Doping-Ermittler Novitzky: Der Mann, der den Mythos Armstrong zerstören will

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Lance Armstrong steht vor dem ganz tiefen Fall: Bei den Befragungen der Grand Jury trifft der Ex-Champion auf einen knallharten Rivalen. Doping-Ermittler Jeff Novitzky hat schon andere prominente US-Stars erledigt. Sollte ihm das auch dieses Mal gelingen, droht dem Radsportler sogar Gefängnis.

Lance Armstrong: Königsetappe vor Gericht Fotos
Corbis

Für Lance Armstrong besteht das Leben aus Gegnern. Der italienische Radsport-Arzt Michele Ferrari, in der Szene auch bekannt unter dem wenig schmeichelhaften Spitznamen "Dottore Epo", hat mal über den siebenfachen Tour-de-France-Sieger den Satz gesagt: "Er möchte die ganze Welt vertilgen."

Armstrong war stets dann am besten, wenn er sich in ein Duell verbeißen konnte.

Von daher müsste der US-Amerikaner ab diesem Freitag wieder zur Höchstform auflaufen. Wenn in Los Angeles die Grand Jury ihre Arbeit aufnimmt, um die Doping- und Betrugsvorwürfe gegen Armstrong und sein Umfeld zu klären, hat der ehemalige Champion einen echten Rivalen, an dem er sich abarbeiten kann: Chefermittler Jeff Novitzky.

Novitzky hat Sprinterin Marion Jones überführt, er hat die Baseball-Legende Barry Bonds als Doping-Betrüger entlarvt, jetzt hat er sich Armstrong vorgeknöpft. Seit er im Fall von Marion Jones nach Spritzen in Mülleimern suchen ließ und fündig wurde, hat er in den USA den Spitznamen "Dirt Novitzky". Ein ebenbürtiger Gegner.

Ermittlungen laufen wegen Betrugs

Gegen Armstrong und seinen langjährigen sportlichen Leiter Johan Bruyneel kann nicht wegen Dopings ermittelt werden - Doping ist kein Straftatbestand in den USA. Deshalb haben Novitzky und seine Leute zu einem Trick gegriffen. Die Ermittlungen laufen jetzt unter dem Label Betrug und missbräuchliche Verwendung von Steuergeld. Da Armstrongs früheres Team US Postal staatliche Gelder kassiert hat - das Team wurde von der staatlichen Post unterstützt - überprüft Novitzky, ob dieses Geld für die Finanzierung von Doping verwendet wurde. Wenn er zudem nachweisen kann, dass Armstrong damals Anteile an US Postal besaß, er also quasi Mitbesitzer des Teams war, würde es eng für den Ex-Champion.

Die Grand Jury wird zu diesem Zweck zahlreiche Zeugen hören. Erst danach wird allerdings entschieden, ob es tatsächlich zu einer offiziellen Anklage gegen Armstrong kommen wird. Der Sportler bestreitet bisher vehement alle Vorwürfe.

Novitzky hat die Operation Armstrong so gut vorbereitet wie der Radstar in guten Zeiten seine Tourstarts. Er hat sich Verbündete gesucht, wie den früheren Toursieger Greg LeMond, der Armstrong seit vielen Jahren in inniger persönlicher Feindschaft verbunden ist. Aus LeMonds Sicht ist Armstrong so etwas wie ein Mafia-Pate des Radsports. Einer, der, so behauptete der dreifache Tour-Champion erst vor kurzem in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", selbst den Weltverband UCI über Jahre unter Druck gesetzt und mit Geldspenden gefügig gemacht habe. "Armstrong und seine Leute waren meiner Meinung nach das Schlimmste, was dem Radsport passiert ist", sagt LeMond. Während der Tour de France in diesem Jahr ließ er kaum einen Tag verstreichen, um nicht gegen Armstrong nachzulegen. Am Freitag wird er vor der Grand Jury aussagen.

Gewichtiger dürften für die Ermittlungen allerdings die Kronzeugen sein, die Novitzky besorgt hat. Floyd Landis, Tyler Hamilton, Frank Andreu - allesamt ehemalige Teamgefährten Armstrongs, die als Dopingsünder aufgeflogen sind. Landis, der 2006 die Tour erst gewann, um danach als Betrüger erwischt zu werden, hat lange Zeit bestritten, gedopt zu haben - mit der legendären Begründung, sein erhöhter Testosteronwert ging darauf zurück, dass er zuvor Whisky getrunken habe. Nachdem ihm aber niemand mehr seine Version abgenommen hatte, hat Landis mittlerweile eine 180-Grad-Drehung vollzogen und ist bei seinen Dopingbeichten kaum noch zu stoppen. Er hat Armstrong schwer belastet.

Landis glaubt nicht mehr an den Weihnachtsmann

Landis hat gesagt: "Irgendwann ist es an der Zeit, den Kindern zu sagen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt." Armstrong sagt: "Landis ist jemand, der versucht, das Leben von anderen zu zerstören." Armstrongs renommierter Anwalt Bryan Daly dürfte vor allem die Taktik einschlagen, die persönliche Glaubwürdigkeit des Zeugen Landis zu erschüttern.

Für Armstrong steht vor Gericht viel auf dem Spiel. Seine Krebsstiftung Livestrong würde an Glaubwürdigkeit und Spendern massiv verlieren, wenn ihr Initiator als Dopingbetrüger dastünde. Seine politischen Ambitionen könnte er dann auch vergessen - es wird immer wieder spekuliert, Armstrong wolle Gouverneur von Texas werden.

