Doping im Boxen Kontaminiert

Der größte Boxkampf des Jahres ist abgesagt: Der Mexikaner Saúl Álvarez wurde zweimal positiv getestet. Er dürfte ohne lange Sperre davonkommen, weil mit ihm viel Geld zu verdienen ist.

Saúl "Canelo" Álvarez
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Saúl "Canelo" Álvarez


Die größten Box-Veranstaltungen in den USA werden seit Jahren am Wochenende rund um den "Cinco de Mayo" ausgetragen, der in den Vereinigten Staaten als hoher mexikanischer Feiertag gilt. Am 5. Mai 1862 besiegten die Truppen von General Ignacio Zaragoza in der Schlacht bei Puebla eine französische Expeditionsarmee. In Mexiko ist der "Cinco de Mayo" keine große Sache, in den USA schon.

Ähnlich scheint es sich mit dem Thema Doping zu verhalten.

Der Mexikaner Saúl "Canelo" Álvarez sollte am 5. Mai eigentlich zum Rückkampf gegen Mittelgewichts-Champion Gennady Golovkin antreten und um die WM-Titel nach Version der IBF, WBA, WBC und IBO boxen. Schon im September 2017 hatten die beiden gegeneinander gekämpft, das hochklassige Duell endete mit einem kontroversen Unentschieden. Das Rematch fällt aus, weil Álvarez in der Vorbereitung zweimal positiv auf Clenbuterol getestet wurde.

Álvarez (links) im Kampf gegen Gennady Golovkin
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Álvarez (links) im Kampf gegen Gennady Golovkin

"Ich bin überrascht"

Clenbuterol ist ein verschreibungspflichtiges Asthmamittel, das bei der Fettverbrennung und beim Muskelaufbau helfen soll. In Deutschland ist es spätestens seit 1992 bekannt, als die Sprinterin Katrin Krabbe des Clenbuterol-Dopings überführt wurde.

Obwohl die Tests zweifelsfrei belegen, dass auch Álvarez das verbotene Mittel im Körper hatte, beteuert der 27-Jährige seine Unschuld. "Ich bin überrascht, was passiert ist", sagte der Mexikaner bei einer Pressekonferenz. "Ich bin wirklich frustriert, aber auch ruhig und entspannt. Ich war immer ein sauberer Kämpfer und werde auch immer sauber bleiben."

Trotz dieser Aussagen war es Álvarez selbst, der den Kampf gegen Golovkin abgesagt hat. Damit wollte er vermutlich der Entscheidung der zuständigen Nevada State Athletic Commission (NSAC) zuvorkommen. Die Weltmeisterschaft sollte im MGM Grand in Las Vegas stattfinden. Für den 18. April ist eine Anhörung angesetzt, bis dahin ist der Mexikaner suspendiert. Offensichtlich geht sein Team davon aus, dass die Sperre bestätigt wird.

Verbandspräsident hält den Boxer für unschuldig

Bemerkenswerter als die Tatsache, dass ein überführter Dopingsünder einen geplanten Wettkampf nicht bestreiten wird, ist der Umgang der zuständigen Weltverbände mit dem Fall. Während sich die IBF gar nicht äußerte, sondern die Entscheidung allein der lokalen Kommission überlässt, haben sich die WBA und zuletzt auch WBC-Präsident Mauricio Sulaiman für eine Begnadigung des Boxers ausgesprochen.

"Canelo kann in diesem speziellen Fall vielleicht Nachlässigkeit und Ignoranz vorgeworfen werden, aber angesichts aller Fakten kann man ihn nicht des Dopings schuldig sprechen", schrieb Sulaiman in seiner Kolumne auf dem US-Boxportal fightnews.com.

WBC-Präsident Mauricio Sulaiman hinter einem WM-Gürtel
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WBC-Präsident Mauricio Sulaiman hinter einem WM-Gürtel

Dazu muss man wissen: Der World Boxing Council (WBC) hat seinen Sitz in Mexiko, Sulaiman ist ein Landsmann von Álvarez. Trotzdem ist es überraschend, dass der Präsident öffentlich für "Canelo" Partei ergreift. Der 27-Jährige hatte sich vor zwei Jahren mit dem Verband überworfen, den WBC-WM-Titel niedergelegt und stattdessen um die Weltmeisterschaft des Konkurrenzverbands WBO gekämpft.

