auf die Wechsel kommt es an

Das alles hat nicht nur zu schnelleren Zeiten, sondern auch zu einem gestiegenen Selbstbewusstsein geführt - das zeigt sich auch bei den Ambitionen für das WM-Staffelrennen (Finale um 16.40 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Bronze ist unser Ziel", sagt Keller. "Schließlich stehen wir auch in der Weltjahresbestenliste auf Rang drei." Vor der WM lief das Quartett (neben Reus und Keller treten noch Lucas Jakubczyk und Sven Knipphals an) in 38,13 Sekunden die zweitschnellste je von einer deutschen Staffel gelaufene Zeit - natürlich in Weinheim.

Eine Zeit übrigens, die bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr fast für die Bronzemedaille gereicht hätte. Die gewann das Quartett aus Trinidad und Tobago in 38,12 Sekunden, Deutschland hingegen schied im Vorlauf aus - eine Enttäuschung. Das soll diesmal anders sein. "Wir müssen über die Wechsel die entscheidenden Hundertstelsekunden rausholen", sagt Keller.

Wechsel wurden ausgiebig trainiert

Durch optimale Übergaben lässt sich bis zu eine Sekunde gewinnen, sagen Experten. Und Wechsel haben die Deutschen schließlich ausgiebig trainiert. Im Frühjahr, im Sommer, in Moskau. Und auch in einigen Wettkämpfen. Vermutlich deutlich mehr, als die Nationen mit den schnellen Männern.

Und so kann Deutschland plötzlich mit Staffeln aus Ländern, die von der Addition der Einzelzeiten deutlich schneller sind (wie etwa Franzosen, Briten oder Kanadier), mithalten. Bronze hinter den Jamaikanern und den USA, die trotz der positiven Dopingschlagzeilen um Asafa Powell beziehungsweise Tyson Gay im Vorfeld der WM in Moskau bislang in ihrer eigenen Liga laufen, allerdings gerne mal bei Staffelrennen den Stab verlieren, ist also möglich.

So würde aus einem ordentlichen ein ziemlich guter Sommer.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
appenzella 18.08.2013
1. optional
Würde gern wissen, wie schnell Armin Hary bei seinen 10,0 sec auf Asche im Vergleich zu heute gewesen wäre.
funnyone2007 18.08.2013
2.
Zitat von appenzellaWürde gern wissen, wie schnell Armin Hary bei seinen 10,0 sec auf Asche im Vergleich zu heute gewesen wäre.
wohl langsamer oder in etwa gleich schnell, die zeit war handgestoppt. heute kommen aber bessere schuhe und Bahn dazu doping könnte damals auch schon eine Rolle gespielt haben, nach den ganzen Enthüllungen letzte Woche nicht abwegig.
Kurt Kraus 18.08.2013
3. Was nehmen sie denn?
Armes Deutschland: Leistung ist nur im Sport geduldet. Ein Nobelpreis in Chemie nützt allen, eine olympische Goldmedaille für Pharmazie niemandem.
joG 18.08.2013
4. Ich finde es traurig....
....dass man über den Sport in Russland berichtet. Das ist ein Unrechtsstaat und man sollte ihm nicht die Satisfaktion zukommen lassen, solche Spiele ausnutzen zu dürfen.
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