Von Mike Glindmeier
Pascal Hens wird sich mit Freude erinnern. Es war der 4. Februar 2007 in Köln. Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hatte Polen in einem dramatischen WM-Finale in Köln niedergerungen. Hens erzielte damals beim 29:24-Sieg sechs Tore und krönte seine überragende Leistung als bester deutscher Werfer des Turniers mit 47 Treffern.
Von solchen Werten kann der Rückraumspieler des HSV Hamburg derzeit nur träumen. Der Kapitän der deutschen Mannschaft befindet sich in einer tiefen Formkrise. In den bisherigen fünf Turnierspielen stand der 31-Jährige insgesamt rund eine Stunde auf dem Feld - und erzielte bei zehn Versuchen lediglich einen Treffer.
Gut möglich, dass Hens ein erneutes Endspiel erspart bleibt, wenn die DHB-Auswahl am Mittwoch (16.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Polen trifft. Hens plagen Achillessehnen-Probleme, zudem spricht vieles dafür, dass Bundestrainer Martin Heuberger seinen Star auf die Bank setzt. Dabei geht es gegen Polen um viel. Es ist ein Spiel um Olympia oder nichts.
Heubergers Händchen für das richtige Personal
Sollte Deutschland im Prestige-Duell gegen den Nachbarn verlieren, steht das Team mit leeren Händen da. Bei einem Remis dürfte Dänemark nicht gegen Schweden gewinnen. Schlägt die deutsche Mannschaft Polen, ist sie nicht nur sicher im Halbfinale, sondern hat auch die kaum noch für möglich gehaltene Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London vor Augen. Es wäre eine kleine Sensation für den deutschen Handball im Jahr eins nach Heiner Brand.
Dessen Nachfolger Heuberger drohte bei seinem ersten großen Turnier als Chefcoach nach der desaströsen Niederlage im Auftaktspiel gegen Tschechien ein Debakel. Auch wenn Heuberger aus Deutschland sicherlich noch keinen Titelanwärter geformt hat: Seine Personalentscheidungen waren überwiegend richtig, sein Team zeigte nach dem Dämpfer erstaunliche Fortschritte in Sachen Motivation und Siegeswille.
Diese beiden Tugenden werden auch gegen Polen bitter nötig sein. Nicht erst seit der Auftaktniederlage 2007 und der späteren Revanche im Finale sind die Duelle gegen Polen meist hart umkämpft. Traditionell spielen die meisten der polnischen Stars in der Bundesliga und konkurrieren dort auch mit den DHB-Akteuren um die Stammplätze.
Zudem gab es in der Vergangenheit immer wieder Ärger mit Polens zur Cholerik neigenden Trainer Bogdan Wenta, der während des Spiels gerne mal Breakdance vor dem Tisch der Kampfrichter aufführt. Heiner Brand war 2007 nach der Auftaktniederlage gegen die Polen so genervt vom Verhalten seines Kollegen, dass er bei der Pressekonferenz nach dem Spiel gleich zwei Stühle zwischen sich und seinem ehemaligen Zögling frei ließ. Später vertrugen sich die beiden dann doch noch.
"Wir haben die Polen bei uns gut ausgebildet"
Die Statistik seit 2007 ist ausgeglichen. In der Gruppenphase bei der WM 2009 in Kroatien gewann Deutschland 30:23 gegen Polen, ein Jahr später gab es bei der EM in Österreich und der Schweiz dann - ebenfalls in einem Gruppenspiel - die Revanche (25:27). Heuberger weiß genau, wo sich sein Team im Vergleich zur Niederlage gegen Dänemark steigern muss. "Das Umschalten zwischen Angriff und Abwehr muss besser werden. Zudem ließ unsere Chancenverwertung zu wünschen übrig", sagte der Bundestrainer.
Dabei weiß auch Heuberger sehr wohl um die Gefährlichkeit der polnischen Nationalspieler. Vor allem der wurfstarke Rückraum mit Karol Bielecki (Rhein-Neckar Löwen), Grzegorz Tkaczyk (bis 2011 bei den Löwen), Marcin Lijewski (HSV Hamburg), Michal Jurecki (bis 2010 TuS Nettelstedt-Lübbecke) und Bartolmej Jaszka (Füchse Berlin) sowie am Kreis Bartosz Jurecki (SC Magdeburg) dürfen nicht ins Spiel gelassen werden. "Die haben wir sehr gut ausgebildet bei uns", sagte Heuberger mit einem Seitenhieb auf die Bundesliga-Clubs.
Heuberger, der für das letzte Hauptrundenspiel den Lemgoer Martin Strobel nachnominiert hat, setzt gegen Polen auch auf Leidenschaft: "Gegen die Dänen hat uns vielleicht auch die Emotionalität aus den Spielen davor ein bisschen gefehlt. Wenn wir uns aber wieder auf unsere Stärken besinnen, dann werden wir die Polen schlagen", kündigte er an.
"Wenn ich dürfte, würde ich auf uns wetten", sagte Silvio Heinevetter, der wohl wieder von Beginn an im Tor der Deutschen stehen wird. Heinevetter ist im Gegensatz zu Hens einer der Gewinner der EM. So wie Neu-Trainer Heuberger. Selbst wenn es gegen Polen nicht klappt, wird der 47-Jährige zufrieden nach Hause fahren: "Auf uns hat doch vorher keiner einen Pfifferling gesetzt."
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