Deutsche Erfolge bei Leichtathletik-WM Medaillen auf der Zielgeraden

Endlich Medaillen für das deutsche Team: An einem erfolgreichen Abend für die DLV-Delegation ragte Speerwerfer Johannes Vetter mit seinem WM-Titel hervor - und schickte einen vergifteten Gruß an seine alte Heimat.

DPA

Aus London berichtet


Johannes Vetter stand in den Katakomben des Londoner Leichtathletik-Stadions, eingepackt in eine rote Trainingsjacke, die Arme verschränkt, und klang ein bisschen so, als würde er seinen eigenen Wikipedia-Eintrag vorlesen. Er referierte seine Leistungsdaten der vergangenen drei Jahre, an denen sich ablesen lässt, dass er immer besser geworden ist.

2015 der siebte Platz bei der Weltmeisterschaft in Peking, 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro Rang vier, knapp an einer Medaille vorbei, in diesem Jahr eine deutsche Rekordweite mit 94,44 Metern und jetzt, bei der WM in London: Gold. "Ich bin stolz wie Bolle. Was ich in den vergangenen Jahren mit Boris auf die Beine gestellt habe, ist unbeschreiblich", sagte Vetter, der 24 Jahre alte Speerwerfer.

Boris - damit ist der frühere Olympiateilnehmer Boris Obergföll gemeint, sein Trainer. Vor drei Jahren verließ Vetter seiner Heimatstadt Dresden, weil er sich dort zu schlecht betreut fühlte, wie er nach seinem Sieg in London berichtete, und wechselte nach Offenburg, in die Obhut Obergfölls. Dazu gab er seinen Job bei der Landespolizei auf, wechselte in die Sportfördergruppe der Bundeswehr.

"Gewaltig in den Arsch beißen"

"Meines Erachtens wurde ich in Dresden nicht meinem Talent und meiner Leistung entsprechend gefördert", sagte Vetter. Obergföll sei einer der Ersten gewesen, der sein Potenzial gesehen habe. Nach seinem WM-Sieg schickte er einen vergifteten Gruß in die alte Heimat. "In Dresden werden sie sich jetzt gewaltig in den Arsch beißen. Das ist auch richtig so", sagte er.

Ein paar verspannte Töne gab es also doch an diesem aus deutscher Sicht erfreulichen Abend bei der Leichtathletik-WM. Täglich war der DLV-Delegation ihre triste Bilanz vorgehalten worden, nur eine Silbermedaille hatte das Team bislang eingefahren. Ein historisches Tief drohte. Die Verantwortlichen um Bundestrainer Idriss Gonschinska hatten um Geduld gebeten, sie hatten darauf verwiesen, dass einige die größten deutschen Medaillenhoffnungen erst in den letzten Tagen der Titelkämpfe antreten würden, dass noch nichts verloren sei. Und sie hatten recht.

Der vorletzte WM-Abend war ein glänzender Abend. Er hübschte den Ertrag des DLV bei den Titelkämpfen in London erheblich auf mit insgesamt vier Medaillen - und die starke Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch sowie die Sprintstaffel der Frauen verpassten darüber hinaus als jeweilige Vierte das Podest nur knapp. Die Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz holte überraschend Bronze, die Zehnkämpfer Rico Freimuth und Kai Kazmirek erwirtschafteten Silber und Bronze. Zum ersten Mal seit fast 30 Jahren schafften es zwei deutsche Sportler in dieser Disziplin aufs Podest. Und dann war da, als Höhepunkt, Vetters Speerwurf-Gold.

Der deutsche Rekordhalter legte in London einen dominanten Auftritt hin. In der Qualifikation warf er gleich im ersten Versuch 91,20 Meter, die beste Weite, die es jemals bei einer WM-Vorrunde gab. Im Finale schaffte er mit seinem ersten Wurf die Siegerweite von 89,89 Metern.

