Doping im Radsport ARD und ZDF stoppen Live-Berichte von der Tour de France

Die ARD zieht Konsequenzen aus immer neuen Doping-Enthüllungen. Die Intendanten haben jetzt entschieden, nicht mehr live von der Tour de France zu berichten. ZDF-Chefredakteur Brender bestätigte SPIEGEL ONLINE indirekt auch den Ausstieg seines Senders.


Hamburg - Der ARD-Vorsitzende Fritz Raff sagte, der "sportliche Wert" der Tour de France habe sich aufgrund der gehäuften Dopingfälle und der daraus gewonnenen Erkenntnisse erheblich reduziert. Damit sei auch der "programmliche Wert stark gesunken", so Raff.

Eine Folge der ARD-Entscheidung ist auch der Ausstieg des ZDF. Das "Zweite" hatte die Zukunft seiner Übertragungen an die Entscheidung der ARD geknüpft. Chefredakteur Nikolaus Brender sagte SPIEGEL ONLINE: "Das ZDF wird die Tour de France nicht ohne die ARD übertragen und zusammen mit der ARD und der EBU über die Konsequenzen Gespräche führen." Die Europäische Rundfunk Union (EBU), der auch ARD und ZDF angehören, hatte den Vertrag mit dem Tour-Veranstalter ASO bereits im Juli bis 2011 verlängert. In welchem Umfang ARD und ZDF an den Kontrakt gebunden sind, ist momentan noch unklar.

Mit den Gerolsteiner-Fahrern Stefan Schumacher und Bernhard Kohl waren zuletzt zwei weitere erfolgreiche Teilnehmer der diesjährigen Tour de France positiv auf unerlaubte Substanzen getestet worden. Der Österreicher Kohl hatte das Doping am Mittwoch zugegeben und auf die Öffnung der B-Probe verzichtet. Ebenfalls am Mittwoch hatte sich das Team Gerolsteiner mit sofortiger Wirkung aus dem Radsport zurückgezogen.

Mit der Entscheidung der Intendanten endet eine über viele Jahre währende Verbindung zwischen der ARD und dem größten Radrennen der Welt. Vor allem zur erfolgreichen Zeit des Teams Telekom mit den Stars Jan Ullrich und Erik Zabel hatten die Übertragungen von der Tour Spitzenquoten erzielt. Immer wieder war die ARD aber auch für ihre zurückhaltende Berichterstattung über das Dopingthema in die Kritik geraten. Nun also der Schlussstrich.

Die Intendanten seien der Meinung, dass eine breitflächige Übertragung in den öffentlich-rechtlichen Programmen auf absehbare Zeit nicht mehr zu rechtfertigen sei, hieß es weiter.

ARD und ZDF waren 2007 nach einer positiven Dopingprobe des T-Mobile-Fahrers Patrik Sinkewitz während der Tour aus der Live-Berichterstattung ausgestiegen. In diesem Jahr hatten beide Sender wieder die Tour täglich begleitet, allerdings waren wieder eine Reihe von Fahrern des Dopings überführt worden.

ZDF-Chefredakteur Brender hatte am Wochenende in einem Interview gesagt, sein Sender werde "nur mit der ARD zusammen oder gar nicht übertragen". Anders gehe es weder logistisch noch finanziell, noch technisch oder personell.

Die Intendantin des Rundfunks Berlin Brandenburg, Dagmar Reim, sagte im RBB-Inforadio, es gebe nun wirklich keine Möglichkeit mehr, die Übertragung eines solchen Ereignisses zu rechtfertigen. Den gesunkenen Wert der Tour zeigten auch die Quoten: Die Akzeptanz beim Publikum sinke. Dies sei aber nicht der entscheidende Grund für den Ausstiegs-Beschluss.

Der Deutsche Journalisten-Verband begrüßte die Entscheidung. "Dieser Schritt war nach den Dopingvorwürfen der letzten Tage unvermeidlich", wurde der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken bei der Nachrichtenagentur AP zitiert. Die Zuschauer wollten Sportveranstaltungen im Fernsehen verfolgen, bei denen Höchstleistungen und nicht Blutproben und deren Auswertungen im Mittelpunkt ständen. An Warnungen der Sender gegenüber den Veranstaltern habe es nicht gemangelt, so Konken.

goe/ddp/AP/sid



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