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01. Juni 2012, 15:27 Uhr

NBA

Die wichtigsten Erkenntnisse der Playoffs

Von André Voigt

Welche Folgen hat der Kreuzbandriss für die Karriere von Derrick Rose? Ist die Verletzung auf den brutalen Spielplan zurückzuführen? Können Carmelo Anthony und Amar'e Stoudemire zusammen spielen? Das Basketball-Magazin "FIVE" beantwortet die wichtigsten Fragen zu den NBA-Playoffs.

Kann Derrick Rose nach seinem Kreuzbandriss überhaupt wieder auf MVP-Niveau spielen?

Derrick Rose durchlebte eine Saison, in der er enormes Pech hatte. Eine Verletzung reihte sich an die nächste, am Ende stand der Kreuzbandriss beim Playoff-Auftaktspiel gegen Philadelphia. Vor dieser Saison verpasste Rose in drei Jahren nur sechs Partien. Kaum ein anderer NBA-Profi arbeitet so gewissenhaft an seinem Körper und Spiel wie der Point Guard der Chicago Bulls. In dieser Saison blieb wenig Zeit für Regeneration, Rose wollte spielen und kam vielleicht zu früh zurück.

Es ist davon auszugehen, dass er seine Reha für den Kreuzbandriss extrem professionell angehen wird, sogar stärker zurückkehrt. Allerdings bleibt abzuwarten, wie er die Verletzung mental wegsteckt. Knieverletzungen hinterlassen bei Spielern, die von ihrer Athletik leben, oft psychologische Spuren. Möglicherweise wird Rose künftig nicht mehr mit derselben Kompromisslosigkeit in die Zone ziehen.

Immerhin: Ein Kreuzbandriss ist nicht das athletische Todesurteil wie noch vor zehn Jahren. Rose ist erst 23 Jahre alt, er wird den nun olympiafreien Sommer nutzen, um seinem Spiel neue Facetten hinzuzufügen.

Waren die Verletzungen von Rose, Iman Shumpert und Josh Smith auf den Spielplan zurückzuführen?

Ja, der Spielplan mit 66 Spielen in 120 Tagen pro Team hat seinen Teil dazu beigetragen. Die Probleme begannen aber bereits vor der Saison. Normalerweise wissen die Profis, wann es ins Trainingslager geht. Sie stimmen ihre persönliche Trainingsphase genau darauf ab. Der Sommer dient dazu, den eigenen Körper zu kräftigen, Defizite auszugleichen. Im Trainingslager erfolgt dann der Feinschliff.

2011 wusste niemand, wann die Saison losgehen würde. Im Gegenteil: Einige Profis glaubten nicht mehr daran, dass es überhaupt eine Spielzeit geben würde. Folgerichtig kamen sie nicht in Top-Form zu ihren Teams. Es entstand ein Dominoeffekt. Nicht komplett fitte Sportler wurden durch den brutalen Spielplan gejagt. Akteure, die sich zum Zeitpunkt des Lockouts in der Reha befanden, durften nicht einmal mit den Teamärzten kommunizieren. So kam es schon während der Saison zu einer Reihe von Verletzungen.

Dafür NBA-Commissioner David Stern die Schuld zu geben, wäre aber zu kurzsichtig. Der neue Tarifvertrag und auch der Spielplan wurde nicht allein von der Liga bestimmt. Die Spielergewerkschaft segnete alles ab, hatte auch ein Interesse daran, dass möglichst viele Partien ausgetragen werden konnten. Warum? Weil das Gehalt vieler Profis durch die Anzahl der Saisonspiele bestimmt wird. Je weniger Begegnungen ausgetragen werden, desto weniger bekommen die Spieler ausgezahlt. Am Ende ist es so, wie Dirk Nowitzki es schon beim All-Star-Weekend sagte: "Jeder ist schuld! Die Spieler und die NBA. Wir wussten seit zwei Jahren, dass dieser Lockout kommt, und haben nichts getan, um ihn zu verhindern. Also mussten wir in einer kurzen Saison viele Partien absolvieren."

Können Carmelo Anthony und Amar'e Stoudemire zusammenspielen oder muss Stoudemire für einen anderen Star getauscht werden?

Nicht erst während der Playoffauftaktrunde (1:4 gegen Miami) drängte sich diese Frage auf. Schon in der Regular Season agierten die Knicks erfolgreicher, wenn Amar'e Stoudemire nicht im Kader stand. Ohne den Power Forward gewann New York 13 von 19 Spielen. Auf dem Feld harmonierten Stoudemire und Carmelo Anthony nicht. Wenn der eine den Ball bekam, schaute der andere zu und umgekehrt. Dass einer Räume für den anderen schaffte, kam selten bis gar nicht vor.

Stoudemire für einen vielleicht besser passenden Co-Star zu transferieren, ist aber so leicht nicht. Der 29-Jährige bekam 2010 einen Maximalvertrag, der nicht krankenversichert werden konnte. Grund: Die medizinische Vorgeschichte des Big Man, in der sich unter anderem ein Knorpelschaden im Knie sowie eine teilweise gerissene Iris finden. In der Offseason wird er sich einer Operation an einer Bandscheibe unterziehen müssen. Bis 2014 bekommt Stoudemire, der seit neun Jahren in der NBA aktiv ist, von New York noch knapp 67 Millionen Dollar überwiesen. Welcher andere Club würde freiwillig brauchbare Spieler für einen Star mit diesen Problemen abgeben? Wohl keiner.

New York wird also eine Angriffsphilosophie finden müssen, in der Anthony und Stoudemire funktionieren. Oder New York setzt alles auf eine Karte und holt einen Aufbauspieler, der aus dem Starduo das Beste herausholen kann. Zum Beispiel Steve Nash, dessen Vertrag am Saisonende aufläuft. Gelänge dies, wäre New York offensiv plötzlich extrem gefährlich. Defensiv käme allerdings noch mehr Arbeit auf den besten Verteidiger der Saison, Center Tyson Chandler, zu.

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