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Freiburger Dopingskandal: Tut doch nicht so blöd

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DPA

Doping im Fußball: Über die Jahre totgeschwiegen

Im Fußball wird gespritzt und geschluckt. Das haben jüngste Erkenntnisse der Freiburger Doping-Experten bestätigt. Eigentlich war es seit Jahrzehnten bekannt. Eine ehrliche Debatte hat es aber nie gegeben.

Wahrscheinlich wird die Debatte um Doping nirgends so verlogen geführt. Nirgends greift der Satz: "Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein" mehr als hier, beim Millionenspiel des Fußballs, dem Liebling der Massen.

Was dem Radsport in den vergangenen 20 Jahren widerfahren ist, der Leichtathletik ebenso, nämlich die Diskreditierung einer gesamten Sportart aufgrund von prominenten Dopingfällen, das darf dem Fußball nicht passieren. Er ist zu groß, zu wichtig. Zu viele verdienen an ihm viel zu viel Geld.

Auch daher erscheinen die Erkenntnisse aus Freiburg, die am Montag von Andreas Singler, dem Mitglied der dortigen Dopingkommission, lanciert wurden, so beunruhigend.

Kommerz, Korruption, Gewalt - all das hat der Weltfußball mehr oder weniger unbeschadet verkraftet. Weil der Sportart an sich eine so große Faszination innewohnt. Und weil Sponsoren davon ihr Image noch nicht beschädigt sehen.

Doping dagegen ist dermaßen negativ besetzt, dass es bei Geldgebern Fluchtreflexe auslöst. Damit will man als Unternehmen, als Marke, partout nicht in Verbindung gebracht werden.

Daum sprach schon 1992 von Doping beim VfB Stuttgart

So wird der Mythos vom Fußball, bei dem Doping angeblich gar nichts bringt, weil die Sportart zu komplexe Anforderungen stellt, artig gehegt und gepflegt.

Dass der damalige Trainer Christoph Daum schon 1992 davon sprach, dass Profis des VfB Stuttgart mit dem berüchtigten Kälbermastmittel Clenbuterol behandelt wurden, dass der Sportmediziner Armin Klümper, der im Mittelpunkt der Freiburger Anschuldigungen steht, unter Fußballern einen Ruf genoss, der dem des Papstes relativ nahekommt - all das war bekannt.

Aber eine offene, ehrliche Debatte hat das im deutschen Fußball nie ausgelöst.

Die Spritzen, die die Helden von Bern gesetzt bekamen, die anschließenden Hepatitis-Erkrankungen dieser 54er-Weltmeister, die sehr wahrscheinlich damit zusammenhingen, die Ephedrin-Fälle unter den deutschen WM-Finalisten 1966, die Doping-Plaudereien von Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher und Trainer Peter Neururer über den massenhaften Konsum des Wachmachers Captagon in den Achtzigerjahren - das ist alles im deutschen Fußball so schnell wie möglich weggelächelt worden.

Doping war in den Sechziger-, Siebziger und frühen Achtzigerjahren vielleicht nicht die Norm, aber es war ein fester Bestandteil des Sports. Eben nicht nur in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, auf die gerne mit dem Finger gezeigt wurde und wird.

Auch im Westen haben der heute in Südafrika lebende Klümper, sein mittlerweile verstorbener Freiburger Kollege Joseph Keul, einst ein hoch angesehener Arzt des deutschen Davis-Cup-Teams, und andere entsprechende Mittel eingesetzt.

"Läufst du wie ein Stümper, geh zu Klümper"

Klümper rühmte sich, einen Muskelfaserriss innerhalb von acht Tagen zu kurieren. Dass er in seinen Behandlungen auch Anabolika einsetzte, wusste jeder. "Läufst du wie ein Stümper, musst du mal zu Klümper", nennt die "Welt" einen damals gängigen Spruch.

