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06. Juli 2014, 23:08 Uhr

Wimbledonsieger Djokovic

Befreiungsschlag im Wohnzimmer des Trainers

Aus London berichtet Philipp Joubert

Er haderte, aber er implodierte nicht. Novak Djokovic hat endlich wieder ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Am hart umkämpften Sieg im Wimbledon-Finale gegen Roger Federer hat Ex-Champion Boris Becker einen großen Anteil.

Novak Djokovic ist ein extrovertierter Mann. Einer, der seine Gedanken, sein Leid und seine Freude mit der Welt teilt. Einer für die großen Gesten. Doch diesmal, nachdem er den Schweizer Roger Federer 6:7 (7:9), 6:4, 7:6 (7:4), 5:7, 6:4 niedergerungen hatte und nach fast vier Stunden Spielzeit endlich die Wimbledon-Trophäe in seinen Händen hielt, reichte eine kleine Geste, eine Kusshand zur Spielerbox, in der Freunde, Verwandte und Betreuer standen, um klarzumachen: Dieser Titel ist einer fürs Team Djokovic. Ein Team, dessen prominentestes Mitglied der Mann ist, den Djokovic mit seinem nun siebten Grand-Slam-Titel überholte, Boris Becker.

Der zweite Triumph des Serben in London ist auch ein Erfolg des Deutschen. War Becker früher der Hauptdarsteller, zeigten die Jubelbilder Djokovics mit seinem Team, dass der 46-Jährige mittlerweile eine neue Rolle ausfüllt, in die er in den vergangenen Wochen immer besser hineingefunden hat: den Part als wichtiges Puzzleteil eines Teams.

Mit dem heutigen Sieg hat Becker seinen Auftrag erstmals erfüllt, nämlich Djokovic mit dem Selbstvertrauen und der Selbstgewissheit auszustatten, auch in den engsten Situationen zu bestehen. "Ich bin sehr erleichtert, einen Grand-Slam-Titel mit Boris gewonnen zu haben", sagte Djokovic nach dem Match der BBC. "Es gab viele Leute, die unsere Zusammenarbeit infrage gestellt haben. Aber ich bin sicher, wir sind eine großartige Kombination."

"Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle"

Auch Becker ist stolz auf seinen Schützling - ebenso wie auf den eigenen Anteil am Erfolg: "Es ist sicherlich eine große Genugtuung, hier als Spieler und Trainer gewonnen zu haben", sagte der dreimalige Wimbledon-Sieger, der den Centre Court im All England Lawn Tennis and Croquet Club als sein "Wohnzimmer" bezeichnet: "Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle, schlimmer als wenn man selbst spielt."

Und gewiss auch ein großer Befreiungsschlag, denn obwohl Djokovic der konstanteste Spieler der vergangenen Jahre ist, hatte er seit den Australian Open im Januar 2013 keinen Grand-Slam-Titel mehr gewinnen können. Vor allem an den eigenen Nerven war der Serbe gescheitert, aber auch daran, dass er in den wichtigsten Matches nicht in der Lage war, seinen Spielplan umzusetzen.

Voriges Jahr am selben Ort im Finale gegen Andy Murray fand Djokovic nie ins Match. Und noch in den beiden vorherigen Runden des diesjährigen Turniers hatte der neue Weltranglistenerste laut mit sich gehadert, immer wieder die eigene Chancenverwertung bemängelt. Die Körpersprache im Viertel- und Halbfinale gegen Marin Cilic und Grigor Dimitrov, erinnerte an die drei Grand-Slam-Finals, die der Serbe gegen Rafael Nadal bei den French und US Open und eben gegen Andy Murray verloren hatte.

Djokovic gegen Federer - ein Duell auf höchstem Niveau

Ganz anders heute. Auch an diesem Sommernachmittag drohte der Serbe zwar immer wieder zu implodieren, doch Djokovic folgte seiner Taktik bis zum Schluss mit Überzeugung. Federer war sich vor dem Match der Gefahr bewusst gewesen, die ihm auf der anderen Seite des Netzes gegenüber stand: "Novak ist großartig darin, die Richtung des Balls zu ändern und seinem Gegner somit wichtige Zeit zu nehmen. Es gibt keinen Teil des Courts, in dem man seine Schläge sicher unterbringen kann, denn er kann einen sowohl die Linie entlang als auch diagonal schlagen."

Doch Federer hat wie kaum ein anderer Spieler die Fähigkeiten, Djokovics Grundliniendominanz durch seine Variabilität zu knacken. Oft entwickeln sich deswegen, wie heute, Duelle auf höchstem Niveau, bei denen eine Voraussage über den möglichen Sieger kaum möglich ist. Das war spätestens dann klar, als Federer im vierten Satz einen Matchball Djokovics abwehrte und einen fünften Durchgang erzwang. Am Ende reichte es dennoch nicht für den Rekord-Grand-Slam-Sieger.

Es könnte die letzte Chance Federers auf einen großen Titel gewesen sein. Der Schweizer war nah dran an seinem 18. Grand-Slam-Triumph, die große Mehrheit der Zuschauer stand hinter dem 32-Jährigen. Doch der verdiente Sieger des Tages hieß Djokovic, und für den sollte der Titel der Auftakt für weitere große Siege sein. Das Spiel dazu besitzt er allemal - und den Trainer ebenfalls.

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