Hürdenläufer Matthias Bühler "Die Sportförderung in Deutschland ist einfach unterirdisch"

Ohne seine Eltern ginge es nicht: Der deutsche Hürdenläufer Matthias Bühler hat erneut die deutsche Sportförderung kritisiert. "Wenn man das System so weiterbetreibt, werden die Sportler irgendwann abspringen", sagt er.

Matthias Bühler
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Matthias Bühler


Der Deutsche Meister Matthias Bühler hat nach dem verpassten Finale über 110-Meter-Hürden bei der Leichtathletik-WM in London seine Kritik an der deutschen Sportförderung wiederholt. "Es kann nicht sein, dass ein Sportler, der im Ausland mit den besten Athleten seiner Disziplin trainieren möchte, kaum oder gar keine Unterstützung bekommt", sagte der 30-Jährige der "Welt".

Der "Süddeutschen Zeitung" sagte Bühler: "Wenn ich die finanzielle Hilfe meiner Eltern nicht hätte, müsste ich sofort mit dem Sport aufhören." Es sei ihm sehr unangenehm, dass er in seinem Alter immer noch von ihnen abhängig sei. Aufgrund der aktuellen Situation in Deutschland bei der Förderung des Spitzensports sei dies aber nicht zu ändern.

Bühler sieht einzig eine Anstellung bei der Bundeswehr als einigermaßen ausreichend an. Aber auch diese Lösung ist seiner Meinung nicht optimal: "Du gehst Jahr für Jahr mit Trainingsrückstand in die Saison, die Weltspitze trainiert da schon längst unter Topbedingungen, während die Deutschen durch Schlamm kriechen oder am Bahnhof rumstehen müssen, Schichtdienst haben, morgens um sieben."

Bühler ist pessimistisch: "Wenn man das System so weiterbetreibt, werden die Sportler irgendwann abspringen. Und dann geht die Leichtathletik völlig zugrunde. Die Sportförderung in Deutschland ist einfach unterirdisch. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Leistungen im olympischen Sport immer weiter zurückgehen."

Bereits während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im vergangenen Jahr hatten sich viele Sportler kritisch über die Sportförderung geäußert. Im Oktober wurde dann ein Reformplan vorgestellt, der konsequenter als bisher an talentierten Athleten und deren Zukunftschancen orientiert sein soll. Diese Pläne sorgten jedoch ebenfalls für Widerspruch.

bka/sid



insgesamt 102 Beiträge
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barney9 08.08.2017
1. Fernsehen
Wer von öffentlich Fernsehanstalten nur alle heilige Zeit gezeigt wird, kann auch nicht auf Förderungen hoffen. Die Medienresonanz ist doch auf Fussball, Biathlon, Ski alpin fixiert, da kommen doch Inselsportarten wie Kajak, die die meisten Goldmedaillen einfahren, Leichtatletik usw nicht zu Zuge.
Le Commissaire 08.08.2017
2. Warum überhaupt Spitzensport fördern?
Warum sollte der Staat, also wir alle, überhaupt einen Euro für die Förderung von Spitzensportlern ausgeben? Was bringt es der Gesellschaft, wenn ein paar Sportler eine Medaille gewinnen? Ich sehe darin überhaupt keinen förderwürdigen Vorteil. Die Förderung des Schulsports und von Sportvereinen vor Ort, die ja auch immer eine soziale Funktion übernehmen, ist natürlich etwas anderes, aber darum geht es hier ja nicht.
torpedofrog 08.08.2017
3. Was bildet sich der Mann ein?
Selbstverständlich ist es hauptsächlich seine Aufgabe (möglicherweise die seiner Familie), seinen Sport zu finanzieren. So wird in elementaren Dingen wie Unterhalt und Pflege allenthalben verfahren, ohne, daß jemand Anstoß daran nimmt. Ich habe schlichtweg kein Interesse und auch sehe für mich und meine Familie auch keinen Mehrwert, wenn der Kollege Sportler ein paar Plätze gut macht. Eher im Gegenteil - sackt er als Topsportler die Werbemillionen ein, muss ich das mit jedem Brotaufstrich u. Ä. mitbezahlen. Ich will aber, daß meine Kinder in vernünftigen Sport- und Schwimmhallen an Bewegung herangeführt werden. Der gute Mann soll trainieren und wenn's nicht reicht, dann muss er halt arbeiten gehen.
Newspeak 08.08.2017
4. ...
"Es sei ihm sehr unangenehm, dass er in seinem Alter immer noch von ihnen abhängig sei." Das geht vielen Kuenstlern und Wissenschaftlern auch nicht anders. Und im Grunde ist es ja auch die Frage, warum der Staat bestimmte Dinge foerdern soll, vor allem den Spitzensport, der ueber Sponsoring eigene Moeglichkeiten hat. Muss man sich halt verbandstechnisch besser organisieren, wenn das nicht klappt. Aber jeder Sportler ist sich eher selbst der Naechste. Wenn der Staat schon Sport foerdert, dann lieber Breitensport. Und das tut er ja auch. Spitzensport ist im Grunde ein Privatvergnuegen. Spitzensportler geben der Welt normalerweise auch nichts zurueck, es gibt die individuelle Leistung bei Wettbewerben, aber weder ein Kunstwerk noch eine wissenschaftliche Erkenntnis, die unabhaengig vom Sportler existieren und bestehen bleiben und fuer die Allgemeinheit einen Wert darstellen. Welche Bedeutung hat ein individueller Rekord fuer andere?
keine-#-ahnung 08.08.2017
5. Andere Länder, andere Sitten ...
Das Interesse in Deutschland an der Leichtathletik ist halt eher randständig - dafür hat man es in den Staaten oder auf Jamaika vermutlich als Fussballspieler oder Skispringer deutlich unfomfortabler. Der Staat kann ja nun nicht in der Fläche jede Sportart bis hin zum professionellen Hochgeschwindigkeitshäkeln fördern, insofern muss man sich wohl darauf einstellen, dass man hierzulande einige Sportarten nicht oder nur mit Einschränkungen als Vollprofi betreiben kann. Persönlich finde ich jetzt die 110m Hürden auch nicht so attraktiv, dass ich mir den Wecker stellen würde, um Wettkämpfe auf der Mattscheibe nicht zu verpassen ... die Welt ist halt kein Ponyhof, auf dem Jeder nur das machen kann, was ihm am meisten gefällt.
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