Legendärer deutscher Ruder-Achter Mit voller Kraft zum Olympiasieg 1960

Das Rennen war anstrengend, doch es lohnte sich. Am Ende gab es 1960 olympisches Gold für den deutschen Ruder-Achter. Der Sieg in Rom begründete einen Mythos. Erinnerungen eines Teilnehmers.

Ruder-Olympiasieger Rulffs (2.v.l.): "Bitte, Jungs, nicht schonen, es geht hier nicht"
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Ruder-Olympiasieger Rulffs (2.v.l.): "Bitte, Jungs, nicht schonen, es geht hier nicht"

Von Dirk Andresen und Timo Reinke


Am 3. September 1960 liegen sechs Achter auf dem Lago Albano bei Rom. Die Abendsonne glitzert. 48 Athleten und sechs Steuerleute erwarten den Startschuss. Die Anspannung kann gar nicht größer sein. Erwartungsvoll sitzen in Deutschland Millionen von Menschen vor ihren Fernsehgeräten. Was mag in den Athleten vor sich gehen? Bis zu seinem Tod 2007 konnte sich Manfred Rulffs, 1960 als Aktiver dabei, ganz genau daran erinnern:

"Die Nervosität ist gewichen, an ihre Stelle tritt der Wille zum Kampf." Da erfolgt der Startschuss! "Fips (Steuermann Willi Padge; die Red.) brüllt die Spurtlänge von 1 bis 15. Der Achter läuft! Jetzt runter auf den Streckenschlag. 44 waren es im Spurt. Wir liegen nicht hinten wie so oft, obwohl der Start unsere Schwäche ist. Ich schaue auf Fipsens Hand, die die Schlagzahluhr hält.

Nach drei Schlägen brüllt er: "42." Das ist zu hoch, ich komme eine winzige Kleinigkeit beim Einsatz nach. Walter und Frank begreifen schnell (Walter Schröder und Frank Schepke sitzen hinter Manfred Rulffs; die Red.). Der neue Schlag sitzt sofort. "41, stimmt", brüllt Fips. Das "stimmt" könnte er sich schenken, denke ich, jeder weiß doch, dass wir 41 fahren sollen!

"Gleichauf ist Kanada", schreit er jetzt. Es ist der Mannschaft verboten, während des Rennens aus dem Boot zu schauen. Ein Glück, dass man sich auf Fipsens Ansagen verlassen kann. 500 Meter. "Knappe Führung, 41", lässt Fips hören. "Verdammt hohes Tempo, dürfte 1:26-Zwischenzeit sein", schießt es mir durch den Kopf. "Noch vier Minuten - wären die bloß schon vorbei."

Wie sollen wir das Tempo bloß halten?

Ich riskiere einen Blick auf die anderen Boote. Wir führen knapp. "41", brüllt Fips. Ich höre links ein rhythmisches, leises Klatschen an meinem Blatt und neige den Kopf etwas zu der Seite - ein lang einstudiertes Zeichen für den Steuermann, auf die Wasserarbeit der Backbordseite zu achten.

"6 höher ausheben", kommt sofort, und das Klatschen verschwindet. Hoffentlich halten wir das Tempo. Eine halbe Länge Führung, da ist die 1000-Meter-Marke. Ich merke, wie das Boot im Einsatz härter anspringt. Wie sollen wir das Tempo bloß halten?

Fips zählt verhalten. Ich schiele hinüber. Sie ziehen gleich. Bord-an-Bord-Kampf. Fips schreit laut die "25". Und jetzt wir: 1 - weg, 2 - weg. "Hurra, wir haben noch etwas drin", denke ich, das Boot springt noch einmal an. 3 - weg, 4 - weg. Wir gehen ab. "Oh Kinder, zu hohes Tempo." 5, 6, 7, 8, 9, 10 - weg. Und hart bleiben, jetzt kommt es darauf an. "Eine Länge", schreit Fips. Das Schlimmste kommt jetzt.

