Deutsche Basketballer vor EM-Viertelfinale Dennis gegen Goliath

Im Viertelfinale der Basketball-EM trifft Deutschland auf Top-Favorit Spanien. Der Titelverteidiger gab sich bisher keine Blöße und dominiert das Turnier. Die deutsche Auswahl steht vor einer Mammutaufgabe.

Spanische Basketball-Nationalmannschaft
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Spanische Basketball-Nationalmannschaft

Von Philipp Awounou


"Viertelfinale, unglaublich", twitterte Basketballstar Dennis Schröder am Sonntagmorgen. Auch einen Tag nach dem Überraschungserfolg gegen Frankreich (84:81) schien der deutsche Spielmacher noch nicht ganz realisiert zu haben, was ihm und seinen Teamkollegen im Achtelfinale der Basketball-Europameisterschaft gelungen ist: der erste Viertelfinaleinzug - und damit die beste deutsche Turnierleistung - seit zehn Jahren.

Ähnlich lange ist es her, dass Deutschlands kommender Gegner Spanien seinen ersten internationalen Titel errang. 2006 gewannen die Iberer die Basketball-Weltmeisterschaft, seither erleben sie die erfolgreichsten Zeiten ihrer Geschichte: Sie sicherten sich drei olympische Medaillen, von denen nur aufgrund der Übermacht der US-Amerikaner keine golden schimmerte, auf europäischem Boden avancierten sie derweil zum absoluten Dominator: Drei der vergangenen vier EM-Titel gingen nach Spanien, einmal gab es Bronze.

Der Aufstieg der Südeuropäer zur Basketball-Großmacht ist eng mit einem Namen verknüpft: Pau Gasol. Der 2,13 Meter große Power Forward genießt unter seinen Landsleuten ähnlichen Heldenstatus wie hierzulande Dirk Nowitzki, international gilt der mittlerweile 37-Jährige als einer der besten europäischen Basketballer der Geschichte - mit entsprechenden Auszeichnungen: Bei der WM 2006 wurde er zum wertvollsten Spieler des Turniers gekürt, ebenso bei den EM-Triumphen 2009 und 2015. Und als wäre Gasol damit nicht schon hochdekoriert genug, löste er im Laufe der aktuellen Endrunde auch noch Frankreichs Tony Parker als besten Korbjäger der EM-Geschichte ab. Er steht aktuell bei 1122 Punkten.

Nicht nur deshalb war Spaniens Nationaltrainer Sergio Scariolo zuletzt voll des Lobes für seinen wurfstarken und spielintelligenten Routinier: "Er ist der beste Spieler, den ich jemals gecoacht habe. Er weiß immer, wie die beste Entscheidung zu treffen ist."

Umso beängstigender ist es aus deutscher Sicht, dass die Spanier Gasols Fähigkeiten bislang kaum benötigten: In der Vorrunde stand der NBA-Profi von den San Antonio Spurs nur ein einziges Mal länger als 21 Minuten auf dem Parkett, gegen Rumänien wurde er gar komplett geschont. Zur Einordnung: Deutschlands Top-Star Dennis Schröder spielte bislang über 30 Minuten im Schnitt.

Doch während Schröder im deutschen Kader als einziger Spieler individuell herausragt, ist Spaniens Team gespickt mit Weltklasse-Athleten. Gleich sechs Iberer stehen derzeit in der NBA unter Vertrag, darunter Pau Gasols Bruder Marc von den Memphis Grizzlies. Hinzu kommen mit Sergio Rodríguez (CSKA Moskau) und Juan Carlos Navarro (FC Barcelona) zwei weitere Spitzenspieler, die bereits in der besten Liga der Welt aufliefen.

Mit dieser qualitativen Dichte konnte es im bisherigen Turnierverlauf kein Team aufnehmen. Ungeschlagen gehen die Spanier ins Viertelfinale gegen Deutschland, im Schnitt gewannen sie ihre Partien mit über 27 Punkten Vorsprung. Und als es gegen die Kroaten (79:73) und zeitweise im Achtelfinalduell mit der Türkei (73:56) doch einmal knapp wurde, spielte die Mannschaft ihre vielleicht größte Stärke aus: die Erfahrung.

Ausgewogener Kader

Der Kern des Teams spielt seit Jahren gemeinsam auf höchstem Niveau. Navarro etwa, neben den Gasol-Brüdern der Leader im Team, stand schon beim WM-Sieg 2006 auf dem Parkett. Auch Scharfschütze Rodríguez und Fernando San Emeterio haben die 30 Jahre bereits hinter sich. Im deutschen Team dagegen ist Lucca Staiger mit 29 Jahren der älteste Akteur. Spanien verfügt über ein deutliches Plus an Erfahrung, ohne dabei zu überaltern: Abgesehen von den genannten Führungskräften ist kein Spieler älter als 26 Jahre.

Es fällt schwer, im Spiel der Spanier echte Schwachpunkte auszumachen: Sie haben die höchste Dreierquote im Turnier und lassen weniger Punkte zu als jedes andere Team. Sie holen die meisten Rebounds und verlieren am seltensten den Ball. In etlichen statistischen Kategorien zementierte die Mannschaft ihren Favoritenstatus.

Vorwerfen kann man dem Team allenfalls Kleinigkeiten. Etwa, dass sich auf den Flügeln kein absoluter Premium-Verteidiger findet, der Dennis Schröders Zug zum Korb eindämmen könnte. Da jedoch spätestens unter dem Korb Defensiv-Asse wie Marc Gasol warten, dürfte dieser Makel die deutschen Siegchancen nicht beträchtlich steigern.

Vielleicht hilft ja beten. Das hatte Bundestrainer Chris Fleming auch vor dem dramatischen Achtelfinalsieg gegen Frankreich getan: "Beim Hinlegen habe ich zum lieben Gott gebetet, dass wir endlich ein paar Dreier treffen." Flemings Worte wurden erhört, die DBB-Auswahl versenkte vor allem in der Schlussphase mehrere wichtige Distanzwürfe. Mit den Spaniern wartet nun jedoch ein anderes Kaliber (Dienstag, 17.45 Uhr im Livestream). Ein Sieg gegen den Titelverteidiger wäre keine Überraschung wie gegen Frankreich, er wäre eine Sensation. Schaden kann das eine oder andere Gebet daher sicher nicht.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
DieHappy 12.09.2017
1.
Man hätte schon erwähnen können, dass das Spiel heute um 17:30 stattfindet und auf https://www.telekomsport.de/ in toller Qualität live übertragen wird.
triggero 12.09.2017
2. übertragung
diehappy, danke! auf diese info hätte ich jetzt auch gewartet :)
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