Doping im Pferdesport Spritzen und Schweigen

Fachleute erheben schwere Vorwürfe gegen deutsche Spitzenreiter und Funktionäre. Pferde werden demnach mit Medikamentencocktails für Wettkämpfe vorbereitet, gesundheitliche Schäden in Kauf genommen. Das Vorgehen erinnert an das Dopingsystem in der DDR.

Von und Udo Ludwig


Bei Reitturnieren wie am vergangenen Wochenende in Hannover demonstrieren die Spring- und Dressurreiter noch eine heile Welt. 41.000 Zuschauer besuchten den Großen Preis von Hannover, ein neuer Rekord. Und selbst der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen jubelten mit.

Hinter den Kulissen stritt die deutsche Reiterelite da schon um ein Thema, das die Branche jahrelang virtuos kleingehalten hatte, doch nun eine breitere Öffentlichkeit erreichte: die illegale Manipulationen von Reitpferden. Im Zentrum der Debatte steht der Reiter Christian Ahlmann und die Frage, ob er die Beine seines Pferdes Coester mit einer Salbe empfindlicher gemacht hat, damit das Tier höher springt - praktisch ein chemisches Barren.

Bei den Olympischen Spielen in China war Ahlmanns Pferd positiv auf die verbotenen Substanz Capsaicin getestet worden. Die Affäre könnte für die deutsche Reiterwelt eine ähnliche Wirkung entfalten wie vor zwei Jahren die Enttarnung des Radfahrers Jan Ullrich als Dopingsünder. Damals wurde öffentlich, dass Profis systematisch mit illegalen Methoden schnell gemacht wurden.

Jetzt geht es darum, wie die Kreatur Pferd für Medaillen und Geld ausgenutzt wird. Denn dass die Reiter ihre Pferde mit vielerlei unerlaubten Hilfsmitteln präparieren, damit diese am Wettkampftag Höchstleistung bringen, steht mittlerweile außer Frage. Die Allianz der Vertuscher und Verschweiger bröckelt, und immer mehr Pfleger und Fachleute berichten nun davon, wie verbreitet diese Methoden sind.

"Tierschutz", sagt Eberhard Schüle, zweiter Vorsitzender der Gesellschaft für Pferdemedizin, "interessiert in diesem Metier nur eine kleine Minderheit." Deutlich wird jetzt auch, wie wenig die Reiterliche Vereinigung (FN) diese Entwicklung trotz vollmundiger Erklärungen aufgehalten hat. Nach den Vorfällen von Hongkong, als bei Olympia gleich sechs Pferde positiv getestet wurden, droht nun der Szene ein herber Rückfall. In Telefonkonferenzen gaben ARD und ZDF eindeutige Signale, das Springreiten aus dem Programm zu streichen, wenn der Verband nicht endlich hart durchgreife. Ohne die für Sponsoren attraktiven, stundenlangen Übertragungen aber würden die Deutschen ihre Spitzenstellung in der Welt schnell verlieren.

Wohl vor allem deshalb reagierte die FN im Fall Ahlmann ungewohnt feinnervig. Sie findet das Urteil des internationalen Verbandes zu mild und will es anfechten. Der Verband verlangt, dass der Reiter seine Behauptung zurücknimmt, das berüchtigte Chili-Präparat Capsaicin sei von der Equipe-Leitung quasi genehmigt worden. Ahlmann sieht sich als Bauernopfer, und auch viele andere Top-Reiter sind sauer: Der viermalige Olympiasieger Ludger Beerbaum drohte hinter verschlossenen Türen, er müsse sich überlegen, ob er unter diesen Umständen weiter in und für Deutschland reiten wolle.