Der Außerirdische, der Unersättliche, der Unbesiegbare - all das ist Armstrong in seinem langen Radsportleben genannt worden. Sportlich hat sich der 38-Jährige durch seine desaströse Tour de France in diesem Jahr selbst entzaubert. Jetzt droht ihm, dass Novitzky auch den Mythos Armstrong zerstört. Sieben Toursiege, die ganzen Erfolge, die einschüchternde Aura des US-Stars - alles nur auf Lug und Trug aufgebaut? Armstrong droht der ganz tiefe Fall.

Als der US-Amerikaner im Anschluss an die Tour de France seinen endgültigen Abschied vom größten Radrennen der Welt verkündete, teilte er seinen Fans via Twitter als Lebenshilfe noch mit: "Lebe stark und sorgenfrei." Zumindest letzteres dürfte ihm ab Freitag schwer fallen.

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Ich würde mich jetzt erst einmal mit der Frage befassen, ...
Sapientia 30.07.2010
Zitat von sysopLance Armstrong steht vor dem ganz tiefen Fall: Bei den Befragungen der Grand Jury triff der Ex-Champion auf einen knallharten Rivalen. Doping-Ermittler Jeff Nowitzky hat schon andere prominente US-Stars erledigt. Sollte ihm das auch dieses Mal gelingen, droht dem Radsportler sogar Gefängnis. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,709246,00.html
unter welcher gemeingefährlichen Eigenproblematik der Doping-Ermittler Jeff Nowitzky leidet. Offenbar leidet der unter einer Erledigungsneurose und das hat eigene psychische Gründe und ist zudem nicht gut für eine Untersuchung.
2. Gut!
schensu 30.07.2010
Zitat von sysopLance Armstrong steht vor dem ganz tiefen Fall: Bei den Befragungen der Grand Jury triff der Ex-Champion auf einen knallharten Rivalen. Doping-Ermittler Jeff Nowitzky hat schon andere prominente US-Stars erledigt. Sollte ihm das auch dieses Mal gelingen, droht dem Radsportler sogar Gefängnis. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,709246,00.html
Zeit wärs allemal.
3. .
Haio Forler 30.07.2010
Zitat von Sapientiaunter welcher gemeingefährlichen Eigenproblematik der Doping-Ermittler Jeff Nowitzky leidet. Offenbar leidet der unter einer Erledigungsneurose und das hat eigene psychische Gründe und ist zudem nicht gut für eine Untersuchung.
Der zieht das durch; schlecht für Armstrong.
4. .
Haio Forler 30.07.2010
Zitat von Sapientiaunter welcher gemeingefährlichen Eigenproblematik der Doping-Ermittler Jeff Nowitzky leidet. Offenbar leidet der unter einer Erledigungsneurose und das hat eigene psychische Gründe und ist zudem nicht gut für eine Untersuchung.
Daran sollten unsere Beamten auch mal leiden; da wäre uns allen schneller geholfen ;)
5. Schon klar.
TomBlatt 30.07.2010
Lance Armstrong ist ungedopt dem ganzen gedopten Restfeld davongefahren? Ich lach mich kaputt.
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Tour-Bilanz: Armstrongs Abgang, Fragezeichen bei Contador

Epo und Epo-Doping
Erythropoetin (Epo)
Die Ausdauerleistungsfähigkeit ist wesentlich vom Sauerstoffaufnahmevermögen abhängig. Erythropoetin (Epo) ist ein Eiweißhormon, das die Produktion roter Blutkörperchen (Erythrozyten) im Körper stimuliert. Je mehr Erythrozyten im Blut, desto mehr Sauerstoff kann aufgenommen und zu den Körperzellen transportiert werden - die Leistungsfähigkeit steigt.
Struktur und Wirkung
Natürliches Erythropoetin ist ein komplexes Eiweißmolekül aus 165 Aminosäuren, an das noch Zuckermoleküle angelagert sind. Es wird hauptsächlich in der Niere gebildet und bewirkt im Knochenmark die Bildung von Erythrozyten.
Künstliches Epo
Seit den achtziger Jahren kann Epo gentechnisch hergestellt werden. Seither gibt es eine große Zahl von Epo-Präparaten. Sie müssen injiziert werden, in der Regel mehrmals pro Woche. Zahlreiche Pharmakonzerne haben Epo-Präparate entwickelt, in denen das natürliche Epo-Molekül chemisch abgewandelt wurde - mit dem Ziel, die Verträglichkeit, die Wirksamkeit und die Wirkdauer zu steigern. Eines der lang wirksamen Epo-Präparate ist CERA des Konzerns Hoffmann-La Roche. Es muss nur einmal im Monat verabreicht werden.
Nebenwirkungen
Bei Überdosierung nimmt die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut zu hohe Werte an. Das Risiko von Blutgerinnseln steigt, Herzinfarkt, Lungenembolie oder ein Hirnschlag können die Folge sein.
Epo-Mimetika
Statt des Originalmoleküls oder den chemisch leicht abgewandelten Formen gibt es auch sogenannte Epo-Mimetika - Präparate, die sich chemisch vom Erythropoetin-Molekül unterscheiden, im Körper aber dieselbe oder eine sehr ähnliche Wirkung entfalten.
Epo-Doping und Nachweis
Seit Beginn der industriellen Produktion von Epo Ende der achtziger Jahre wird es zur Leistungssteigerung genutzt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet seit vielen Jahren den Gebrauch von Epo. Unerlaubt zugeführtes Epo kann mit speziellen Methoden im Urin nachgewiesen werden. Allerdings wird der Nachweis aufgrund der mittlerweile riesigen Anzahl an Epo-Präparaten, die abgewandelte Epo-Moleküle oder Epo-Mimetika enthalten, immer schwieriger.
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Frankreich-Rundfahrt: Armstrongs Tour der Leiden

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)