Von Mike Glindmeier
Hamburg - Oliver Roggisch war bedient. Der Abwehrchef der deutschen Handball-Nationalmannschaft saß nach der Schlusssirene mit versteinerter Miene auf der Bank, der Schweiß rann ihm von der Stirn, der Blick völlig leer. Es war ein symbolisches Bild für den Spielverlauf der vorangegangenen 60 Minuten. Deutschland hatte gegen das polnische Team alles gegeben, sich immer wieder herangekämpft, viel Schweiß vergossen - und stand nach dem 32:33 (17:18) doch mit leeren Händen da.
Zumindest auf den ersten Blick. Das sah auch der Bundestrainer so: "Meines Erachtens haben die Jungs das nicht verdient. Für diesen Kampf hätten wir mit dem Punkt belohnt werden müssen", sagte ein bitter enttäuschter Martin Heuberger nach der Niederlage. Doch mit ein wenig Abstand wird auch der Nachfolger von Heiner Brand erkennen, dass der Auftritt seines Teams bei dieser EM insgesamt ein ziemlicher Gewinn war.
Kaum einer hätte es vor der EM überhaupt für möglich gehalten, dass die DHB-Auswahl einmal ernste Chancen auf den Einzug ins Halbfinale haben würde. Zu schlecht waren die Auftritte bei den großen Turnieren in den vergangenen beiden Jahren. Spätestens nach der letzten Testspiel-Klatsche vor Turnierbeginn gegen Ungarn war einem eher Angst und Bange, ob Deutschland die Vorrunde überhaupt überstehen würde. Der Eindruck sollte sich im ersten EM-Spiel gegen Tschechien bestätigen, als sich das Team teilweise am Rande einer Blamage befand.
Schwachstelle Rückraum
Neuer Trainer, neue Spieler, schlechter Start: Eigentlich sind das die Zutaten für ein Debakel. Doch die Profis setzten und rauften sich anschließend zusammen. Im zweiten Gruppenspiel gegen Mazedonien glichen sie spielerische Defizite durch Kampfkraft aus. Beim Abschlussspiel gegen Schweden zauberte das Team phasenweise, das selbst Heuberger staunte. Es war aber auch ein wenig Glück dabei, dass Deutschland nach dem Aus der Tschechen überhaupt mit vier Punkten in die Zwischenrunde gelangte.
Und es war auch etwas Glück dabei, dass in dieser nicht Kroatien oder Spanien gewartet haben, sondern mit Serbien, Dänemark und Polen Mannschaften, die das deutsche Team an einem sehr guten Tag durchaus schlagen kann. Neben dem guten Tag wäre dazu allerdings auch ein treffsicherer Rückraum hilfreich gewesen. Doch den gab es bei diesem Turnier viel zu selten.
Kapitän Pascal Hens steuerte zu den 156 deutschen Turniertoren gerade einmal drei Treffer bei. Als Deutschland im entscheidenden Spiel gegen Polen drauf und dran war, die Partie doch noch zu drehen, kam er rein, wollte Verantwortung übernehmen - und scheiterte mit einem überhasteten Wurf. Auch Holger Glandorf war weit von seiner Normalform entfernt. Und die 23 Treffer von Lars Kaufmann in allen Ehren, aber der Flensburger kann den deutschen Handball nicht alleine zurück in die Weltspitze werfen.
Ein weiterer Schwachpunkt waren die viel zu schwankenden Abwehrleistungen. Nach dem ersten Drei-Tore-Rückstand (7:10/15. Minute) im Spiel gegen Polen nahm Heuberger eine Auszeit und forderte von seiner Mannschaft "mehr Grundaggressivität in der Abwehr". Die Forderung blieb zunächst ohne Wirkung. Nach dem 9:12 (18.) reagierte der Coach und brachte im Tor Carsten Lichtlein (Lemgo) für Silvio Heinevetter.
"Wir haben zwei Matchbälle weggeschmissen"
Der in diesem Turnier bisher starke Berliner Heinevetter hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur zwei Bälle gehalten. Zwar wurde es durch den Wechsel etwas besser, 18 Tore in einer Halbzeit gegen Polen in einem so wichtigen Spiel zuzulassen, spricht allerdings für sich.
Und gegen Deutschland, das sich in einer teilweise dramatischen zweiten Halbzeit trotz eines zwischenzeitlichen Vier-Tore-Rückstandes (24:28 in der 45. Minute) zunächst wieder rankämpfte, dann sogar den Ausgleich zum 29:29 erzielte (54. Minute) und kurze Zeit später sogar ausgerechnet durch einen Treffer von Hens in Führung ging. Am Ende war es eine Mischung aus überflüssigen Zeitstrafen und Nervenschwäche, die den Unterschied machten.
"Wir haben 60 Minuten in Unterzahl gespielt, weil wir eben härter spielen", sagte Roggisch, nachdem er sich dann doch irgendwann wieder gefangen hatte. "Wir haben zwei Matchbälle gehabt und die Riesenchance selbst weggeschmissen", so Roggisch.
Und als wäre das alles nicht schon bitter genug, gab es gleich noch zwei schlechte Nachrichten: Kurz vor dem Ende brach sich Michael Haaß nach einem Zusammenprall mit dem Polen Krzysztof Lijewski das Sprunggelenk und musste auf einer Trage aus der Halle gebracht werden. Und auch der Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen platzte noch am Abend.
Slowenien sicherte sich in der Hauptrundengruppe II Platz drei und liegt damit in der Endabrechnung wie Gastgeber Serbien vor Deutschland. Da auch Polen oder Mazedonien besser als die DHB-Auswahl platziert sind, hat der Weltmeister von 2007 keine Chance mehr auf eines der beiden Tickets für ein Olympia-Qualifikationsturnier.
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