Doping im Nachwuchssport "Trainerschein ist keine Lizenz zum Ausbeuten"

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sind ein junger, talentierter, ehrgeiziger Leichtathlet. Plötzlich sagt Ihr Trainer: "Ohne Doping wirst du nichts." Wie reagieren Sie?

Leichtathleten in Dortmund
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Leichtathleten in Dortmund

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Wann beginnt eine Dopingkarriere? In vielen Fällen bereits früh in der Sportlerlaufbahn, sagt die ehemalige deutsche Leichtathletin Claudia Lepping. Sie hat selbst erlebt, wie Trainer versuchen, junge Athleten in Richtung verbotener Leistungssteigerung zu treiben - und will Talente dagegen stark machen. Die 49-Jährige betreibt das Portal "Dopingalarm.de" - eine Anlaufstelle für Nachwuchssportler, die vor der Frage stehen: Soll ich wirklich dopen?

Zur Person
  • Claudia Lepping, Jahrgang 1968, ist eine ehemalige Sprinterin und Deutsche Vizemeisterin über 200 Meter. Auch ihr wurden während ihrer Karriere Dopingmittel angeboten - sie lehnte ab. Lepping hält Vorträge an Schulen und ist die Gründerin der Antidoping-Plattform "Dopingalarm.de". Dorthin können sich Sportlerinnen und Sportler anonym wenden, wenn sie mit Dopingmitteln konfrontiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Lepping, was treibt einen Sportler dazu an, sich bei "Dopingalarm" zu melden?

Lepping: Es ist eine Mischung aus Teenagertrotz und Grundüberzeugung. Viele junge Athleten haben eine kritische Haltung zum Thema Doping, kaum jemand will etwas von sich aus nehmen. Es ist ja auch verstörend am eigenen Leib zu erleben, was beispielsweise Hormondoping mit einem Mädchenkörper macht. Das ist aber auch die Vorstufe, die Mentalitäten prägt: Der Trainer verteilt Mittelchen, Papa nimmt regelmäßig Kopfschmerzmittel, der große Bruder Ritalin zur Konzentrationsförderung. So können sich junge Menschen an Leistungsmanipulation gewöhnen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie den Sportlern helfen?

Lepping: Trainer, Funktionäre und junge Sportler begegnen einander nicht auf Augenhöhe. Es gehört sehr viel Mut dazu, sich gegen diese Bezugspersonen zu behaupten, dazu will ich ihnen verhelfen. Wenn der Trainer den Kofferraumdeckel öffnet und sagt: "Ich habe da was für dich" - dann müssen die Teenager vorbereitet sein. Für einen Trainer ist nichts unbequemer als ein selbstbewusster Athlet - gerade deshalb ist es wichtig, starke Charaktere auszubilden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ängste haben die Menschen, die sich bei Ihnen melden?

Lepping: Für die jungen Menschen ist die Situation hochdramatisch. Sie wollen ihren Trainern gefallen, die Erwartungen erfüllen. Es scheint alles auf dem Spiel zu stehen, der Traum von einer großen Sportlerkarriere. Es reicht ja, aus Förderstrukturen rauszufliegen. Oder die Kaderzugehörigkeit, die in weite Ferne rückt, der Sponsorenvertrag, der ausgeschlossen erscheint.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Hinweise haben Sie in den vergangenen Jahren bekommen?

Lepping: Ich hatte etwa 55 Fälle von jungen Menschen, meist zwischen 17 und 25 Jahren, die konkret mit Doping konfrontiert wurden und vor der Entscheidung standen: Mache ich das jetzt oder nicht? Da geht es dann um Amphetamine, Epo, Testosteron. Aber ich bekomme auch Zuschriften von jungen Talenten, die eine generelle Verhaltensempfehlung haben möchten oder sich informieren wollen. Meist sind es Leichtathleten, Schwimmer, Radfahrer.

SPIEGEL ONLINE: Wer übt den Druck aus?

Lepping: Meist geschieht das unter vier Augen, es sind häufig die Trainer. Sie vermitteln ihren Schützlingen den Eindruck, dass sie nur eine Chance haben, wenn sie mit Mitteln nachhelfen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Lepping: Ein Wasserballer mit einer Schulterverletzung hat sich bei mir gemeldet. Der Trainer hat ihm keine Zeit zur Regeneration eingeräumt, sondern Medikamente und Schmerzmittel angeboten. Das ist doch die völlig falsche Botschaft: "Junge, wir haben keine Zeit, bis du gesund wirst, sondern müssen nachhelfen." Der Trainer steht auch unter Druck, keine Frage, er muss Ergebnisse liefern. Aber: Ein Trainerschein ist keine Lizenz zum Ausbeuten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Druck ausgeübt?

