Doping-Affäre: Hausdurchsuchung bei Ullrich

Für Jan Ullrich wird die Lage immer bedrohlicher. Im Rahmen eines Verfahrens wegen Betruges hat die Staatsanwaltschaft Bonn heute die Wohnung des ehemaligen T-Mobile-Fahrers sowie die anderer Beteiligter durchsucht.

Hamburg – An den heutigen Razzien waren neben Beamten der Staatsanwaltschaft auch Mitarbeiter des Bundeskriminalamts (BKA) beteiligt. "Die Staatsanwaltschaft hat nach einer Strafanzeige und intensiver Prüfung des Sachverhalts ein Ermittlungsverfahren gegen die Personen wegen des Verdachts des Betrugs eingeleitet", teilte das BKA mit.

Radprofi Ullrich: Verdacht des Betrugs
DPA

Radprofi Ullrich: Verdacht des Betrugs

Im In- und Ausland wurden heute Vormittag zeitgleich insgesamt zehn private Wohnungen und Firmenräume durchsucht, darunter auch Ullrichs Wohnsitz im Schweizer Scherzingen. Ullrich selbst trafen die Ermittler nicht an. Nach seiner Hochzeit mit Sara Steinhauser am vergangenen Wochenende befindet er sich in den Flitterwochen.

Völlig überrascht von der Durchsuchungsaktion wurde Ullrichs Manager Wolfgang Strohband, dessen Hamburger Immobilien ebenfalls durchsucht wurden. "Ich bin nicht kontaktiert worden. Ich weiß deshalb von nichts. Aber wir haben unsere Anwälte eingeschaltet. Die werden jetzt unsere nächsten Schritte prüfen", sagte Strohband dem Sport-Informations-Dienst (sid) aus dem Österreich-Urlaub in Bad Gastein.

In der T-Mobile-Zentrale in Bonn nahmen BKA-Beamte Einsicht in Akten und Unterlagen des ehemaligen Arbeitgebers Ullrichs. "Wir waren da natürlich kooperativ", sagte Kommunikationsleiter Christian Frommert.

Die BKA-Aktion erfolgte nach einer Strafanzeige von Ex-Leichtathletin Britta Bannenberg, die Ullrich und seinem Umfeld Betrug gegen seinen Arbeitgeber vorwirft. Die heutige Professorin für Strafrecht und Kriminologie in Bielefeld hatte Ullrich sowie seinen spanischen Teamkollegen Oscar Sevilla und Betreuer Rudy Pevenage angezeigt, weil "der Sport in Deutschland sauber bleiben" müsse. Die Rennfahrer hätten ihr Team betrogen und damit Vertragsbruch begangen, begründet Bannenberg, die keinen der drei Angezeigten persönlich kennt.

Die Beschuldigten sollen dem BKA zufolge verbotene leistungssteigernde Mittel angewandt haben, ein Beschuldigter soll Medikamente beschafft haben. Die Aktionen der Strafverfolger stehen in Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen den spanischen Mediziner Eufemiano Fuentes. Der Arzt soll Dutzende Leistungssportler, darunter auch Ullrich, mit Wachstumshormonen und anderen auf der Dopingliste stehenden Substanzen versorgt haben. Ullrich war einen Tag vor der diesjährigen Tour de France wegen Doping-Verdachts ausgeschlossen worden. Der 33-Jährige beteuert seine Unschuld. Sein damaliger Rennstall glaubte Ullrich nicht und kündigte inzwischen den Vertrag.

Lebenslange Sperre möglich

Ullrich droht als Wiederholungstäter eine lebenslange Sperre. "In ein paar Tagen sollten wir die beglaubigten Dokumente des Radsportweltverbandes UCI zur Doping-Affäre Fuentes erhalten", sagte Lorenz Schläfli, Geschäftsführer des Schweizer Radsportverbandes Swiss Cycling, mit dessen Lizenz Ullrich fährt. Er zweifle nicht daran, dass das Material ausreicht, ein Verfahren gegen Ullrich zu eröffnen, so Schläfli. Bisher liegen dem Verband nur Abschriften der Guardia Civil zu dem Fall vor.

Ullrich geht trotz der Ermittlungen in Spanien und eines möglichen Verfahrens in seiner Wahlheimat Schweiz davon aus, seine Karriere als Radprofi fortsetzen zu können. Der Illustrierten "Bunte" sagte Ullrich, dass ihm zurzeit Angebote mehrerer Teams vorlägen: "Ich muss mich nur noch entscheiden, für wen ich fahren möchte. Es wird sich alles zu meinen Gunsten aufklären. Was man gerade mit mir macht, finde ich ungerecht."

