Doping an Uniklinik Freiburg "Das ist Wahnsinn"

Deutsche Radsportler wurden in der Uniklinik Freiburg viele Jahre mit Dopingmitteln versorgt. Den Molekularbiologen Werner Franke überrascht das nicht. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über lasche Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, organisiertes Doping und die Machenschaften der Ärzte.


SPIEGEL ONLINE: Herr Franke, an der Freiburger Universitätsklinik sind Radfahrer von 1995 bis mindestens 2006 systematisch gedopt worden. Das ist das Ergebnis eines Abschlussberichts, über dessen Inhalte DER SPIEGEL berichtet hat. Haben Sie die Erkenntnisse überrascht?

Franke: Mich überrascht überhaupt nichts mehr, was die Machenschaften der Ärzte an der Universität Freiburg angeht. Ich gehe aber auch jetzt davon aus, dass wir bisher nur einen Teil der ganzen Wahrheit kennen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Staatsanwaltschaft bisher eher leisetreterisch ermittelt hat. Die hätten viel härter ran gehen müssen.

Ehemalige T-Mobile-Profis Klöden (r.) und Kessler: Unter Verdacht
DPA

Ehemalige T-Mobile-Profis Klöden (r.) und Kessler: Unter Verdacht

SPIEGEL ONLINE: Was werfen Sie den Staatsanwälten vor?

Franke: Sie hätten zum Beispiel unter Eid durch einen Richter die im Abschlussbericht namentlich erwähnten Radfahrer Andreas Klöden und Matthias Kessler (derzeit gesperrt wegen Testosteron-Missbrauchs, die Red.) vernehmen lassen müssen, ebenso die ehemaligen Team-Telekom-Führungskräfte Rudy Pevenage und Walter Godefroot. Auch Jan Ullrich natürlich: Der ist ja nun nur noch Zeuge und kein Beschuldigter irgendeines Verfahrens mehr.

SPIEGEL ONLINE: Alle genannten Personen haben Doping stets bestritten. Nach jetzigem Stand soll das Freiburger Dopingsystem von den Ärzten Andreas Schmid und Lothar Heinrich betrieben worden sein. Beide, die bislang nur eine Dopingbeteiligung bis 1999 eingeräumt haben, haben die Uni verlassen, sind damit alle Verantwortlichen identifiziert?

Franke: Wir wissen, dass Professor Joseph Keul, der langjährige Leiter der Freiburger Sportmedizin, jahrzehntelang Doping verharmlost, praktisch gedeckt hat. Und kein Hahn hat danach gekräht, Keul durfte seine mächtige Position im deutschen Sport immer weiter ausspielen. Weil das so war, darf sich nun niemand wundern, wenn er bis zuletzt sogar am Versand von Mitteln an Athleten beteiligt war.

SPIEGEL ONLINE: Keul ist 2000 gestorben. Trägt die heutige Spitze der Freiburger Sportmedizin keine Verantwortung an den Zuständen?

Franke: Wir wissen, dass der Radprofi Patrik Sinkewitz seine in Freiburg gelagerten Blutbeutel zur Identifizierung statt mit seinem Namen mit einem Micky-Maus-Aufkleber versehen hat. Ähnlich haben es wohl auch andere T-Mobile-Fahrer gemacht. Dass so etwas im Kühlschrank an einer deutschen Uniklinik mit Exzellenz-Charakter möglich ist und niemandem auffällt, halte ich schon für sehr komisch. Zudem musste Schmid für die Eigenblutübertragungen Infusionsbesteck und andere Materialien verwenden und reinigen. Auch das soll niemandem aufgefallen sein? Hat der die zum Beispiel selbst gespült? Schwer vorstellbar.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen fordern Sie?

Franke: Ich erwarte Ermittlungen gegen die betroffenen Ärzte wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz und Beihilfe zur Körperverletzung. Es kann doch nicht sein, dass die Ärzte und Trainer der ehemaligen DDR alle wegen Körperverletzung oder Beihilfe zur Körperverletzung verurteilt wurden und Verantwortliche im Westen nun womöglich mit Ministrafen davon kommen. Ich erinnere zudem daran, dass dem Doping-Arzt des kanadischen Sprinters Ben Johnson ganz flott die Approbation aberkannt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Bisher hat sich allerdings kein Sportler über Körperverletzung beschwert.

Franke: Wir kennen zum Beispiel den Fall Gerd Audehm, ein ehemaliger Telekom-Profi, der beim Training im Fitnessstudio mit einem Schlaganfall vom Rad gefallen ist und nun körperlich und geistig schwer behindert ist. Das ist ein durchaus typischer Dopingschaden. Bei der Beihilfe zur Körperverletzung kommt es übrigens gar nicht darauf an, ob tatsächlich ein Schaden eintritt. Das hat der Bundesgerichtshof zum DDR-Doping festgestellt. Denn ob etwas passiert, liegt schließlich nicht im Ermessen des Arztes. Wir kennen im Radsport sogar auffällig viele Todesfälle. Es ist statistisches Glück, dass es keinen deutschen Fahrer erwischt hat.