Röhler und Hofmann stark - und dennoch unzufrieden

Vollends zufrieden konnten die Speerwerfer allerdings nicht sein. Drei deutsche Vertreter waren in der Endrunde vertreten, die drei Führenden der Weltjahresbestenliste: Olympiasieger Thomas Röhler, Andreas Hofmann und Vetter. Der Traum von drei deutschen Speerwurf-Medaillen war keine Erfindung der Medien. Auch die Sportler selbst träumten ihn.

Doch Röhler wurde nur Vierter, mit 88,26 Metern, der besten Weite eines WM-Vierten überhaupt. Hofmann wurde Achter, seine 83,96 Meter sind ebenfalls, genau: die beste Weite eines WM-Achten überhaupt. Aus Sicht von Weltmeister Vetter zeigt das, wie gut es um den Speersport bestellt ist. "Das Niveau ist weltweit so hoch. Es ist einfach abartig, was gerade abgeht", sagte er.

Während Vetter ein aufstrebender Athlet ist, der sich nach und nach verbessert, gehört Zehnkämpfer Freimuth mit seinen 29 Jahren schon zu den erfahreneren Vertretern im deutschen Team und war beinahe überrascht, dass es für ihn zur Silbermedaille reichte. "Ich bin sehr, sehr stolz, dass ich in meinem Alter noch ein so hohes Niveau habe", sagte er. Sein Erfolg war eine Genugtuung für ihn nach einem völlig missratenen Olympiajahr, in dem er drei Wettbewerbe wegen Verletzungen abbrechen musste und bei den Spielen in Rio mit Rückenproblemen aufgab. "Diese Medaille bedeutet mir alles", sagte er nach seinem zweiten Platz in London.

Und sie trägt dazu bei, dass die Bilanz des deutschen Teams plötzlich gar nicht mehr so finster aussieht.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
kater38 13.08.2017
1. Wird in Deutschland nicht mehr so gut gedopt ?
Was ist da los in D ? Wird nicht mehr so gut gedopt ? Wir sollten an alte DDR-Zeiten wieder anknüpfen. Es war ja nich alles schlecht !
count.number 13.08.2017
2. Psychische Schäden
Fast reflexhaft - ob im Erfolg oder Niederlage - eine weitere Aufarbeitung der Vergangenheit. Diese Athleten nehmen sich selbst soviel von ihrem besten Moment und frustrieren auch den Zuschauer. Mutet "typisch deutsch" an.
lupenreinerdemokrat 13.08.2017
3.
Zitat von kater38Was ist da los in D ? Wird nicht mehr so gut gedopt ? Wir sollten an alte DDR-Zeiten wieder anknüpfen. Es war ja nich alles schlecht !
Wenn man die WR- Liste ansieht, stehen da die meisten OR und WR noch aus den 80er und 90er Jahren, sozusagen die Hochzeiten des Dopings. Das ist also ein weltweites Phänomen, kein deutsches. Natürlich sind manche Rekorde auch nicht mehr direkt vergleichbar, es änderten sich ja auch mitunter die Sportgeräte, wie z.B. die Speere.
dieter 4711 13.08.2017
4. In Deutschland wird nicht gedopt
Ihr lieben User, ich hoffe doch, dass in Deutschland nicht gedopt wird.
spon72 13.08.2017
5. Wenn jemand ..
... am Höhepunkt seiner Sportlerlaufbahn gegen die Menschen wettert, die einem den ersten Schritt dorthin erst ermöglicht haben, dann zeugt das meiner Meinung nach von Charakterlosigkeit hoch zehn, so etwas nenne ich unprofessionell und eines Weltmeisters unwürdig. Es spielt dabei auch keine Rolle, ob dieser Athlet irgendwann einmal bei einem Betreuerstab "aussortiert" wurde oder nicht, das ist nunmal Wettbewerb und wenn damals jemand besser war, dann ist das halt so, nachtreten ist da absolut verwerflich. Aber gut, solche Reaktionen kennen wir ja nur zur genüge von hiesigen Muskelprotzen der Leichtathletik und macht für mich, vom riesigen, flächendeckenden Dopingproblem mal ganz abgesehen, diesen Sport unsympathisch. Schon deshalb möchte ich nicht, dass zukünftig meine GEZ-Gelder weiterhin für solche "Events" verpulvert werden.
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