Zumindest vor dem Landgericht Hamburg hatte Ullrich heute Erfolg. Die Pressekammer entschied, dass der Doping-Experte Werner Franke nicht mehr öffentlich behaupten darf, Ullrich habe an Fuentes 35.000 Euro für die Beschaffung von Dopingmitteln gezahlt. Franke hatte sich bei seinen in einem TV-Interview gemachten Aussagen auf Ermittlungsakten aus Spanien berufen. Das Gericht urteilte, Franke habe Ullrich in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt. "Wir werden mit hundertprozentiger Sicherheit Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen", sagte heute Frankes Anwalt Michael Lehner.

Franke hatte im August sogar Strafanzeige gegen Ullrich erstattet und den Radprofi bezichtigt, wider besseres Wissen eine eidesstattliche Versicherung abgegeben zu haben, wonach er nichts mit der Affäre um Fuentes zu tun habe. Das aber stehe im Widerspruch zu den Unterlagen der Guardia Civil, so Franke. Der Dopingexperte hatte zudem erklärt, es sei sogar bekannt, über welche Bankkonten Ullrich Geld nach Spanien transferiert habe.

ach/dpa/sid

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Forum - Ullrich am Ende?
insgesamt 566 Beiträge
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1.
wühlmaus 21.07.2006
Bis wieder eine Generation nachgewachsen ist, die U. die Rolle als Opfer einer Verschwörung abkauft, ist er 52... Ergo: Der ist weg vom Fenster. T-Mobile wird jetzt das getan haben, was deren Juristen meinen vertreten zu können - so wie U. vorher das unterlassen hat wozu ihm seine Rechtsverdreher rieten. Bin mal gespannt, was U. jetzt von sich hören lässt.
2. Unschuldsvermutung
tedric 21.07.2006
Ich will endlich stichhaltige Beweise sehen. Egal, ob sie positiv oder negativ ausfallen, aber solange nichts bewiesen ist, sollte man Jan Ullrich nicht vorverurteilen. Sieht zwar nicht gut aus für "uns Ulle", andererseits halte ich die negative Stimmungsmache mancher Schreiberlinge für höchst verwerflich. Für den Menschen Ullrich muß das die Hölle sein - wenn er unschuldig ist, und das sollte man erstmal vermuten. Daß er sich vielleicht nicht besonders geschickt geäußert hat und verhält, steht auf einem anderen Blatt. Mit nem DNS-Test könnte er, wenn man den Medien glaubt, wohl schnell seine Unschuld beweisen. Aber so läuft das in unserem Rechtssystem eben nicht, die Schuld muß bewiesen werden, nicht die Unschuld. Wär schlimm, wenn's andersrum wäre.
3. Was bitte ist mit 'unschuldig bis das Gegenteil bewiesen ist'??
firenze 21.07.2006
Davon mal abgesehen, dass ich völlig unvoreingenommen bis, was den Ausgang der Ermittlungen angeht finde ich es doch ein starkes Stück, dass von einer Person verlangt wird, dass sie einen Unschuldsnachweis erbringt. Was bitte soll das? Jeder Jurastudent wird zustimmen, dass es nahezu unmöglich ist, einen solchen 'negativen Beweis' zu erbringen. Wenn ein Auto geklaut wird und jemand schreibt meinen Vornamen am Tatort auf die Erde, muss ich dann beweisen, dass ich nicht die gesuchte Person bin, die das AUto wirklich geklaut hat? Nein. Man muss mir beweisen, dass ich es war und zwar stichhaltig, sonst gilt: Im Zweifel für den Angeklagten. Dieses Prinzip gilt in jedem Rechtsstaat. Es sollte auch für Sportler gelten und tut es auch. Dass man einem Fahrer eine Frist von zwei Wochen setzt, damit er seine Unschuld beweist, wenn offensichtlich noch nicht einmal genaue Vorwürfe vorliegen, außer der vagen Andeutung, dass es Blubeutel mit dem Namen Jan gab (der auch nicht soo selten ist) und das Team auch noch zugibt, dass es keine neuen Erkenntnisse hat und den Fahrer aber trotzdem kündigt, zeigt mir doch mal wieder, wie sehr in Deutschland auf Medien gehört wird. In vielen