Verbände und Athleten halten zusammen

Schließlich waren die Athleten seit Jahrzehnten daran gewöhnt, dass der Verband und seine Sportler Probleme gemeinsam lösten. Etwa als beim Weltcup-Finale der Dressurreiter 2003 das Pferd der Olympiasiegerin Ulla Salzgeber mit Testosteron im Körper erwischt wurde. Ursache dafür, so behauptet die Reiterin, sei eine Behandlung der Haut gewesen. In Fachkreisen ist das sehr strittig. Die FN beließ es dennoch bei zwei Monaten Sperre - womit Salzgeber an den Olympischen Spielen 2004 in Athen teilnehmen konnte.

Auch Bettina Hoy erfuhr Gnade durch die FN. Bei den Spielen in Athen wurde die Vielseitigkeitsreiterin zur tragischen Heldin, weil sie nach einer unglücklichen Auslösung der Zeitnahme bestraft worden war. Weniger bekannt wurde allerdings, dass ihr Pferd für den Wettkampf mit dem Medikament Benadryl behandelt worden war. Die Entschuldigung: Ein Mediziner des Weltreitsportverbandes FEI habe die Behandlung erlaubt. Die Funktionäre glaubten das, obwohl das Antiallergikum nicht mehr zugelassen war und der betroffene Arzt nie ermittelt werden konnte. "Es gab so viele Ärzte dort", erklärt FN-Generalsekretär Hanfried Haring. Und der deutsche Mannschaftsarzt hatte den Namen des FEI-Gesandten nicht notiert. Sanktionen für die Reiterin? Keine.

Einen besonders guten Schutz genoss Meredith Michaels-Beerbaum. Beim Weltcup-Finale 2004 fand man das verbotene Acepromazin bei ihrem Pferd Shutterfly. Sperre? Keine, es gab angebliche Formfehler bei der Bearbeitung des Falls. Und auch danach blieb unter dem Radarschirm der öffentlichen Wahrnehmung, dass Shutterfly offenbar chronisch krank ist. Bei der Europameisterschaft 2007 in Mannheim ging das Pferd mit Cortison im Körper an den Start. Das wäre ein klarer Verstoß gegen die Regeln gewesen.

Die FN zeigte jedoch eine Knieverletzung an, die einige Tage vor dem Wettkampf mit Cortison behandelt worden sei. Insider berichten, der Verband habe das Datum des Befundes falsch angegeben, um die Gabe des Medikaments zu legalisieren und einen Start der späteren Europameisterin zu gewährleisten. Die FN dementiert das. Michaels-Beerbaum behauptet, die Verletzung sei ordnungsgemäß angemeldet worden.

Traditionell freundlich ist der Umgang der Funktionäre und Regelwächter mit Ludger Beerbaum, Deutschlands Vorzeige-Reiter. Bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 wurde sein Pferd Goldfever mit Betamethason erwischt. Die Goldmedaille musste er abgeben, aber die FN zeigte sich großzügig. Die Sperre für den Einsatz des Entzündungshemmers: ein Monat. Beerbaum durfte sich sogar noch aussuchen, wann er die Strafe antreten wollte. Auch machte sich niemand die Mühe, Beerbaums falsche Behauptung zurechtzurücken, er hätte seine Medaille behalten dürfen, wenn er es nicht für unnötig gehalten hätte, das Medikament vorher anzugeben.



