SPIEGEL ONLINE: Herr Umbach, bei der WM in Thailand war der achte Platz im Reißen von Jürgen Spieß das beste Einzelresultat für einen deutschen Teilnehmer. Nur vier Ihrer Athleten konnten sich für die Olympischen Spiele 2008 qualifizieren. Wie bewerten Sie das Abschneiden?
Umbach: Wir wollen natürlich mehr. Aber unsere jungen Gewichtheber können sich nur langsam steigern. Dafür müssen sie sehr intensiv trainieren. Deshalb sind nur begrenzte Schritte in die Weltspitze möglich.

Gewichtheber Spieß: Chancenlos in Peking 2008
Umbach: Eine Medaille wird mit den bei der WM angetretenen Athleten nur schwer möglich sein. Aber wir haben ja mit Matthias Steiner noch ein Ass im Ärmel. Der besitzt immer noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass er am 1. Januar 2008 nicht mehr Österreicher sondern Deutscher ist und für uns bei Olympia starten kann. Er ist der einzige, der in der Lage wäre, mit um die Medaillen zu kämpfen.
SPIEGEL ONLINE: Für viel mehr Schlagzeilen als die sportlichen Leistungen sorgt weiterhin das Thema Doping. Allein bei der WM in Thailand gab es erneut vier positiv getestete Athleten. Ist das Gewichtheben noch zu retten?
Umbach: So intensiv, so qualifiziert und mit aller Korrektheit wie in diesem Jahr haben Kontrollen auch beim Weltverband noch nicht stattgefunden. Es konnte keiner sicher sein, nicht kontrolliert zu werden. Die Kontrolldichte lag bei bis zu 50 Prozent aller Teilnehmer. Im Vergleich zu 2006, als die gesamte indische Mannschaft sowie 45 weitere Athleten gesperrt wurden, ist das schon ein Fortschritt.
SPIEGEL ONLINE: Aber warum greifen einige Sportler noch immer zu den verbotenen Substanzen?
Umbach: Die anabolen Wirkstoffe spielen für die Muskelentwicklung und die Regenerationszeit eine entscheidende Rolle. Und darüber hinaus haben nicht alle Länder einen ethischen Standard in der Erziehung der Athleten, die einen doping-freien Sport in den Mittelpunkt setzt. Man muss sich einfach mal die Länder anschauen, in denen immer wieder Doping-Fälle auftauchen: Da sieht man sehr viele Länder aus der ehemaligen Sowjetunion. Und es fallen Länder auf, in denen bestimmte Trainer arbeiten. Man kann es am Werdegang bulgarischer Trainer, die in verschiedenen Ländern gearbeitet haben, sehen: Da hat es immer wieder Doping gegeben. Letztlich haben Medaillen in vielen dieser Länder auch einen sehr hohen materiellen Wert.
SPIEGEL ONLINE: Der Weltverband IWF hat lange Zeit keine gute Figur im Kampf gegen Doping gemacht. Warum haben, selbst nach den unter dem Gesichtspunkt Doping desaströsen Olympischen Spielen 2004, die Anti-Doping-Maßnahmen nicht besser gegriffen?
Umbach: Die Maßnahmen haben sehr wohl gegriffen. Es wurde viel mehr kontrolliert, auch beim Training. Das erklärt auch die hohe Zahl der Doping-Fälle. Der Weltverband hat gemerkt, dass Kontrollen sehr variantenreich sein müssen. Deswegen wurde nicht nur bei den Wettkämpfen kontrolliert, wo man sich so vorbereiten könnte, dass kein Doping mehr nachgewiesen werden kann, sondern wurden auch die Trainingskontrollen intensiviert.
SPIEGEL ONLINE: Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hat dennoch damit gedroht, Gewichtheben bei weiteren Doping-Fällen aus dem Olympischen Programm zu streichen.
Umbach: Das IOC hat den Weltverband aber auch für seinen intensiven Anti-Doping-Kampf als vorbildlich gelobt. Ich baue darauf, dass der IWF so viel kontrolliert, dass schwarze Schafe gar nicht erst in Peking auftauchen. Beim Weltverband besteht der Wille zu mehr Kontrollen. Zudem hat sich die Qualität der Kontrollen ganz gravierend verbessert.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?
Umbach: Bei der WM in Thailand sind Heber aufgefallen, die mit Fremd-Urin manipulieren wollten. Die Kontrolleure sind mittlerweile so geschult, dass solche Leute nicht mehr entwischen können. Die Kontrollstandards sind vorbildlich. In anderen Sportarten herrscht keine so hohe Kontrolldichte.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch hält der IWF nicht daran fest, Nationen, bei denen pro Jahr mindestens drei Athleten positiv getestet wurden, für eine Wettkampfsaison zu sperren. Stattdessen zahlen sie 50.000 Dollar pro gedoptem Sportler.
Umbach: Dazu habe ich eine differenzierte Meinung. Dass man eine ganze Nation aushebelt, ist für mich das Prinzip der Sippenhaftung. Sippenhaftung gibt es ja im Zivilstrafrecht auch nicht. Aber wenn man auf der anderen Seite sieht, wie oft in bestimmten Nationen positive Fälle registriert werden, dann müsste man die ganze Nation sperren. Dort ist nicht nur die einzelnen Athleten nicht sauber, sondern das ganze System.
SPIEGEL ONLINE: Sind Gewichtheber, die heute nicht dopen, siegfähig?
Umbach: Auf jeden Fall.
Das Interview führte Christian Paul
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