DLV-Athleten als Medienprofis: Weltmeister der Inszenierung

Von , Berlin

"Boltisierung der Leichtathletik": Die deutschen Leichtathleten wissen auch neben der Bahn zu überzeugen. Ob Furie Friedrich oder Dozent Spank - die DLV-Stars haben längst erkannt, dass sportlicher Erfolg nicht alles ist, und präsentieren sich als Medienprofis in Turnschuhen.

Hochspringerin Friedrich: 60.000 Besucher zum Schweigen gebracht Zur Großansicht
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Hochspringerin Friedrich: 60.000 Besucher zum Schweigen gebracht

Einer von ihnen ist Raul Spank. Hochspringer, 21 Jahre, Gewinner einer Bronzemedaille, aufgewachsen in Dresden. Ein Journalist fragt ihn, warum es so leicht aussehe, wenn er sich in die Höhe schraube. Spank setzt an zu einem Monolog von drei Minuten. Druckreif. Sendefertig. "Wenn der schwere Weg richtig beschritten wird, sieht es sehr leicht aus", doziert er in breitestem Sächsisch. "Wenn ich alles richtig gemacht habe, sehen sie nichts vom Schweiß und den Mühen, die mich das gekostet hat. Dann denken sie: Raul Spank, dem macht das richtig Spaß."

Dem Raul Spank macht es richtig Spaß, mit den Menschen im Berliner Olympiastadion zu feiern. Spank macht es tags darauf auch richtig Spaß, sich auf der Pressekonferenz des deutschen Teams mitzuteilen. Passenderweise findet dieser Termin in der Dependance des DLV-Hauptsponsors statt, im "Nike-Town" in der Tauentzienstraße. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) will dort etwas verkaufen. Die Sportler wollen etwas verkaufen. Und sofort nach der Pressekonferenz räumen Angestellte Stühle und Tische beiseite, denn gleich kommen die Kunden, die viel Geld für Nike-Produkte ausgeben sollen.

Hätte der Reporter Raul Spank darum gebeten, sein Statement doch bitte auf 25 Sekunden zu verkürzen, weil sich das besser in den Beitrag einbauen lasse, Spank hätte sicher exakt die erbetenen 25 Sekunden geliefert. Ohne Versprecher. Sendefertig. Nächste Frage: Woher er sein Selbstbewusstsein nehme? Spank erlaubt sich höflich eine Gegenfrage: "Kennen Sie meine Homepage?" Ohne die Antwort abzuwarten, setzt er nach: "Da habe ich aufgeschrieben, dass ich mir immer hohe Ziele setze. Ich will der beste deutsche Hochspringer werden. Ich will auch der beste sein, den es jemals gab." Ende der Durchsage. Mit 21 Jahren.

"Die sind so, sie sind völlig authentisch"

Da wirkt nichts aufgesetzt. Raul Spank ist so. Und es gibt viele Raul Spanks unter den deutschen Leichtathleten. Die meisten brauchen keine Medienschulung. Sie sind mit Medien aufgewachsen. Sie haben ihre eigene Web-Seite, auf der sie - wie etwa Diskusweltmeister Robert Harting - auch mal mit leichtbekleideten Models posieren. Sie sind auf Facebook ebenso zu Hause wie auf Youtube oder im alten Medium: im Fernsehen. "Das ist ein ganz neuer Athleten-Typus, der die Herausforderung sucht", sagt Eike Emrich, Professor an der Universität des Saarlandes und DLV-Vizepräsident. "Die sind so, sie sind völlig authentisch. Das ist vielleicht manchmal überraschend, aber auch meistens erfrischend."

Nun mag das nicht für jeden der deutschen Athleten zutreffen. Natürlich überziehen manche. Harting verspeist gelegentlich seine Startnummer. Dieser Heißhunger ist womöglich jenem steten Adrenalin-Überschuss zu erklären, der ihn oft zu unbedachten Äußerungen verleitet. Andererseits ist Harting mit seinem Aggressivitätspotential die Ausnahme.

Bei der Hochspringerin Ariane Friedrich fragt man sich bisweilen, ob sie nicht überdreht. Ein zartes Persönchen, das zur Furie wird, wenn sie eine neue Höhe meistert, die sich unter Kapuzenpullis und extrem dunklen Sonnenbrillen abschottet, selbst wenn es dunkel ist. Friedrich spielt mit den Medien, keine Frage. Friedrich spielt mit allen. Wie sie in ihrem Finale den Zeigefinger zum Mund führt und damit knapp 60.000 Menschen in der Arena zum Schweigen bringt, weil sie ihre Ruhe haben will beim Anlauf - das ist ganz großes Kino.