Clenbuterol in der Rindermast

Als Entlastungsargument zugunsten des Boxers führte Sulaiman an, dass die verbotene Substanz in Mexiko in der Rindermast eingesetzt werde. "Clenbuterol hat in der Vergangenheit zu einer Reihe von Dopingskandalen in verschiedenen Sportarten in Mexiko und einigen anderen Ländern geführt", erklärte der WBC-Präsident. 2011 wurde die Fußball-U17-WM in Mexiko ausgetragen. 208 Spieler unterschiedlicher Nationen wurden während des Turniers getestet, bei 109 von ihnen wurde ein erhöhter Clenbuterol-Wert nachgewiesen.

"Warum ist das so? Weil es flächendeckend in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt, obwohl das illegal ist", so Sulaiman, laut dessen Aussage weite Teile der mexikanischen Bevölkerung unter den Folgen der Clenbuterol-Belastung leiden. Dies sei hinlänglich bekannt. Tatsächlich wurden die beiden positiven Proben von Álvarez genommen, während er in Mexiko trainierte. Der 27-Jährige wurde auch getestet, als er in den USA trainierte - ohne Befund. Es ist also möglich, dass die erhöhten Werte auf kontaminiertes Fleisch zurückzuführen sind.

Aus Sicht der Anti-Doping-Agenturen, die den Fall untersuchen und bewerten, ist dies unerheblich. Nach ihrer Einschätzung sind Spitzensportler dafür verantwortlich, was in ihren Körper gelangt - ganz egal, wodurch und auf welchem Weg das geschieht. Und gerade wenn die meisten Mexikaner wissen, dass es ein Problem mit Clenbuterol gibt, sollte man von einem mexikanischen Athleten erwarten können, dass er besser auf seine Ernährung achtet.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Deshalb akzeptiert der Boxer die Suspendierung, verzichtet auf den Kampf und damit auf eine zweistellige Millionenbörse. Von einer langen Sperre scheint "Canelo" aber nicht auszugehen. Den Rückkampf gegen Golovkin will er auf jeden Fall zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. "Wir haben noch eine Rechnung offen, die ich unbedingt begleichen will", sagte Álvarez bei der Pressekonferenz. Als Nachholtermin für die WM steht der 15. September im Raum, das Wochenende des "Dia de la Independencia", des tatsächlichen mexikanischen Nationalfeiertags.

Álvarez und Golovkin
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Álvarez und Golovkin

Dass Álvarez vermutlich ohne harte Strafe davonkommen wird, hat verschiedene Gründe. Im Boxen gibt es keine übergeordnete zentrale Instanz, die eine Sperre durchsetzen könnte. Sollte es bei einer Suspendierung durch die NSAC bleiben, könnte Álvarez nur in Nevada nicht boxen. Andere US-Bundesstaaten wären an die Entscheidung nicht gebunden, andere Länder schon gar nicht. Es wäre also möglich, dass der Mexikaner in seiner Heimat Kämpfe bestreitet, während er in Las Vegas gesperrt wäre.

Hoher Marktwert schützt vor harter Strafe

Das wiederum erhöht den Druck auf die Verantwortlichen in Nevada, da sie sich durch eine Sperre im Zweifel nur selbst schaden würden. Die Kommissionen verdienen an den Kämpfen mit. Je mehr Geld bei den Events umgesetzt wird, umso höher sind die Einnahmen der Verbände. Und Álvarez ist nach dem Rücktritt von Floyd Mayweather jr. das größte Zugpferd der Boxwelt.

Egal ob der Mexikaner das Clenbuterol bewusst zur Leistungssteigerung eingesetzt oder nur verseuchtes Fleisch gegessen hat: Dank seines hohen Marktwerts dürfte Álvarez mit einer milden Strafe davonkommen. So einfach ist das in der Boxbranche.

Anmerkung: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für SPIEGEL ONLINE und das Fachmagazin "Boxsport".



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