Doping im Radsport: Armstrong wurde von UCI-Chef gewarnt

Der Radsport-Weltverband UCI hat Lance Armstrong bei verdächtigen Blutwerten vor einer drohenden Sperre gewarnt. Das hat der frühere UCI-Boss Hein Verbruggen eingeräumt. Die Dopingbeichte des Ex-Radstars haben weltweit 28 Millionen Zuschauer gesehen - mit unterschiedlichsten Reaktionen.

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Ex-UCI-Boss Verbruggen, Ex-Radstar Armstrong: Immer in gutem Kontakt

Hamburg - Der ehemals siebenfache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong ist bei verdächtigen Blutwerten vom Radsport-Weltverband UCI offenbar vorzeitig gewarnt worden. Das behauptet der frühere UCI-Präsident Hein Verbruggen im Gespräch mit der niederländischen Wochenzeitung "Vrij Nederland". Laut Verbruggen habe jeder Radprofi, der vor einer möglichen Dopingsperre stand, ein entsprechendes Signal von der UCI erhalten.

Im Gespräch mit der Zeitung betonte der Niederländer, dass er sich für Bluttests stark gemacht und anschließend die Radfahrer bei abweichenden Werten informiert habe. "Vielleicht überzeugst du einen, nicht mehr zu dopen. Vielleicht aber auch nicht", sagte Verbruggen über die fragwürdige Maßnahme. Verbruggen stand von 1991 bis 2005 an der Spitze des Weltverbands - in einer Zeit also, in der Doping im Profiradsport systematisch betrieben wurde.

Der niederländische Radprofi Karsten Kroon, der zu Verbruggens Amtszeit für das ebenfalls in den Dopingsumpf geratene Rabobank-Team angetreten war, bestätigte diese Warnungen. Kroon sei damals von Lon Schattenberg, Mitglied der Anti-Doping-Kommission des niederländischen Radsportverbandes, telefonisch informiert worden.

Aus Sicht des australischen Anti-Doping-Experten Michael Ashenden wurde den Fahrern "durch diese Warnungen die Möglichkeit gegeben, ihren Dopinggebrauch anzupassen". Er kenne keine andere Sportart, in der man verdächtigen Athleten solche Warnungen habe zukommen lassen.

Dopingbeichte war Quotenhit weltweit

Die Dopingbeichte Armstrongs im US-amerikanischen Fernsehen bei Talkmasterin Oprah Winfrey haben weltweit gut 28 Millionen Zuschauer verfolgt. Dies teilte Winfreys TV-Sender mit. Demnach saßen 12,2 Millionen Amerikaner und 15 Millionen Menschen weltweit vor den Fernsehschirmen. 800.000 Zuseher hätten sich online dazugeschaltet. Das Interview mit Armstrong war am Donnerstag und Freitag in zwei Teilen über eine Gesamtsendezeit von 2,5 Stunden ausgestrahlt worden.

Winfrey selbst äußerte sich bei einem Vortrag im kanadischen Edmonton zu ihrem Interview. Nach ihrem Eindruck habe Armstrong die Möglichkeit eines Comebacks im Sport noch nicht abgeschrieben: "Wenn er bereit ist, dafür zu arbeiten, kann er ein wirklicher Held sein", formulierte sie gewohnt pathetisch.

Zu Wort gemeldet hat sich mittlerweile auch Armstrongs Ex-Freundin, die bekannte Sängerin Sheryl Crow. "Er tat mir leid, seine Familie tat mir leid", sagte die Sängerin in der amerikanischen TV-Sendung "Entertainment Tonight". Crow, die zwischen 2003 und 2006 mit dem Ex-Radstar liiert war, sagte: "Ich weiß, wie schwer er für diese Siege gearbeitet hat, und ehrlich gesagt war es schwer, das mitanzusehen."

Weniger sentimental sieht Deutschlands bester Radprofi Tony Martin den Auftritt des früheren Superstars Armstrong. Der Zeitfahr-Weltmeister befürchtet dadurch vielmehr finanzielle Einbußen für sich und seinen Sport. "Jetzt werden wieder viele Sponsoren ihr Engagement im Radsport überdenken", sagte er der "Sport Bild". Für die Radprofis gehe es um die Existenz, fügte er hinzu. "Es ist traurig, dass wir für die Sünden von Armstrong büßen müssen. Wenn sich sogar ein jahrelanger Sponsor wie Rabobank zurückzieht, herrscht Alarmstufe Rot", so der Fahrer des Teams Omega Pharma Quickstep.

Den TV-Auftritt selbst bezeichnete Martin als "emotionslos und kalkuliert". Viele andere Radprofis, frühere Wegbegleiter Armstrongs und Anti-Doping-Kämpfer hatten Armstrongs Aussagen ebenfalls als zu dürftig und zu spät kritisiert. "Wenn man bedenkt, dass er dafür mit Sicherheit auch noch eine Menge Geld kassiert hat, wird einem ganz anders", sagte Martin.

aha/sid/dpa

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