Die Jan-Ullrich-Affäre Ende Legende

Sie waren Kollegen, Vertraute, feierten große Erfolge. Der eine fuhr für Team T-Mobile Radsport-Siege ein. Der andere war Sprecher der Mannschaft. Christian Frommert erinnert sich an den Moment, als seine Freundschaft zu Jan Ullrich am Doping zerbrach.


Nicht reagieren. Sitzen bleiben, die Attacke nicht mitgehen. Lieber das mediale Gewitter da draußen vorbeiziehen lassen, ein letztes Mal. Sonne war ihm immer lieber.

Jan Ullrich schwieg, als der Internationale Sportgerichtshof Cas sein Urteil fällte - aber er schrieb. Der frühere Radprofi gab eine Erklärung ab, in der er einräumte, mit dem spanischen Arzt Fuentes zusammengearbeitet zu haben. "Ich bestätige, dass ich Kontakt zu Fuentes hatte. Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue."

Stunden nach dem Cas-Urteil und nach Jahren des Leugnens hatte Jan Ullrich ein Dopinggeständnis abgelegt - so konnte man es sehen. So sahen es nicht alle, im Gegenteil: Für viele waren die Zeilen, geräuschlos platziert auf seiner Homepage in der Nacht zum Freitag, der nächste Skandal.

Das sollte sie gewesen sein, die Erklärung? Ein viel zu kleines Sorry, keine Details, substanzlose Worte insgesamt, so ging die vernichtende Kritik an Ullrichs Einlassung. Viel zu spät sei sie gekommen, die Reaktion. Und dann auch noch so. Eine Radfahrer-Flucht, nur die Beteuerung, er habe ja eigentlich schon kurz nach seiner Suspendierung vor der Tour de France 2006 "den Fehler, den ich gemacht habe, öffentlich eingestehen wollen, aber mir waren die Hände gebunden"?

Ich schrieb Ullrich eine SMS, auf die ich bislang keine Antwort bekam und auch nicht erwarte, denn die Verbindung zwischen uns ist längst gekappt. Aber ich wollte ihm doch sagen, dass dieser Schritt von ihm, so klein er auch sein mag, für mich kein selbstverständlicher war.

Ullrich will von allen und jedem gemocht werden

Jan Ullrich hat irgendwie gestanden, etwas mit Doping zu tun gehabt zu haben. Aber er hat es auf seine Art getan, auf die Ulle-Art.

Jan Ullrich will und kann niemanden verletzen. Er will gemocht werden, von allen und jedem. Er war einer, der beim Redaktionsbesuch bei der "Bild"-Zeitung Hände schüttelte und sagte: "Hallo, ich bin der Jan." Das sagt viel aus über einen, der Harmonie liebt und bodenständig genannt werden darf. Nicht wenige beschreiben ihn auch als naiv, vielleicht deshalb, weil ihm sein Star-Status hierzulande nie recht bewusst war.

Er machte meist so viel, wie er unbedingt musste. Auch deshalb mag seine Stellungnahme nach dem Urteil so weich und versöhnlich mit sich selbst formuliert worden sein. Wieder einmal ist er nur so weit gegangen, wie er es musste. Jedes verlorene Wort mehr, könnte eines zu viel sein. Er will nicht als Verräter dastehen.

Es ist lange her, dass wir miteinander gesprochen haben. Fast sechs Jahre. Das Letzte, was er mir mündlich mitteilte war, dass ich doch lieber nicht zu seiner Hochzeit kommen sollte. Auch diese unangenehme Mitteilung war verpackt auf eine spezielle Art. Es wurde ein "Ja dann bis bald mal", das doch eigentlich ein "Auf Nimmerwiedersehen" war.

Jan Ullrich war ein Mann der Extreme

Als Sprecher des T-Mobile-Teams hatte ich die Aufgabe, seine Suspendierung zu verkünden. Auch nach seiner Abreise aus dem Elsass-Örtchen Blaesheim hatten wir Kontakt. Wir besprachen Strategien und kommentierten Entwicklungen. Aber irgendwann wurde der für ihn wichtige Freundeskreis neu gezogen. Darin war aus seiner Sicht kein Platz mehr für einen, der nicht bedingungslos zu ihm stand.

Jan Ullrich war ein Mann der Extreme. Oder wie er sein Buch nannte: "Ganz oder gar nicht". Kein Grau, nur Schwarz und Weiß, oben oder unten, links oder rechts. Alles oder Nichts. Er trainierte oder nicht, er aß oder nicht. Und wer nicht sein Freund war, der war so etwas wie sein Feind.

Bis zum Cas-Spruch habe ich nur noch selten an die Zeit von damals gedacht. Ab und an tauchten Bilder auf. Man betrachtet sie, doch sie sind unwirklich, Zeugnisse aus einer längst vergangenen Zeit.

Am Morgen, bevor Jan Ullrich suspendiert wurde, saß er in seinem Hotelzimmer in Blaesheim auf dem Bike und strampelte. Ich saß auf einem Stuhl, sein Betreuer Rudy Pevenage auf dem Bett. Ich war zu ihm gegangen, um ihm von den Anschuldigungen gegen ihn zu erzählen. Aber Ullrich saß auf seinem Ergobike und sagte: "Ich fahre morgen die Tour de France." In der Form seines Lebens sei er. Man durfte es ihm glauben. Der Tour-Sieg wäre damals nur über Jan Ullrich gegangen.

