Studie zum Spitzensport: Druck, Doping, Depression
Eine Sporthilfe-Studie präsentiert alarmierende Ergebnisse: Viele Athleten im deutschen Spitzensport leiden unter Existenzängsten und extremem Leistungsdruck. Viele sind deshalb bereit zu illegalen Schritten - vom Doping bis zum Wettkampfbetrug.
Die Brisanz verbirgt sich weit hinten auf Seite 82. Was sich dort in der Studie der Deutschen Sporthilfe unter dem etwas sperrigen Titel "Dysfunktionen des Spitzensports" findet, liest sich teilweise wie eine dringende Empfehlung, niemals Leistungssport zu betreiben. Doping, Wettbetrug, Versagensangst, Burnout, Depressionen - all das bestimmt demnach den Alltag vieler Aktiver im deutschen Spitzensport.
Die Deutsche Sporthochschule in Köln hat im Auftrag der Sporthilfe mehr als 1100 deutsche Athleten befragt - nach ihrem Selbstbild, nach ihren Problemen, danach, wie viel der moderne Sport, wie sie ihn erleben, noch mit den hehren Leitlinien von Fairplay, Gesundheit und Teamgeist zu tun hat. Die Ergebnisse sind besorgniserregend.
- So haben immerhin 8,7 Prozent der befragten Sportler angegeben, "schon einmal an Absprachen über den Spiel- oder Wettkampfausgang beteiligt" gewesen zu sein. Es dürfte das erste Mal sein, dass Athleten derart offen über das Thema Sportbetrug Auskunft geben.
- 5,9 Prozent haben die regelmäßige Einnahme von Dopingmitteln eingeräumt.
- 9,6 Prozent klagen über Essstörungen, 9,3 Prozent leiden unter Depressionen. 11,4 Prozent glauben, bei sich Burnout-Symptome zu erkennen.
Auch um den Fairnessgedanken steht es demnach nicht zum Allerbesten:
- 10,2 Prozent halten "absichtliche Regelverstöße für ein legitimes Mittel".
- Gegen sich selbst sind viele Athleten ähnlich hart: 40,5 Prozent nehmen gesundheitliche Risiken bei sich bewusst in Kauf.
- 10,8 Prozent geben an, regelmäßig zu Schmerzmitteln zu greifen, 34,3 Prozent schwören auf Nahrungsergänzungsmittel.
Die Dunkelziffer ist bei diesen Angaben zudem noch erheblich. So haben 40 Prozent auf die Frage, ob sie Dopingmittel nehmen, die Antwort verweigert. Auch die Frage, ob sie jemals bei Manipulationen des Wettkampfs mitgemacht hätten, wurde von 37 Prozent der Athleten nicht beantwortet. So legten sich lediglich 53,4 Prozent fest und antworteten auf die Frage nach regelmäßigem Dopinggebrauch mit einem "ehrlich nein".
Der Druck treibt viele Athleten zum Fehlverhalten
Und wie kommen viele Aktive darauf, sich derart gegen die Ideale des Sports auszurichten? Die Antwort: Druck, Druck, Druck. 88,6 Prozent der Athleten machen den Erfolgsdruck für Fehlverhalten von Sportlern verantwortlich, 57 Prozent sprechen sogar von Existenzangst. Aber auch das Streben nach Anerkennung (69,8 Prozent) und die nackte Profitgier (55,5 Prozent) spielen als Motivation, sich im Sport unsportlich zu verhalten, eine große Rolle.
In der Bevölkerung, auch dies hat die Studie ergeben, ist das Image der Spitzensportler im Übrigen noch weitaus mieser, als es die Athleten selbst sehen. Die Wissenschaftler der Sporthochschule haben parallel auch Nicht-Sportler repräsentativ nach ihrer Einschätzung befragt. Danach glauben gar 29 Prozent der Deutschen, dass sich Spitzensportler regelmäßig dopen und 14 Prozent an illegalen Absprachen über den Ausgang des Wettkampfs partizipieren.
"Wir brauchen ein Fördersystem, das den Druck nicht noch weiter erhöht, sondern dem Sportler mit individuellen Lösungen weiterhilft", sagte Michael Ilgner, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Sporthilfe, SPIEGEL ONLINE in einer ersten Reaktion. Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, sprach von "alarmierenden Zahlen". Man nehme die Ergebnisse der Studie "sehr ernst".
Das nimmt Ilgner, der früher selbst als Wasserballer Leistungssport betrieben hat, auch. Ihn treiben vor allem die hohen Zahlen um, die die Studie zum Thema Existenzangst der Athleten ausgespuckt habe. "91 Prozent der A-Kader-Athleten sagen zum Beispiel, dass sie sich auf das Leben nach dem Sport nicht ausreichend vorbereitet fühlen", so der Sporthilfe-Chef. Solche Zahlen müssten "jeden beunruhigen".
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- Donnerstag, 21.02.2013 – 14:38 Uhr
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Für Athletinnen und Athleten bestehen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Bestimmungen zu der obligatorischen Meldepflicht. Die Ein-Stunden-Regelung verpflichtet bestimmte Athleten für jeden Tag eine Stunde zu benennen, in der sie für eine mögliche Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die genaue Stunde muss jeweils am Ende eines Quartals für die nächsten drei Monate im Voraus benannt werden, darf aber innerhalb von 24 Stunden verändert und aktualisiert werden. Wird der Athlet in dieser Stunde vom Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen, wird ein sogenannter Strike für das Kontrollversäumnis ausgesprochen. Wenn ein Sportler innerhalb von 18 Monaten drei Verwarnungen kassiert hat, muss er mit einer Sperre von bis zu zwei Jahren rechnen. Strikes von verschiedenen Organisationen ( Wada , Nada sowie zuständigem internationalem Verband) werden addiert.
Die Ein-Stunden-Regelung wird durch die Angabe von Aufenthaltsdaten zum Ende eines Quartals für jeden Tag der darauffolgenden drei Monate ergänzt. Wird ein Athlet bei einer Stichprobe nicht am angegebenen Ort angetroffen, kann ebenfalls ein Strike erteilt werden. Mannschaftssportler aus gering gefährdeten Sportarten werden in Mannschafts-Whereabouts getestet. Dafür melden die Vereine der Nada die Trainingspläne der Mannschaft.Aufgrund des seit Beginn 2009 gültigen neuen Nada-Codes werden Athleten je nach Risikobewertung der Agentur für Doping in drei unterschiedliche Testpools eingeordnet und unterliegen verschiedenen Meldepflichten: Im International Registered Testing Pool (RTP) sind rund 1400 Athleten zusammengefasst, zu denen A-Kader und A-Nationalteams der Sportarten der Gefährdungsstufe I gehören. Sie müssen nicht nur bis zum 25. des Vormonats Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit für ein Quartal machen, sondern auch die Ein-Stunden-Regelung beachten. Im Nationalen Testpool (NTP) für Kader-Athleten der Gefährdungsstufe II und III gilt diese Regel nicht. Alle anderen Athleten werden im Allgemeinen Testpool (ATP) zusammengefasst.
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