Doping-Geständnis: Diese Männer müssen Armstrong fürchten

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Er weiß alles über Doping im Radsport. Doch was davon gibt Lance Armstrong preis? Der US-Amerikaner hat angekündigt, im Fernsehinterview bei Oprah Winfrey mächtige Personen zu belasten. Zittern müssen vor allem die Bosse des Weltverbandes - und Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy.

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Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy: "Sogar Asterix nahm Zaubertrank"

Nicolas Sarkozy joggt gerne durch den Bois de Boulogne, ein Park im Westen von Paris. Dort findet Frankreichs einstiger Staatspräsident Ausgleich, kann in Ruhe über die großen und kleinen Probleme des Lebens nachdenken. Früher geisterten dabei wahrscheinlich die Namen Merkel, Obama oder Putin durch seinen Kopf. Jetzt sollte sich Sarkozy mit dem Namen Lance Armstrong beschäftigen.

Am Donnerstag und Freitag wird das aufgezeichnete Interview des Ex-Radprofis mit Oprah Winfrey in zwei Teilen ausgestrahlt. Fest steht schon jetzt: Armstrong hat erstmals zugegeben, während seiner Karriere gedopt zu haben. Und nach Informationen der "New York Times" wird der 41-Jährige in dem Gespräch Menschen, die von den System Armstrong wussten oder es unterstützt haben, schwer belasten. Keine anderen Athleten, dafür "mehrere mächtige Personen im Radsport". Dies betreffe wohl in erster Linie Funktionäre des Radsport-Weltverbandes UCI - und damit wären wir bei Sarkozy.

Was wusste Frankreichs Ex-Präsident über das Dopingsystem Armstrong? Fest steht, dass der US-Amerikaner mehrmals bei Sarkozy im Elysée-Palast dinierte. Und nach einem dieser Besuche wurde der Etat des Pariser Dopinglabors AFLD kurzerhand halbiert, wie das Magazin "Nouvel Observateur" berichtete. Wenig später warf AFLD-Chef Pierre Bordry frustriert hin.

Armstrong und Bruyneel bei Sarkozy zum Frühstück

Die Angelegenheit ist pikant, schließlich galt das Labor als sehr engagiert gegen Doping, eine entsprechend große Gefahr ging von ihm für Armstrong aus. Als er 2009 sein Comeback bei der Tour de France gab, wurde dem AFLD die Hoheit über die Dopingtests bei der Rundfahrt entzogen und dem UCI übertragen. Eine Allianz aus Regierung, Radsport-Weltverband und Tour-Veranstalter habe die Entmachtung des Labors zu verantworten, behauptete Bordry anschließend.

Dafür spricht auch ein Bericht der französischen Sportzeitung "L'Equipe", wonach Armstrong und dessen Sportchef Johan Bruyneel bei Sarkozy frühstückten und sich bei dem Staatschef über die Hartnäckigkeit des Pariser Labors unter Bordrys Leitung beschwerten. Kurz danach hat Bruyneel angeblich eine E-Mail geschrieben, mit der fröhlichen Botschaft, Bordry sei bald kein Problem mehr. Adressat des Nachricht: Pat McQuaid, Präsident des Radsport-Weltverbandes.

Der Ire muss ebenso vor Armstrongs möglicherweise umfassender Beichte zittern wie dessen Vorgänger Hein Verbruggen. Und wenn die UCI-Oberen belastet werden und sich wehren, dürften auch Bruyneel und Sarkozy in Erklärungsnot kommen. Und dann gibt es da noch dieses Schweizer Dopinglabor. Diese Männer müssen vor Armstrongs Geständnis zittern:

  • Pat McQuaid: Seit 2005 ist der Ire UCI-Präsident. Und er soll über alle Doping-Machenschaften Armstrongs Bescheid gewusst haben. Natürlich bestreitet er dies. Aber die Indizien, der Radsport-Weltverband habe sein Zugpferd Armstrong über Jahre gedeckt, sind erdrückend. Die US-Anti-Doping-Agentur Usada kommt in ihrem Bericht zu dem Schluss, McQuaid sei ein Verbündeter von Armstrong gewesen. So soll die UCI Armstrong stets über anstehende Dopingkontrollen informiert haben, damit der Ex-Radprofi immer ausreichend Zeit hatte, um Vorkehrungen zu treffen und nicht erwischt zu werden.
  • Hein Verbruggen: Die Nähe zwischen UCI und Armstrong entstand unter der Präsidentschaft von Hein Verbruggen, McQuaids Vorgänger, von 1991 bis 2005 an der Spitze des Radsport-Weltverbandes. Der Niederländer und der US-Amerikaner waren fast schon Freunde, so eng war ihre Beziehung. In Verbruggens Zeit fallen auch die 125.000 Dollar, die Armstrong der UCI überwiesen hat. Offiziell als Spende im Kampf gegen Doping. In Wahrheit soll Armstrong sich damit beim Verband bedankt haben, der dafür sorgte, dass eine positive Epo-Probe des Texaners während der Tour de Suisse 2001 nicht weiter verfolgt wurde.
  • Johan Bruyneel: Zwölf Jahre waren der Belgier und Armstrong unzertrennlich. Bruyneel war seit 1999 Chef aller Teams, für die Armstrong fuhr, also auch bei den sieben Tour-de-France-Siegen des US-Amerikaners verantwortlich. Bruyneel hat bislang immer abgestritten, in seinen Teams habe systematisches Doping stattgefunden. Die Usada kommt in ihrem Bericht allerdings zu einem anderen Ergebnis: "Bruyneel war in alle Details des Teamdopingprogramms eingeweiht", heißt es dort. Sollte Armstrong in einem Prozess unter Eid aussagen und nach Bruyneel befragt werden, käme er kaum umhin, seinen einst engsten Weggefährten zu belasten.
  • Martial Saugy: Der Leiter des Anti-Doping-Labors in Lausanne soll Armstrong und Bruyneel 2002 verraten haben, wie die Dopingjäger Epo nachweisen. Und das soll auf Befehl der UCI geschehen sein. Auslöser soll der positive Epo-Test Armstrongs bei der Tour de Suisse 2001 gewesen sein. Saugy bestreitet die Vorwürfe und sagt, er habe Armstrong und seinem Team damals auf UCI-Geheiß lediglich erklärt, wie der Test grundsätzlich funktioniert, nicht aber, wie man Epo nachweisen könne.

Kommt es beim Gespräch mit Oprah Winfrey nun zum großen Knall? Droht der UCI ein sportpolitisches Erdbeben? "Wir nehmen keine Stellung, bevor das Interview veröffentlicht wird", teilte der Radsport-Weltverband mit. Generell wagt sich niemand aus der Deckung, bevor nicht klar ist, was Armstrong genau gesagt hat. Auch deshalb forderte die Welt-Antidoping-Agentur Wada nun ein volles Geständnis unter Eid. Nur wenn er alles offenlege, könne Armstrongs lebenslange Sperre überprüft werden, sagte Wada-Chef David Howman.

Und Sarkozy? Der wurde bereits vor rund drei Jahren mit den Gerüchten konfrontiert, Armstrong würde systematisch dopen. Sarkozy, damals noch Präsident, lächelte nur und sagte: "Sogar Asterix nahm Zaubertrank."

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insgesamt 37 Beiträge
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1. So, so.
kahabe 15.01.2013
Asterix und der Zaubertrank. Sein Kumpel ist reingefallen, in den weltberühmten Kessel. Mit d e n Nebenwirkungen ist die französische Nation gerade beschäftigt. Was soll da dieser notorische EPO-Nutzer. Denn dessen gesundheitliche Nebenwirkungen kümmern nun wirklich niemanden, vor allem nicht den französischen Staat und dessen fähige und unfähige Repräsentanten.
2. Jeder kann sich noch an
didiastranger 15.01.2013
die Berichterstattung bei SPON und anderen Medien erinnern. Haben die nicht ALLE den grossen Helden gefeiert. Wie bei Jan Ulrich.
3.
DefTom 15.01.2013
Zitat von sysopEr weiß alles über Doping im Radsport. Doch was davon gibt Lance Armstrong preis? Der US-Amerikaner hat angekündigt, im Fernsehinterview bei Oprah Winfrey mächtige Personen zu belasten. Zittern müssen daher vor allem die Bosse des Weltverbandes - und Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy. Doping-Geständnis: Diese Männer müssen vor Lance Arsmtrong zitern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/doping-gestaendnis-diese-maenner-muessen-vor-lance-arsmtrong-zitern-a-877596.html)
Soso, ein "Breakfast at Sarkozys" also.
4.
martha_rosentreter 15.01.2013
Kommt nun nach den Armstrong'schen Lügengeschichten endlich ein ehrliches, aufrichtiges und vom Herzen getragenes Geständnis? Möglicherweise bekommt der geneignete Leser nebenbei auch noch offenbart, dass er damals nicht wirklich auf dem Mond gewesen ist ... ;-)
5.
martha_rosentreter 15.01.2013
Kommt nun nach den Armstrong'schen Lügengeschichten endlich ein ehrliches, aufrichtiges und vom Herzen getragenes Geständnis? Möglicherweise bekommt der geneignete Leser nebenbei auch noch offenbart, dass er damals nicht wirklich auf dem Mond gewesen ist ... ;-)
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2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
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