Der frühere VfB-Nationalspieler Karl-Heinz Förster wurde schon 2005 im SPIEGEL zitiert: "Klümper war ein Mann, bei dem man immer das Gefühl hatte, egal was ist, der hilft dir schon."

Genau das war die Maxime in der damaligen Zeit: Erlaubt ist, was hilft.

Das Problembewusstsein für das Thema Doping war bei Athleten, Trainern und der Öffentlichkeit weitgehend unterentwickelt. Im Grunde setzte es erst ein, als die Leichtathletin Birgit Dressel 1987 an einem toxischen Medikamentenschock starb. Dressel war Klümper-Patientin.

Doping im Westen und Doping im Fußball - gleich zwei langjährige Tabus werden mit den Freiburger Enthüllungen berührt. Gerade deshalb böte die Causa Klümper die Chance, das Thema einmal ohne die üblichen Abwehrreflexe zu diskutieren.

Die Ereignisse, um die es geht, liegen mehr als 25 Jahre zurück. Es geht daher nicht mehr vorrangig um Schuldzuweisungen. Es geht darum, die Geschichte des Sports in der Bundesrepublik aufzuarbeiten. Möglichst ehrlich.

Und daher wäre es auch durchaus hilfreich, wenn sich damalige junge Profis des VfB Stuttgart und des SC Freiburg wie Joachim Löw oder Ottmar Hitzfeld bemühten, ganz genau zu erinnern, wie das damals war.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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1. Ach ja...
fatherted98 03.03.2015
...wenn das seit Jahrzehnten bekannt war, warum hat man dann bei SPON niemals auch nur einen kleinen Artikel über Doping in der Bundesliga gelesen? Gebt es zu...euch war das Eisen auch viel zu heiß um es anzufassen. Klar doppen alle auf Teufel komm raus...meint vielleicht einer heute wäre das anders...sind nur andere Mittelchen, die nicht nachweißbar sind. Überall wo Geld im Sport verdient wird, wird gedoppt. Wie siehts denn im Wintersport aus, in der Leichtathletik, beim Schwimmen...usw usw....alle voll bis oben hin. Und im Amateurbereich schmeißt auch fast jeder was ein, wenn er vorne mit dabei sein will...guckt euch mal den Frankfurt Thriathlon an...da laufen fast nur Aphoteken mit....
2. wieso
alsi 03.03.2015
sollten die alten Kader aus dem Nähkästchen plaudern? Das ist doch wahrscheinlich Fachwissen womit heute Pokale und Weltmeisterschaften gewonnen werden.
3. an sich ganz ordentlicher Kommentar
walter_e._kurtz 03.03.2015
allerdings ein wenig zu kurz gefaßt. Denn erstens kommt die Politik nicht vor, die sich nur all zu gerne im Lichte des ach-so-sauberen Fußballs sonnt - und hervorragend mit den Fußballfunktionären vernetzt ist. Und zweitens beschränkt sich der Artikel viel zu sehr auf "damals". Der Fußball heute dürfte nicht minder Doping-durchseucht sein, schließlich ist "der Fußball" likrativ wie nie, sorgt der DFB höchstselbst für die (lächerlichen) Kontrollen, nix unabhängig und so... Durchschnittlicher Kommentar nach töfte Überschrift - andersherum hätte mir besser gefallen ;-)
4.
Freidenker10 03.03.2015
Ich fände es auch interessant, zu erfahren was wirklich im Profifußball abgeht! Gibt es da keine Dopingkontrollen? Wird da Manipuliert? Von der Art des Laufsports wäre der Fußball natürlich wie gemacht für Doping. Es wundert mich selbst, dass da nie jemand mit verbotenen Mitteln erwischt wurde!
5.
moi1 03.03.2015
Dann hoffe ich doch inständig dass sich SPOn komplett aus der Fussball-Beweihräucherung verabschiedet und jegliche Berichterstattung unverzüglich einstellt. Wenn ich das noch erleben dürfte.
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