Die Entscheidungen trafen meist andere für Ullrich

Wir hatten an dem Morgen, einen Tag vor dem Tour-Start, ein Fax vom Veranstalter bekommen, auf dem zusammengefasst war, was in der Nacht aus Spanien ruchbar geworden war: Blut, Doping, Hormone, Betrug. Eine Liste mit 58 Namen, darunter auch Jan Ullrich. Wir standen als T-Mobile-Team vor der Frage: Lassen wir Ullrich starten oder suspendieren wir ihn? Das Ergebnis ist bekannt.

Im Team-Hotel Au Boeuf saßen wir dann mit Ullrich und seinem Manager zusammen, wir stimmten die offizielle Spracheregelung ab. Und dann raus, die Treppen hinunter, vor die Kameras und ab durch die Mitte der wartenden Journalisten.

Nicht nur ich hatte vorher schon auf Ullrich eingeredet, sich zu erklären. Unzählige Telefonate mit der einen Frage: War da was? Stimmen die Vorwürfe? Das Bestehen des Teams stand auf dem Spiel. "Jan, da sind so viele Menschen, die sich für deinen Erfolg den Hintern aufreißen. Menschen, die du noch nicht mal kennst. Sie haben Familie, Kinder, denen bist du auch was schuldig." Er zögerte. Sechs Jahre lang.

Ich denke, es hätte damals eine realistische Chance bestanden, das alles in andere Bahnen zu lenken. Reden, Verstehen, Polieren. Kommunikation ist nicht alles, heißt es, aber ohne Kommunikation ist alles nichts. Der Tour-Tross machte Station in Bordeaux als die Idee reifte, ein TV-Interview zu machen.

"Wenn etwas an den Vorwürfen dran sein sollte, könnten wir das öffentlich machen." Er hätte eine Sperre bekommen, aber er hätte weiterfahren können. Ullrich klang interessiert, doch er wurde anders beraten. Deshalb hat Ullrich Recht, wenn er jetzt erklärt, ihm seien damals die Hände gebunden gewesen. Er hätte auch sagen können: Meine Entscheidungen trafen meist andere.

Ich hätte gern gewusst, wie alles ausgegangen wäre, wenn er mehr hätte selbst entscheiden können. Wenn er sein eigenes Schicksal hätte beeinflussen können.



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Seite 1
vostei 11.02.2012
1. Naja
Wenigstens hat ER sich beim wulffen ein wenig mehr angestrengt, als... ;)
alocasia 11.02.2012
2.
Schon witzig, das sagt einer von einem Team in dem systematisches Doping über Jahre Usus war. Aber ja klar er hat von all dem natürlich nix gewußt.
doc 123 11.02.2012
3. Vollständig abstrus...
Zitat von sysopGetty ImagesSie waren Kollegen, Vertraute, feierten große Erfolge. Der eine fuhr für Team T-Mobile Radsport-Siege ein. Der andere war Sprecher der Mannschaft. Christian Frommert erinnert sich an den Moment, als seine Freundschaft zu Jan Ullrich am Doping zerbrach. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,814555,00.html
... ist doch wohl, dass dieser mittlerweile nachhaltig überführte und kriminelle Doper das Urteil beim CAS lächelnd abnickt und in die Schweiz zurückkehren kann, wo er seine aus abstrusen Betrug gewonnenen Millionen weiter genießen kann. Der Typ hätte zunächst wenigstens für eine paar Jahre in den Knast einfahren müssen, wie sich das für einen Wiederholungstäter und nachgewiesenen wiederholten Betrüger gehört hätte, dann hätte selbst ich ihm seine Millionen gegönnt (grr).
Stauss 11.02.2012
4. Warum soll Jan Ullrich unbedingt die Hosen runterlassen,
nur weil Sportjournalisten einen entblössten Hintern sehen wollen? Ist doch alleine seine Sache, wenn er gedopt hat. Wie es Sache der Sportjournalisten (und insbesondere des Herrn Prof. Dr. Franke) ist, wieviel sie saufen und Aspirin sie schlucken (auf der Liste des Verbandes als verbotenes Dopingmittel), wie viel Kaffee sie trinken und was sie rauchen oder sonstwie spritzen. Auch ein Sportler hat das Recht auf Privatleben.
Emmi 11.02.2012
5. Ohne Doping...
Zitat von sysopGetty ImagesSie waren Kollegen, Vertraute, feierten große Erfolge. Der eine fuhr für Team T-Mobile Radsport-Siege ein. Der andere war Sprecher der Mannschaft. Christian Frommert erinnert sich an den Moment, als seine Freundschaft zu Jan Ullrich am Doping zerbrach. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,814555,00.html
Wenn man sich die Skandale der letzten Jahre so ansieht, kommt man zu dem Eindruck, dass ohne Doping keine Spitzenleistungen im (Rad)Sport möglich sind. Die einen machen es nur "geschickter" als die anderen... Wenn nicht (mehr) der faire Sport, sondern immer neue Höchstleistungen das Ziel sind, sollte man konsequenterweise Doping für alle erlauben und allen Sportlern Zugang zu den entsprechenden Mitteln und Methoden ermöglichen (unter medizinischer Kontrolle, um Schäden und Spätfolgen zu minimieren), dann ist die Gerechtigkeit wenigstens wieder hergestellt...
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