Deutschland besiegt Spanien: Totos Tor-Show

Von , Köln

In einem packenden Spiel haben die deutschen Handballer Weltmeister Spanien entthront und sich den Einzug ins WM-Halbfinale gesichert. Vor allem Torsten Jansen zielte immer dann am besten, wenn es darauf ankam. Die Gäste suchten die Schuld bei den Schiedsrichtern.

Die Flugbahn des Balles wurde lang und länger, dann zappelte er im Netz. Als Torsten Jansen wenige Sekunden vor Schluss einen Aufsetzer von Linksaußen in der langen Ecke des spanischen Gehäuses unterbrachte, kannte der Jubel in der ausverkauften Kölnarena keine Grenzen mehr. Alle deutschen Fans unter den 19.000 Zuschauer feierten das Team von Bundestrainer Heiner Brand und Torschütze "Toto" Jansen, der den Schlusspunkt zum 27:25-Sieg gegen Spanien setzte.

Christian Schwarzer, Torsten Jansen und Florian Kehrmann: Jubel über den Torerfolg im Spiel gegen Spanien
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Christian Schwarzer, Torsten Jansen und Florian Kehrmann: Jubel über den Torerfolg im Spiel gegen Spanien

Zu diesem Zeitpunkt mussten die Spanier in Unterzahl auf einen Fehler der Deutschen hoffen, um eine Verlängerung zu erzwingen. Jansen, angespielt von seinem HSV-Kollegen Pascal Hens, behielt die Nerven und verwandelte eiskalt. "Einer musste Verantwortung übernehmen, und ich habe es eben gemacht", sagte Jansen in der Stunde des Triumphs.

Nicht nur dieser Treffer ließ den introvertierten Flügelspieler zum Mann des Abends werden. Auch das erste so wichtige Tor erzielte Jansen - in der ersten Minute per Tempogegenstoß. Die zwischenzeitliche 7:4-Führung ging ebenfalls auf das Konto des 30-Jährigen. Als die Mannschaft von Trainer Heiner Brand mit einem 15:12-Polster aus der Pause kam, erhöhte Jansen knapp eine Minute nach Wiederanpfiff den Vorsprung auf vier Tore. Und als das norwegische Schiedsrichtergespann 68 Sekunden vor Schluss auf den Siebenmeterstrich zeigte, war es wieder Jansen, der Verantwortung übernahm und trickreich zum 26:24 einschob. Mit sechs Treffern war Jansen erfolgreichster deutscher Torschütze - und derjenige im Team, der seine Tore strategisch am besten über den Spielverlauf verteilte.

"Gefühlte 200 Kilo"

"Ich bin durstig und müde und will nur noch ins Bett", sagte der Matchwinner, der nach dem Spiel Dutzende Mikrofone vor der Nase und einen Mitspieler auf dem Rücken hatte. Dominik Klein sprang dem Held des Abends in den Katakomben von hinten auf die Schultern, zeigte immer wieder auf dessen Kopf und brüllte: "Das ist der geilste Spieler des Spiels." Jansen war dieser kollegiale Liebesbeweis sichtlich peinlich.

Doch nicht nur im Angriff und beim Interview-Marathon mit Huckepack-Einlage musste der gelernte Bankkaufmann Schwerstarbeit verrichten, auch in der Abwehr erlebte Jansen eine harte Schlacht. Spaniens Kreisläufer Fonseca Urios begrub mit seinen 105 Kilogramm Kampfgewicht den 16 Kilo leichteren Deutschen ein ums andere Mal unter sich. "Das war das Duell der Giganten", sagte Jansen im Bezug auf den spanischen Kreisläufer, der acht von acht Versuchen im Tor der Deutschen unterbrachte. "Das waren gefühlte 200 Kilo", scherzte der Nachfolger von Stefan Kretzschmar in Bezug auf den Mann vom spanischen Champions-League-Sieger Ciudad Real.

