Straffreiheit für Dopingärzte Zum Verzweifeln

Die Freiburger Staatsanwaltschaft verzichtet auf eine Anklage gegen zwei frühere Mannschaftsärzte des Teams Telekom - obwohl Indizien dafür sprechen, dass die Mediziner gedopt haben. Die Ermittler scheiterten an der Verschwiegenheit der Radsportszene und kapitulierten vor der Gesetzeslage.

Mediziner Schmid (l.), Heinrich: "Fortbestehender allgemeiner Verdacht"
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Mediziner Schmid (l.), Heinrich: "Fortbestehender allgemeiner Verdacht"

Von Udo Ludwig und


Oberstaatsanwalt Christoph Frank aus dem Örtchen Buchenbach im Südschwarzwald hat eine Bilderbuchkarriere in der baden-württembergischen Justiz gemacht. Der 60-jährige Beamte, seit 2007 auch Vorsitzender des Deutschen Richterbundes, ist bei der Freiburger Staatsanwaltschaft Chefermittler für organisierte Kriminalität und Betäubungsmittel - und seit April Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping. Man sagt ihm nach, er sei ein sehr gewissenhafter Mann.

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Heft 34/2012
Warum Introvertierte zu oft unterschätzt werden

Seit Mai 2007 ermittelte Frank in einem der spektakulärsten Fälle des deutschen Spitzensports: dem Verdacht auf systematisches Doping deutscher Radsporthelden an der Freiburger Uniklinik und der Verstrickung zweier prominenter Ärzte in die Machenschaften, Andreas Schmid, 50, und Lothar Heinrich, 46. Beide Sportmediziner waren jahrelang Mannschaftsärzte des Teams Telekom, des späteren Teams T-Mobile. Belastendes Material gegen die beiden Doktoren bekam Oberstaatsanwalt Frank von allen Seiten.

Das Bundeskriminalamt vernahm zahlreiche frühere Telekom-Radler; die Ermittler hoben eine Apotheke im Umland von Freiburg aus, die das Dopingmittel Epo und verschleiernde Medikamente an die Uniklinik geliefert haben soll; es fanden sich Belege für übelsten Pfusch in den Räumen der Uniklinik bei Manipulationen mit Eigenblut. Zudem lieferten zwei Untersuchungskommissionen im Auftrag der Universität umfassende Berichte über die Geschichte der Dopingforschung und der Anwendung unerlaubter Medikamente an der Freiburger Uniklinik. Auch in diesen Dossiers kamen die Mediziner Schmid und Heinrich schlecht weg.

"Kein hinreichender Verdacht konkreter Verstöße"

Dennoch stellte Oberstaatsanwalt Frank das Ermittlungsverfahren gegen Schmid und Heinrich am 17. Juli ein. Die Öffentlichkeit erfuhr vom überraschenden Ende des Verfahrens erst durch eine Meldung in der neuesten Ausgabe des SPIEGEL. Dabei hatte die Freiburger Staatsanwaltschaft immer wieder betont, ihre Entscheidung bekanntmachen zu wollen. Die Entscheidung ist offenbar auch für den gewissenhaften Herrn Frank nicht ganz so leicht zu vermitteln.

Diesen Eindruck bekommt man, wenn man die 21 Seiten umfassende Verfügung liest, in der der Oberstaatsanwalt seinen Entschluss begründet. Einerseits sieht Frank einen "fortbestehenden allgemeinen Verdacht", dass die beschuldigten Ärzte gedopt hätten. Andererseits heißt es in dem Dokument, dass sich kein "hinreichender Verdacht konkreter Verstöße gegen Strafbestimmungen" ergeben habe. Teilweise seien die Vorwürfe verjährt, auch hätten die Radprofis ihre Zustimmung zum Dopen gegeben und seien nicht geschädigt worden, teilweise hätten genaue Tatzeiten und Tatorte nicht ermittelt werden können.

Eines der größten Probleme der Ermittler war offenbar das Schweigen der Radsportszene. Wenn frühere Telekom-Profis bei ihren Vernehmungen Doping zugaben, dann allerhöchstens im Plusquamperfekt - einem Zeitraum, der länger als fünf Jahre zurück lag und damit straffrei ist: verjährt. "Ein Geständnis war nicht gerade der Prototyp von Einlassungen gegenüber der Staatsanwaltschaft", sagt ein mit den Ermittlungen vertrauter Rechtsanwalt.

Ausgangspunkt für das Ermittlungsverfahren war eine Anzeige, nachdem der SPIEGEL in der Titelgeschichte "Dickes Blut" (18/2007) über das umfassende Dopingsystem im Team Telekom berichtet hatte. Nach anfänglichem Leugnen hatten Heinrich und Schmid zugegeben, das Dopingmittel Epo verabreicht zu haben - ohne es jemals selbst den Radfahrern injiziert zu haben. Später schoben sie die Erklärung nach, ihre Geständnisse würden sich nur auf die neunziger Jahre beziehen. Ein juristischer Schachzug, denn alle Sachverhalte vor dem Mai 2002 waren bereits verjährt.