Medien wird Ullrich als der Schuldige dargestellt. Vielleicht ist er das. Wahrscheinlich ist er nicht der einzige. Aber egal, was er ist, solange man ihm nichts beweisen kann, ist er unschuldig. Punkt. Und sollte das so bleiben, dann wird das T-Mobile richtig Geld kosten, weil sie mal wieder voreilig die meinungsbildenden Medien zufriedengestellt haben und ein anderer Rennstall nimmt Ullrich mit Kusshand. Denn mal ehrlich, wer glaubt denn bitte, dass auch nur ein Fahrer eine dreiwöchige Tortur wie die Tour de France übersteht ohne irgendetwas zu nehmen???
4. Schuld oder Unschuld
PeteristMueller 21.07.2006
Fraglich bleibt für mich die Tatsache, warum man mit einem DNA-Test nicht nur die Unschuld, sondern auch gffs. die Schuld beweist. Warum wird also dieser Test nicht von den Ermittlungsbehörden gefordert und das Thema wäre dann vom Tisch? Ansonsten sehe ich die Kündigung als gerechtfertigt. J. Ullrich ist seinem Arbeitgeber eine Leistung schuldig, die er nicht erbracht hat. Anstatt gegen das große T zu ziehen, sollte er dann lieber die verklagen, die ihn an der Ausübung seiner vertraglich geforderten Leistungen hindern. PM
5.
wühlmaus 21.07.2006
---Zitat von sysop--- Hat der Bonner Rennstall vorschnell und übertrieben gehandelt, da Ullrich bislang nur verdächtigt, aber noch nicht überführt ist? ---Zitatende--- Wie ich schon mal im laufenden Doping-Thread spekuliert habe: Es geht allein um die Fortzahlung von U.'s Bezügen. Hierzu folgende kurze Wahrscheinlichkeitsbetrachtung: Ich unterstelle mal, dass er mit 99%iger Wahrscheinlichkeit irgendwann mal des Blutdopings rechtskräftig überführt wird (das fehlende 1% habe ich mal zu U.'s Gunsten "postuliert", getreu dem Motto: "Ein letzter Zeifel für den Angeklagten"). Nun könnte T-Mobile generös und fair sein und so lange warten, bis sie ihm irgendwann mal mit 100% Berechtigung fristlos kündigen können. Ich kenne seinen Vertrag nicht, vermute aber, dass sie ihm dann nicht mehr rückwirkend auf den Tag der Handlung kündigen können, sondern nur noch per sofort. Also zahlen sie bis dahin - mit 99%iger Sicherheit grundlos - sein Gehalt weiter. Und haben obendrein den Schaden, als ein Rennstall dazustehen, der mit Dopern gemeinsame Sache macht (ob zu recht oder unrecht, ist eine ganz andere Frage, welche die Anwälte im Moment wenig scheren wird). Gesetzt nun aber den Fall, Weihnachten und Ostern fallen tatsächlich auf einen Tag und U. kann irgendwann seine Unschuld beweisen. Dann müssen sie halt nachzahlen, und evtl. einen fiktiven Verdienstausfall aus entgangenen Werbeverträgen obendrein. Risiko dafür: das postulierte 1%. Ich bin kein Jurist, vermute aber mal, dass T-Mobile mit diesem Schritt auch versuchen will, die Beweislast umzudrehen. Sie werden alles Belastende was sie bis jetzt haben - und ich schätze mal das ist mehr als die Öffentlichkeit bis jetzt kennt - vorlegen und daraus einen hinreichenden Anfangsverdacht basteln. Kann mir nicht vorstellen, dass ein Richter diesen Verdacht als zu schwach einfach so abschmettert, ohne a bisserl neugierig zu sein, ob er denn tatsächlich zutrifft oder nicht (und nichts ist ja einfacher als dieses zu klären). Und wenn U. dann immer noch herumdruckst und sich ziert, dann kriegt er halt die Beweislast offiziell aufgebrummt und a Ruh' iss'. Dieser Schritt von T-Mobile ist für mich sowas von logisch, dass man sich fragt, warum er nicht schon längst erfolgte. Ich vermute mal, dass sie lediglich abgewartet haben, welches öffentliche Echo U.'s Suspendierung auslöst, und dass das Ergebnis wohl so war, dass ihnen dieser Schritt nun gefahrlos geboten schien. Hält jemand dagegen ?
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