"Heiner hat uns gesagt, dass wir gute Chancen haben, wenn wir das Duell gegen Urios gewinnen", sagte Torhüter Henning Fritz, der mit 11 von 35 gehaltenen Würfen erneut eine überragende Leistung zeigte. "Ich glaube allerdings nicht, dass wir das Duell gewonnen habe", musste der Kieler zugeben. Urios war mit acht Treffern bester spanischer Werfer. Dennoch lobte Fritz seine Vorderleute in den höchsten Tönen. "Die ganze Abwehr war stark, Oliver Roggischs Leistung war das I-Tüpfelchen", sagte Fritz - und hatte Recht.

Sprechstunde bei Professor Fritz

Denn zu Beginn des Spiels verzweifelten die Gäste mit zahlreichen Versuchen an der hervorragenden Blockarbeit von Roggisch und Co. Der Magdeburger sorgte mit tollem Körpereinsatz immer wieder dafür, dass in der Anfangsphase aus dem spanischen Rückraum nur Laues kam. Dabei standen ihm seine Nebenmänner Sebastian Preiß und auch Christian Schwarzer in Sachen Aggressivität und Einsatz in nichts nach. Zudem parierte Fritz in den entscheidenden Phasen die Würfe der Spanier.

Doch nicht nur das sorgte bei den Gästen für einige Verunsicherung. Der Professor - wie Fritz von seinen Mannschaftskollegen genannt wird - hatte heute Sprechstunde. Immer, wenn es umstrittene Entscheidungen gab oder die Spanier mit den Deutschen rangelten, war Fritz dabei. Mal warf sich der 32-Jährige mitten ins Rudel, mal diskutierte er Nasenspitze an Nasenspitze mit den Kontrahenten.

Für seine Vorstellung gab es sogar Lob vom Gegner: "Fritz war super", so Spaniens Trainer Juan Carlos Pastor. Weniger positiv bewertete Pastor die Leistung des norwegischen Schiedsrichtergespannes, das in der Schlussphase einige Entscheidungen gegen die Spanier auslegte und drei Minuten vor Schluss eine mitentscheidende Zeitstrafe gegen Marques Perez aussprach. "Gerade bei den Stürmerfouls wurden wir benachteiligt. Wir konnten gegen diese Schiedsrichter nicht gewinnen", so Pastor.

Das sah sein Gegenüber anders: "Es war ein verdienter Sieg für uns. Ich bin nicht der Meinung, dass mein Kollege mit seiner Kritik richtig liegt", konterte Brand kühl. "Ich stehe wie immer gerne zu einer Videoanalyse bereit", so Brands Angebot an den entthronten Weltmeister-Coach.

Auch Torsten Jansen wird sich dieses Spiel gerne noch einmal auf Band anschauen. "Toto hat heute unglaublich gespielt", fand auch Ersatzkeeper Johannes Bitter. Für den Magdeburger zeichnen gerade diese überraschenden Leistungsexplosionen einzelner Spieler das Team aus: "Immer wenn wir einen brauchen, der das Spiel maßgeblich beeinflusst, kommt einer daher. Heute war es Torsten." Der verletzte Kapitän Markus Baur sprach davon, dass "Torsten momentan einen perfekten Part einnimmt. Unheimlich konstant und das auf hohem Niveau."

Jansen nahm das Lob seiner Kollegen mit einem für ihn typischen, schüchternen Lächeln entgegen. Nur bei einem Thema wurde Jansens Miene dann noch mal deutlich ernster: "Die Unterstützung durch das Publikum könnte besser sein. Die Fans sind immer noch unter ihren Möglichkeiten." Angesichts des Hexenkessels in der Kölnarena wunderten sich die Zuhörer bei diesen Worten. Doch Jansen meinte es bitterernst: Wer Weltmeister werden will, muss über sich hinauswachsen - auch auf den Rängen.

Dann atmete Jansen kurz durch und ließ eine Kampfansage an den Gegner folgen: "Wird sind hier bei der WM noch nicht fertig." Am Donnerstag (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht es gegen Frankreich um den Einzug ins Finale. Die Franzosen besiegten überraschend Topfavorit Kroatien - doch das nächste Spiel dürfte schwerer werden.

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