Doping "Ich lag auf dem Hotelbett und hing am Tropf"

Drei ehemalige niederländische Radprofis haben in einer TV-Dokumentation zugegeben, dass in den 80er-Jahren in den Teams ihres Heimatlandes systematisch Doping gebraucht worden ist.


Amsterdam - Die Diskussion um Doping im Radsport erhielt zum Jahreswechsel neue Brisanz durch Geständnisse prominenter Ex-Profis aus den Niederlanden. Die bei Tour de France und Weltmeisterschaften erfolgreichen Steven Rooks, Peter Winnen und Maarten Ducrot haben eingestanden, dass in ihren Teams in den 80er Jahren systematisch gedopt wurde. In der Reihe "Reportagen" des katholischen TV-Senders KRO erklärten die drei, dass ihnen die verbotenen Substanzen von ihren Team-Ärzten und Betreuern mit Wissen der sportlichen Mannschaftsleiter gegeben worden waren. Verabreicht wurden unter anderem Anabolika, Amphetamine und auch Psychopharmaka.

Steven Rooks (l.) und Pedro Delgado bei der Tour de France 1988
DPA

Steven Rooks (l.) und Pedro Delgado bei der Tour de France 1988

"Ich gebe den Gebrauch verbotener Mittel zu, damit in der Öffentlichkeit endlich offen gesprochen wird", sagte Rooks, Zweiter der Tour '88 hinter dem Spanier Pedro Delgado. Ducrot, 1982 Amateur-Weltmeister, erklärte im Fernsehen: "Besonders nach harten Trainings-Einheiten und bei schweren Etappen erhielten wir die Mittel." Ducrot, der heute als Psychologe arbeitet, geriet in Erklärungs-Notstand gegenüber seiner Familie: "Ich konnte doch nicht erzählen, dass ich während der Tour auf meinem Hotelzimmer im Bett lag und am Tropf hing, um am nächsten Tag wieder bärenstark zu sein".

Der niederländische Radsportbund KNWU reagierte zurückhaltend. "Ich möchte mit den drei Fahrern persönliche Gespräche führen", sagte der KNWU-Vorsitzende und Parlamentsabgeordnete der niederländischen Christdemokraten, Joop Atsma. Besonders interessiert sei Atsma an einer Unterhaltung mit Rooks, der vor einigen Monaten den gerade erst angetretenen Posten des Teamleiters von TVM - 1998 fiel diesem Team beim Tour-Dopingskandal eine der Hauptrollen zu - verlassen hatte.

Juristische Konsequenzen haben die geständigen Fahrer oder der mit im Mittelpunkt der Vorwürfe stehende, noch aktive Teamleiter Jan Raas nicht zu befürchten. Das noch nicht in Kraft getretene niederländische Anti-Dopinggesetz sieht nur die strafrechtliche Verfolgung von Doping-Händlern vor, nicht aber von Benutzern. Die für den Sport zuständige Staatssekretärin Margo Vliegenthart betrachtet den Kampf gegen Doping anders als beispielsweise Amtskollegen in Italien oder Frankreich nicht als eine Aufgabe des Staates.

Die früheren sportlichen Leiter von Winnen und Ducrot, Raas (jetzt Manager bei Rabobank), Peter Post und Jan Gisbers, zogen sich auf allseits bekannte Verteidigungslinien zurück: "Bei uns gab es kein Doping - davon wissen wir nichts." Das Teamchef-Trio war in den 80er und Anfang der 90er Jahre Arbeitgeber für die ehemaligen deutschen Profis Rolf Gölz (Bad Schussenried), Olaf Ludwig (Gera) und den noch aktiven Uwe Ampler (Leipzig), der bis April eine Doping-Sperre absitzt.

Winnen, der zwei Mal die prestigeträchtige Tour-Etappe nach L'Alpe d'Huez gewann, und gerade an seinen Memoiren schreibt, berichtete von Vertragsklauseln, die auch heute noch üblich sind. In den Kontrakten wurde den Fahrern fristlose Kündigung angedroht, wenn sie bei einer Doping-Kontrolle erwischt worden wären. Laut Winnen hätten Teamärzte und andere Betreuer die Aufgabe gehabt, "bis an den Rand des Möglichen zu gehen". Bei der Massage wäre besprochen worden, was unternommen werden müsse, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Die Mannschaftsärzte hätten Koffer dabei gehabt mit der offiziell zugelassenen Medizin und dann noch eine unauffällige Extra-Tasche mit den verbotenen Mitteln.



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