Lepping: Der Trainer sagt: "Du hast Talent, aber die Leistungswerte stimmen nicht. Und deine Konkurrenten nehmen alle was. Willst du diesen Wettbewerbsnachteil wirklich in Kauf nehmen?" Dann beginnt ein Wartespiel: Die Sportler werden misstrauisch und beäugen irgendwann ihre Konkurrenten, die mutmaßlich dopen. Begleitet wird das von ständigen Beteuerungen des Trainers: "Wir machen es nicht zum ersten Mal, es ist immer ein Arzt dabei."

SPIEGEL ONLINE: Das zermürbt.

Lepping: Man braucht ein starkes psychologisches Gerüst, um ohne Doping in einem Dopingumfeld Sport zu betreiben. Dazu will ich den jungen Athleten verhelfen.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
klaus64 03.03.2018
1. Dopingfreier Sport
Man bekommt Gänsehaut wenn man den Beitrag liest. Wenn sich schon 55 Nachwuchssportler melden, die ja z.T. ihre Trainer für Götter halten, wie viele Sportler im Spitzensport sind dann charakterlich nicht so gefestigt ? Dopingregeln sind ja inzwischen durchaus schwammig. Der Arzt verschreibt ein durchaus leistungssteigerndes Mittel - eine passende Krankheit findet sich auch noch. Außerdem gibt es immer neue Mittel, die noch nicht als Dopingmittel erfasst sind. Den Sportler, der ohne Medikament Spitzenleistung vollbringt gibt es anscheinend doch nicht mehr. Eine schon traurige Entwicklung, da eine Differenzierung der Leistungen kaum noch möglich ist. Ich erinnere mich an Jan Ulrich - "Ich habe niemanden betrogen " - seine Konkurrenten sicherlich nicht.
Tavlaret 03.03.2018
2. Das ist wohl überall so ...
Es war Mitte der 90er, ich befand mich an einem Samstagabend in einer Gaststätte, wo eine Gruppe Leichtathleten eines hochrangigen Vereins im Rhein-Neckar-Raum feuchtfröhlich feierte. Spät kam ich zufällig in eine Gespräch mit einer jungen Hürdenläuferin, die mir irgendwann, die Zunge vom Alkohol etwas gelöst, ihr Leid klagte. Sie wäre hochtalentiert, ihr Trainer sagte ihr, sie könne Olympiatielnhmerin werden. Nur, um bei den deutschen Meisterschaften in den Endlauf zu kommen, würde nur Training und gesundes Essen nicht reichen - sie hatte Angst davor, Mittel zu nehmen. Ich weiß nicht was sie dann gemacht hat und was aus ihr geworden ist, ich sah sie nur an diesem einen Abend. In den Monaten danach habe ich ihren Namen bei Sportereignissen in der Zeitung gesucht, fand sie im Regionalbereich, nicht aber bei deutschen Meistechaften.
dibbi 03.03.2018
3. Verlockungen sind überall...
Es ist wie bei Star Wars: der Einfache Weg führt zur dunklen Seite der Macht. Epo ist einfacher als Höhentraining... Wenn ma erstmal drinhängt, dann kommt man nicht so schnell wieder raus. In meinem Sportverband wurden wir in der Trainerausbildung sensibilisiert. Schwarze Schafe gibt es überall, in manchen Sportarten mehr, in anderen weniger. Wenn irgendwer (Trainer/Betreuer) jetzt also ein mutmaßliches Dopingmittel auf den Tisch stellt und es sich dabei um ein Medikament handelt, dann dürften eine Reihe von Straftatbeständen erfüllt sein. Arzneimittelrecht, Dopinggesetze bis hin zu schwerer Körperverletzung und bei Minderjährigen Sportlern auch Mißhandlung von Schutzbefohlenen wären zu prüfen. Also Mund halten und erst bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft aufmachen und Anzeige erstatten. Am Ende steht dann ja vielleicht die öffentlichkeitswirksame Durchsuchung eines Leistungszentrums und beteiligter Arztpraxen. Wir würden feststellen: Nicht nur die Russen dopen...
sparrenburger 03.03.2018
4. Konkurenz im Ausland
Das Problem, auch oder gerade, ist doch dass die Konkurenz im Ausland ist. Und ich hab da so meine Zweifel ob es da überhaupt solch Einrichtungen wie die im Beitrag gibt. Gegen diese Konkurenz müssen die jungen Sportler dann irgendwann bestehen. Das hat bei den Winterspielen funktioniert, aber auf Dauer habe ich meine Zweifel.
Madagon 03.03.2018
5. "Ohne Doping wirst du nichts."
Super zynisch was der Trainer da gesagt hat, aber auch heute noch zu 100% korrekt. Bei den Juniorenweltmeisterschaften 1986 war Lepping noch auf einem Level mit Katrin Krabbe. Wo die Reise der beiden im Sport hingegangen ist weiß man ja.
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