Clowns sind Helden

"Das war einmalig", sagt Werner Köster, der den Leichtathletik-Zirkus seit den sechziger Jahren verfolgt. Zunächst als Redakteur und Sportchef der Bild-Zeitung, nun schon fast zwei Jahrzehnte als Vermarkter und Berater von Sportlern. "Ich bin zwar nicht sicher, ob hier eine komplette Generation anders agiert", sagt Köster. "Ich habe aber wenigstens ein Dutzend Athleten gesehen, die sich ein Beispiel an Usain Bolt und seinen Einlagen nehmen. Wir werden eine Boltisierung der Leichtathletik erleben."

Das Publikum hat die clownesken Einlagen des jamaikanischen Fabel-Läufers goutiert. Darin liegt eine neue Qualität. Früher galten derlei Show-Acts als unangemessen, obgleich doch Narzissmus seit jeher zu den Kerndisziplinen der Leichtathletik zählt. Das war bei der ersten Weltmeisterschaft vor 26 Jahren in Helsinki nicht anders. Damals hießen die Selbstdarsteller etwa Carl Lewis oder Ben Johnson. Nur waren weniger Kameras dabei, es gab kein Internet, und im Fernsehen haben auch nicht so viele Menschen zugesehen.

Weder die Leichten, noch die Athleten unter den Leichtathleten können und wollen sich vor ihrem Publikum verstecken. Weder in der Arena, noch auf den TV-Bildschirmen. Das schon gar nicht. Die Kameras zoomen mit ihren Super-Objektiven noch jede Regung, jedes Tattoo, jedes Grübchen, jedes Fältchen heran. Den meisten gefällt das. Selbst ein Kugelstoßer wie Ralf Bartels aus Neubrandenburg geht als Narziss durch, auf seine Weise. Bartels, ein Bär von fast 130 Kilo, pflegt seine "Riesen-Plauze", wie Trainer Gerald Bergmann sagt. Unter Kugelstoßern gilt ein mächtiger Bauch als Nachweis von Klasse.

Peter Schmitt ist seit 2002 Mediendirektor des DLV. "Es war früher wesentlich schwieriger", sagt Schmitt. Da saß er mitunter zwischen bärbeißigen Diskuswerfern wie Lars Riedel und Michael Möllenbeck, die eine herzhafte Feindschaft pflegten und das Publikum gern mit Fachbegriffen traktierten. "Die Sportler agieren heute von Hause aus frischer und aktiver den Medien gegenüber", erklärt Schmitt. "Die wissen, was sie sagen, und das auf einem sehr hohen Niveau. Sie haben eine Natürlichkeit, und sie haben den Intellekt, sich schon in jungen Jahren gut zu verkaufen."

In Berlin fällt ihnen das natürlich leichter. Im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in Peking, die dem DLV nur eine Bronzemedaille brachten, präsentierten sich die Deutschen keinesfalls so frei und fröhlich. Der DLV-Philosoph Eike Emrich formuliert das so: "Es ist die freudige Erlösung nach einem Wettkampf, in den man sich aber mit großer Freude und Unsicherheit begeben hat." Das kann man so stehen lassen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. DLV-Athleten als Medienprofis: Weltmeister der Inszenierung Auf Thema antworten
TheExpatriot 23.08.2009
Zitat von sysop"Boltisierung der Leichtathletik": Die deutschen Leichtathleten wissen auch neben der Bahn zu überzeugen. Ob Furie Friedrich oder Dozent Spank - die DLV-Stars haben längst erkannt, dass sportlicher Erfolg nicht alles ist und präsentieren sich als Medienprofis in Turnschuhen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,644529,00.html
Soso - vor 26 Jahren gab es kein Internet? Das erinnere ich aber anders. Wer vor oder in den Sechzigern geboren wurde sollte das wissen.
2. Übel
TotalRecall 23.08.2009
Bei den deutschen Athleten sieht diese Selbstinszenierung im Gegensatz zu Bolt jedoch verdammt peinlich und aufgesetzt aus. Fremdschämen par excellence.
3. Yeah
free1789 24.08.2009
Zitat von sysop"Boltisierung der Leichtathletik": Die deutschen Leichtathleten wissen auch neben der Bahn zu überzeugen. Ob Furie Friedrich oder Dozent Spank - die DLV-Stars haben längst erkannt, dass sportlicher Erfolg nicht alles ist und präsentieren sich als Medienprofis in Turnschuhen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,644529,00.html
Ariane Forever! Inszeniert oder nicht - egal. Diese Sportler bereiten uns Freude und sind schön anzuschauen. Gewissensbisse entsorgen wir bei der WADA...
4. "Hoffmanntisierung"
peeka 24.08.2009
wird vielen noch besser gefallen. Splitterfasernackte Athletinnen im Vorfeld haben ja teilweise die perfekten Körper für Herrenmagazine: http://www.playboy.de/menschen/prominente/claudia_hoffmann
5. Brot und Spiele
ralphofffm 24.08.2009
ist doch eh alles ne Schau; im Zweifel ne Pharmaleistungsschau Guck Ich mir nicht an
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