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Seite 1
ylonoc, 01.11.2008
1.
Zitat von sysopNicht nur bei Menschen, auch bei Pferden werden im Sport hohe Leistungen oft mit dem Einsatz unerlaubter chemischer Substanzen erzielt. Sollen nun für Pferde ähnlich strenge Doping-Richtlinien wie für Menschen gelten?
Ja bitte und so'n Pferd sollte auch für zwei Jahre gesperrt werden und eine Geldstrafe wäre nicht schlecht.
Arthi, 01.11.2008
2.
Zitat von sysopNicht nur bei Menschen, auch bei Pferden werden im Sport hohe Leistungen oft mit dem Einsatz unerlaubter chemischer Substanzen erzielt. Sollen nun für Pferde ähnlich strenge Doping-Richtlinien wie für Menschen gelten?
Diese Leute sollten lebenslang für den Pferdesprort gesperrt werden. Gleichzeitig ein Verbot zur Haltung von Pferden erhalten. Tierquäler sind es und nicht mehr, und genau so gehören diese auch behandelt.
nekko 01.11.2008
3. Die Mär vom Partner Pferd
Man sollte bloß nicht glauben, dass das Problem Doping nur die Springpferde betrifft. Auch in der Dressur werden die Pferde reihenweise gedopt: wahlweise gesund gespitzt, ruhig gestellt, aufmerksam gemacht... und das beginnt bereits auf kleinen Regionalturnieren. Der tolle Partner Pferd soll nämlich in vielen Fällen gewinnbringend verkauft werden, oder doch wenigstens die stolzen Besitzer in Ergebnislisten bringen. Wenn ich bei Fernsehübertragungen von großen Turnieren höre "dieses Pferd hat öfter mal gesundheitliche Probleme, aber die Reiterin schafft es immer wieder, es auf den Punkt fit zu bekommen", dann frage ich mich, wie naiv man eigentlich sein kann. In meinen Dressurstall wird gedopt, was das Zeug hält und alle schauen weg. Einer der Stalltierärzte hatte schon Anzeigen wegen Dopings und spritzt munter weiter. Monatelang stocklahme Pferde auferstehen wie Phoenix aus der Asche und bringen Höchstleistung. Die Szene kennt sich, jeder weiß, dass da etwas nicht stimmen kann. Aber beim Turnier erhält die Turnierleitung vorher! eine Liste, welche Pferde zur Dopingprobe müssen und diese Person kennt natürlich alle Teilnehmer meist per Du. Was glaubt die FN eigentlich, was solche Proben bringen? Aber da liegt des Pudels Kern: an Aufklärung ist niemand interessiert. Wie im Radsport, nur mit einem kleinen Unterschied: die Pferde werden einfach entsorgt, wenn sie dann endgültig kaputt sind. Ich schäme mich zunehmend, selbst diesen Sport zu betreiben und kann mich nur damit beruhigen, dass es wenigstens meinem Pferd gut geht, da ich an Turnierstarts nicht interessiert bin.
Kalix 01.11.2008
4. Der Sport ist die Titanic und die rast auf den Eisberg zu
Der Reitsport fürchtet mit Recht die gleiche Entwicklung wie im Radsport. So hektisch, wie der Verband in Sachen Ahlmann reagiert, verkörpert Ahlmann die zu sehende Eisbergspitze und unter diesem Eisberg ist dann alles möglich. Doping ist Betrug und es sind Gelder aus einer strafbaren und ungerechtfertigten Bereicherung. Neben dem Kommerz instrumentalisiert jetzt auch das Doping den Sport. Diejenigen, die den Sport visuell und verbal transferieren, das sind die Medien, sollten sich umgehend nach Dopingfällen zurück ziehen. Und wenn mit Blick auf die Werbeeinnahmen und Quoten die konsequente Handlung schwer fällt, sollten gerade diese Intendanten berücksichtigen, dass mit der Übetragung sie selbst den Betrug erst interessant machen, denn ohne Übertragung kommt kein Geld in die Kasse und der Reiz ist dahin. Auch die Politik hat versagt. Nach dem 2jährigem Getue der ARD, was die Übetragung der Tour betrifft, hätte die Politik die ARD so pressen müssen, dass diese viel früher auf die Tour verzichtet.
Rainer Daeschler, 01.11.2008
5.
Zitat von sysopNicht nur bei Menschen, auch bei Pferden werden im Sport hohe Leistungen oft mit dem Einsatz unerlaubter chemischer Substanzen erzielt. Sollen nun für Pferde ähnlich strenge Doping-Richtlinien wie für Menschen gelten?
Wäre es ein Auto oder Motorrad, würden regelwidrige Modifikationen Konsequenzen für den Rennstall und Disqualifizierung nach sich ziehen.
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