Doping im Radsport Kartell der Befleckten

Ivan Basso hätte mit einem Doping-Geständnis die Selbstreinigung im Radsport auslösen können - doch er kniff. Jetzt sehen Experten schwarz: In leitenden Positionen vieler Radteams arbeiten ehemalige Profis, die als Aktive selbst unter Verdacht standen.

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Wenn es nach Ivan Basso geht, ist die ganze Sache bald wieder ausgestanden. Die 111.000 Euro, die er 2004 und 2006 an den Dopingarzt Eufemiano Fuentes überwiesen haben soll? Vergessen. Das behandelte Blut, das dafür aus Spanien zurück in seinen Körper fließen sollte? Ein verzeihlicher Fehler. Im kommenden Jahr, so hofft der Italiener, wird er wieder die Berge hochradeln dürfen. Umjubelt, erfolgreich. So wie davor.

Tour-Feld (2006): Zurück ins Feld der Schweiger
DPA

Tour-Feld (2006): Zurück ins Feld der Schweiger

"Basso ist fähig, nach dieser schwierigen Situation aufs Neue zu beginnen." Das sagt nicht etwa der Anwalt des 29-Jährigen. Es sind die Worte der Konkurrenz, die Basso durch die Zusammenarbeit mit Fuentes betrogen hat. Eigentlich. Die ziemlich sauer sein müsste. Eigentlich. Davide Rebellin hat so gesprochen, der Kapitän des deutschen Rennstalls Gerolsteiner. Franco Ballerini, der Chef der Rad-Nationalauswahl, legt nach: "Ivan ist kein Verbrecher, er darf nicht kriminalisiert werden."

Der Radsport hat seinen Reaktionsautomaten sofort angeworfen: kleinreden, weiterfahren. Die Gruppe wird den Ertappten wieder in ihre Mitte aufnehmen. Solange er den Kodex einhält und niemanden verrät. Auch Basso wird sich daran halten: "Ich weiß nichts über andere Fahrer oder andere beschuldigte Sportler", ließ er verlauten.

In solchen Dingen achten Radprofis auf gute Sitten. "Die Einnahme von Medikamenten ist in diesem Milieu jedoch keine Frage des Anstands", sagt Andreas Singler, Doping-Experte und Autor. Sie wird einfach stillschweigend betrieben. Aus diesem Grund habe Jan Ullrich - so die Vorwürfe gegen ihn zutreffen - jahrelang predigen können, nie jemanden betrogen zu haben. "Nach seinem Gefühl hatte er das ja auch nicht", sagt Singler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "weil er ja davon ausgeht, dass es alle machen".

Ralf Meutgens, Autor des Buches "Doping im Radsport", sieht deshalb auch mittelfristig keine Chance auf saubere Wettkämpfe: "Doping ist systemimmanent", so Meutgens zu SPIEGEL ONLINE, "eine Reinigung würde den Austausch nahezu aller im professionellen Radsport agierenden Personen voraussetzen". Dieser sei nötig, da "diejenigen, die das Wertesystem des bestehenden professionellen Radsports verinnerlicht haben und mit ihm gut leben, schwerlich zu einem Umdenken bewegt werden können".

Meutgens fordert "mehr Einfluss von Leuten, die nicht aus dem professionellen Radsport stammen". Ein schwieriges Unterfangen in einem System, das die Posten der sportlichen Leiter, Betreuer und Funktionäre bevorzugt aus den Reihen ehemaliger Rennfahrer rekrutiert. In diesen verschworenen Zirkel einzubrechen, gestaltet sich schwerer als eine Fahrt auf den Mont Ventoux.

"Die Karawane zieht weiter", sagt Dopingforscher Werner Franke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, egal was der Fall Fuentes noch für Aufschlüsse gebe. Der Professor vom Krebsforschungszentrum Heidelberg sieht für den Radsport in seiner jetzigen Form keine Chance für eine Selbstreinigung. Irgendwann sei alles verjährt, dann gehe es weiter - "mit neuen Mitteln".

Forum - Basso-Geständnis: Packen jetzt weitere Radprofis aus?
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dirkgma, 07.05.2007
1.
Zitat von sysopDer Italiener Ivan Basso hielt dem Druck nicht mehr stand: Er gestand, in die Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verwickelt zu sein. Folgen nun weitere Geständnisse von Radprofis wie etwa Jan Ullrich?
Ich wüsste gar nich warum. Wenn der Jan sacht, er hat nix gemacht, dann hat er nix gemacht. Also ich glaube dem Jan. ;-)
Shiraz, 07.05.2007
2.
Warum soll Ulle denn gestehen? Der ist doch unschuldig (hahaha).
Umberto, 07.05.2007
3.
Zitat von sysopDer Italiener Ivan Basso hielt dem Druck nicht mehr stand: Er gestand, in die Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verwickelt zu sein. Folgen nun weitere Geständnisse von Radprofis wie etwa Jan Ullrich?
Im Augenblick erwarte ich das eher nicht. Man wird abwarten wollen, mit welcher Strafe Basso davonkommt. Und Jan Ullrich? Warum sollte er? Für ihn geht's doch nicht mehr um eine Karriere im Radsport.
CSM, 07.05.2007
4.
Zitat von UmbertoIm Augenblick erwarte ich das eher nicht. Man wird abwarten wollen, mit welcher Strafe Basso davonkommt. Und Jan Ullrich? Warum sollte er? Für ihn geht's doch nicht mehr um eine Karriere im Radsport.
Aber es wird doch gegen ihn ermittelt. Und falls durch Basso auch Ullrichs Tun bewiesen werden kann (das muss Ullrich selbst einschätzen) wäre doch jetzt die Flucht nach vorne angesagt.
3x3=3 07.05.2007
5.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Feld der Ausreißergruppe um Ullrich+Basso hinterherspringt. Vielleicht versucht der ein oder andere Wasserträger noch die Lücke notgedrungen zuzufahren ansonsten gilt: Fernseher ausschalten sobald eine Übertragung der diesjährigen Tour ansteht. Die Selbstreinigung funktioniert nur über die Sprache die von allen verstanden wird: GELD!
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