Verjährungsfrist für Ermittler kaum zu überwindende Hürde

Für die Ermittler ist die Verjährungsfrist eine kaum zu überspringende Hürde. Doping ist meist eine Verschwörung unter Trainern, Ärzten und Athleten, die weit über das Karriereende hinausreicht. Wer gegen diese Schweigepflicht, die Omertà, verstößt, wird in der Szene verachtet und hat dort kaum noch Berufschancen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist folglich kaum jemand bereit, sein Dopingwissen preiszugeben. Die westdeutschen Dopingärzte dürfen sich deshalb sicherer fühlen als etwa ihre Kollegen aus der ehemaligen DDR nach der Vereinigung.

Nach der Wende hatte die Bundesrepublik die Verjährungsfrist eigens verlängert, weil die DDR einige Delikte aus Gründen der Staatsraison ausdrücklich hatte geheimhalten wollen. Darunter fiel auch das staatlich organisierte Doping der Spitzenathleten. Da aber nach der Wende die Verjährung gestreckt worden war, konnten mehrere Mediziner noch einige Jahre nach dem Mauerfall verurteilt werden - darunter waren auch Haftstrafen gegen die Schwimmärzte Lothar Kipke (15 Monate Freiheitsstrafe auf Bewähung) und Horst Tausch (10 Monate).



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
renegat_66 21.08.2012
1. Warum Gesetze?
Zitat von sysopREUTERSDie Freiburger Staatsanwaltschaft verzichtet auf eine Anklage gegen zwei frühere Mannschaftsärzte des Teams Telekom - obwohl Indizien dafür sprechen, dass die Mediziner gedopt haben. Die Ermittler scheiterten an der Verschwiegenheit der Radsport-Szene und kapitulierten vor der Gesetzeslage. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,851070,00.html
Einfach Doping ab 18j erlauben, kann ja jeder mündige Bürger selbst entscheiden. Dann sparen wir viel Geld, weil wir keine Kontrollen mehr brauchen und es herrschen wieder gleiche Wettkampfbedingungen. Es dopen doch sowieso alle, oder wie sind diese unglaublichen Leistungssteigerungen zu erklären?
zynisch 21.08.2012
2.
Man sollte das ganze Doping einfach legalisieren, jedoch mit der Auflage, dass alle gedopten Sportler, sozusagen als Werbeschild auf ihrem Trickot, die Substanz kenntlich tragen müssen, mit welcher sie gedopt sind. Dann weiß man hinterher wenigstens nicht nur, warum jemand gewonnen hat, sondern welche Mittel auch richtig wirken. ;) Wäre nur der nächste, konsequente Schritt!
winnetou16 21.08.2012
3. Lasst sie doch
alle dopen. Sie tun es ohnehin und nur der der es schafft ohne entdeckt zu werden hat Erfolg. Aber dann hat wenigstens jeder die selbe Chance zu gewinnen. Interessant ist dieser Sport eh nicht mehr für den Zuschauer.
Neapolitaner 21.08.2012
4. Fundstück
---Zitat--- Denn ein medizinischer Eingriff ohne therapeutischen Nutzen kann stets strafrechtlich relevant sein, weil kein Arzt genau wissen kann, wie die Behandlung tatsächlich wirkt. Doping im Radsport: Keine Anklage gegen Ex-Ärzte des Team Telekom - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,851070,00.html) ---Zitatende--- ....kann stets strafrechtlich relevant sein... Was die Öffentlichkeit nicht unbedingt weiß: In der dt. Rechtssprechung steht der Arzt unter Generalverdacht. Wenn sich also in der ex-post-Betrachtung ergibt, dass der medizinische Eingriff nicht bzw. nicht hinreichend therapeutisch wirksam ist, dann "kann" der Eingriff "stets" (diesen Widerspruch kann die Rechtsprechung nicht auflösen) strafrechtlich relevant sein. Wie ist es dann mit der Beschneidungsdebatte? Welchen therapeutischen Nutzen hat eine Beschneidung? Der Schluss kann nur lauten: Eine Circumcision aus religiösen (d.h. nicht-medizinischen) Gründen ist stets strafrechtlich relevant. Genauso wie jedes Doping, unabhängig von einer evtl. Einwilligung des "Opfers", strafrechtlich relevant ist.
nickmason 21.08.2012
5.
Zitat von sysopREUTERSDie Freiburger Staatsanwaltschaft verzichtet auf eine Anklage gegen zwei frühere Mannschaftsärzte des Teams Telekom - obwohl Indizien dafür sprechen, dass die Mediziner gedopt haben. Die Ermittler scheiterten an der Verschwiegenheit der Radsport-Szene und kapitulierten vor der Gesetzeslage. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,851070,00.html
Die Formulierung der dopenden Mediziner taucht mindestens zweimal im Artikel auf. Dies ist natürlich falsch im Sinne der Anklage, denn es geht/ging vielmehr darum, dass die Herren Doktoren anderen geholfen haben zu dopen oder Dopingmittel verabreichten. Ein etwas besserer Umgang mit der deutschen Sprache wäre in diesem Punkt angebracht, auch wenn es um einen Anglizismus geht...
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