Die Beine, verflucht, die Beine werden lahm. Fips brüllt und brüllt. "40." Wir dürfen nicht weiter runtergehen, das müssen wir halten. Der Kopf schmerzt, die Luft wird immer knapper. Noch eine Minute, wir haben die Länge noch. "Kommt nicht, kommt nicht, bleibt da." Aber die Kanadier kommen! Fips merkt es auch. Er sieht mich fragend an, ich nicke, der Schlag muss höher.

"Treten! Auf 41 gehen!", schreit Fips. "Hoffentlich geht es noch", denke ich. Ich schlage etwas vor, werde kürzer, das ist nicht gut, aber es bringt den Schlag wieder hoch. Prima, Frank und Walter merken es, sie unterstützen mich. Der neue Schlag kommt durch, ist durch. "41", brüllt Fips. Irgendwo spüre ich ein letztes Fünkchen Kraft, wieder volle Schlaglänge.

Jawohl, es bleibt bei 41. Die schlimmsten 100 Meter jetzt. Die vor dem Endspurt. Drei Viertel Länge Führung. Hier haben wir uns sonst immer für den Tribünenspurt geschont. "Bitte, Jungs, nicht schonen, es geht hier nicht" - ein dummer Gedanke, natürlich schont sich keiner. Ein dumpfes Brausen im Ohr, die Zuschauer.

Fips hat einen Krampf bekommen

Fips verzieht plötzlich das Gesicht und streckt ein Bein steif aus. Er hat einen Krampf bekommen. "Ja, Fips, du bist zu schwer und zu breit für den Sitz, deshalb kneift er. Sitz doch still, blöder Heini", möchte ich ihm zurufen, aber natürlich tue ich das nicht, und ich könnte es auch gar nicht. Die Luft wird immer knapper. Durchhalten!

"Endspurt", brüllt Fips, "und weg!" Ich will höher gehen, es geht nicht, ich kann nicht mehr steigern. Aber da schlägt vorne im Boot einer vor, ein anderer mit. Das Mittelschiff treibt den Schlag hoch. Mitgehen ist leicht, das kann jeder noch. "Prima, Jungs, ist doch noch was drin."

Der Spurt sitzt. Das Boot springt noch einmal an. "Goldjunge da vorne", denke ich, "das war Hilfe in höchster Not." Fips schreit und schlägt die Fäuste an die Bordwand. Dieser Takt ist im ganzen Boot gut zu hören. Ich sehe Fips nur noch ganz undeutlich vor mir. Plötzlich Fipsens Stimme: "Durch!" Und noch lauter: "Hurra!"


Während die Ruderer vor Erschöpfung in sich zusammensanken, jubelte Rundfunkreporter Herbert Schmidt vom Sender Freies Berlin (SFB): "Wir haben es erhofft, wir haben es erwartet. Wir haben um diese Medaille gebangt, wir haben um diesen Achter gezittert, der in den letzten Wochen noch nervös geworden war. Und nun haben sie es durchgestanden. Für diese sechs Minuten haben sie noch einmal alle Kraft zusammengerissen, Deutschland gewinnt den olympischen Achter."

40 Jahre lang hatten die USA den Achter bei den Olympischen Spielen beherrscht, jetzt war ihre Vormachtstellung gebrochen. Das Gold ging erstmalig an Deutschland - an den Deutschland-Achter, der mit vier Sekunden Vorsprung vor Kanada, mit sieben vor der Tschechoslowakei gewann. "Das ist der Einlauf im schönsten, im größten Ruderrennen dieser olympischen Regatta", resümierte SFB-Reporter Schmidt.



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Falsche Küste 10.09.2012
1. Terminologie
Tja, leider versteh ich angesichts der Terminologie nur die Haelfte und hab nur halb so viel Spass am Geschriebenen. Was bedeuten die vielen Zahlen?
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