SPIEGEL ONLINE: Fahrer haben ausgesagt, dass sie sich bei den Freiburger Ärzten stets gut aufgehoben gefühlt haben.

Franke: Die Fahrer haben zum Beispiel gleichzeitig anabole Steroide und Epo bekommen, das ist pharmakologischer Wahnsinn. Beide Mittel steigern die Produktion von roten Blutkörperchen im Knochenmark. Das weiß man seit Jahrzehnten aus mehr als 30 wissenschaftlichen Arbeiten. Niemand kann voraussehen, wie der Körper bei der Vergabe beider Stoffe gleichzeitig reagiert, die unabhängig voneinander in die gleiche Richtung wirken. Die Wirkung ist unkontrollierbar. Wer dennoch diese Präparate gleichzeitig oder zeitlich nah verwendet, ist entweder fachlich dumm oder kriminell, weil er unkontrollierbare Risiken eingeht.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten selbst in einer Kommission, die die Geschichte der Freiburger Universität untersucht. Sind noch Überraschungen zu erwarten?

Franke: Unsere Kommission untersucht unter anderem die Frage, wie sich die Freiburger Sportmedizin zu einer Organisation entwickelt hat, in der Doping häufig selbstverständlich und staatlich gedeckelt war. Es ist sehr interessant, dass viele Schritte gar nicht so geheim waren, wie man sich das bisher vorgestellt hat. Freiburg und Keul wurden geschützt, um ein westdeutsches Dopingsystem zu etablieren.

Die Fragen stellte Udo Ludwig



insgesamt 331 Beiträge
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Seite 1
Umberto, 11.10.2008
1.
Zitat von sysopSeit mehreren Jahren werden immer wieder professionelle Radsportler des Dopings überführt. Jüngstes Beispiel ist Stefan Schumacher aus dem Team Gerolsteiner. Ist der Radsport am Ende? Diskutieren Sie mit.
Seit vielen Jahren werden immer wieder 100 m Läufer des Dopings überführt. Trotzdem wird immer noch diese Distanz gelaufen. Gleiches kann man über Gewichtheber feststellen, die auch trotzdem immer noch 'heben'. Ich sehe nicht, dass dies beim Radsport anders sein wird.
sitiwati 11.10.2008
2. der Radsport
gibts ja nicht erst seit JU oder LA, daher wird der Radsport auch nicht untergehen, ist wie Koch in Hessen, Hessen wird auch den H Koch und dei Faru Y überstehen !
Fritz Katzfuß 11.10.2008
3. Vollkommen
am Ende.
sitiwati 11.10.2008
4. da tun
Zitat von Fritz Katzfußam Ende.
Sie den 100.000ende Hobbyradfahrern Unrecht ! aber scheinbar kommen Sie aus ihren Heim nicht rauss !
Pinarello, 11.10.2008
5. Ja ja, nur der Radsport dopt!
Zitat von sysopSeit mehreren Jahren werden immer wieder professionelle Radsportler des Dopings überführt. Jüngstes Beispiel ist Stefan Schumacher aus dem Team Gerolsteiner. Ist der Radsport am Ende? Diskutieren Sie mit.
Ach nee, nicht schon wieder auf den Radsport, dort wird genauso wenig oder viel gedopt wie in allen anderen Profisportarten auch, bei den Belastungen einer 3-wöchigen Rundfahrt auch kein Wunder, besonders wenn den Medienvertretern nach jeder Etappe einer abzugehen scheint, wenn schon wieder eine neue Rekordzeit und Durchschnittsgeschwindigkeit erreicht wurde, was den normalen Radsportfan nicht die Bohne interessiert, der fährt nämlich auch selber und weiß, daß man einmal schneller und auch wieder langsamer ist. Allerdings kann man den SPON und die restliche ach so moralischen Zeigefingerheber-fraktion von ARD und ZDF wohl beruhigen, nach den das IOC rund 1000 Blutproben aus Peking nachträglich mit neuen Verfahren überprüfen läßt, kann man ja als Radsportfan mal gespannt sein, ob diejenigen mit dem moralischen Zeigefinger dann auch noch so einseitig auf den Radsport einprügeln, weil die Dopingfälle in den restlichen Sportarten sind ja nur bedauerliche einzelne Einzelfälle, darüber kann man ja getrost hinwegsehen, beim Radsport genügt schon der Verdacht gegen Stefan Schuhmacher um den kompletten Rückzug von ARD und ZDF von allen Radsportveranstaltungen anzukündigen. Was ist das nur für eine heuchlerische Welt, aber das steht ja schon in der Bibel, am schlimmsten von allen Sündern sind die Pharisäer mit dem so hochgelobten Anspruch.
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