Doping-Anklage gegen Rad-Star: Armstrongs Schlussetappe

Von

Der US-Amerikaner Lance Armstrong war mal der König des Radsports, jetzt wird er zum Schmuddelkind. Die Anti-Doping-Behörde will ihm alle sieben Tour-de-France-Siege aberkennen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, würde ausgerechnet Jan Ullrich profitieren.

Ehemaliger Rad-Star Armstrong: Die Aberkennung der Tour-Siege droht Zur Großansicht
AFP

Ehemaliger Rad-Star Armstrong: Die Aberkennung der Tour-Siege droht

Wer glaubt noch Lance Armstrong? Den Europäern war der siebenmalige Tour-de-France-Sieger schon zu seiner aktiven Zeit suspekt. Aber damals war der Radprofi zumindest in seiner Heimat noch ein Held - einer, der sich zudem mit seiner Stiftung Livestrong im Kampf gegen Krebs engagierte. Ein guter Mensch also.

Jetzt jedoch machen sie sich auch in den USA an die Demontage ihres Top-Sportlers Armstrong - und sie tun es mit einer Radikalität und Konsequenz, die selbst Anti-Doping-Experten in Deutschland erstaunt.

"Ich bin von den Amerikanern angenehm überrascht, dass sie ihr Idol so vom Sockel stoßen", sagt der Pharmakologe Fritz Sörgel, seit vielen Jahren renommiert im Kampf gegen Doping. Wobei die lebenslange Sperre, die die US-Anti-Doping-Agentur Usada Armstrong nach Erhebung der Anklage für den Fall eines Schuldspruchs androht, vom Amerikaner noch verschmerzt werden kann. Der 40-Jährige hat seine Profikarriere im Vorjahr endgültig beendet. Eine Sperre könnte ihn nicht mehr groß schrecken.

Armstrong überzieht die Usada mit Zivilklagen

Viel härter trifft ihn, dass die Usada auch die Aberkennung seiner sämtlichen Tour-Titel aus den Jahren zwischen 1999 und 2005 anstrebt. Den US-Amerikaner aus den Siegerlisten der Tour zu streichen, ihn vom Rekordsieger zur Fußnote der Tour-Statistik zu befördern - das will Armstrong um jeden Preis verhindern und überzieht die Anti-Dopingbehörde derzeit mit Zivilklagen, um das anstehende Schiedsgerichtsverfahren zu verhindern. Mit dem ersten Teilerfolg, dass ihm nun eine erweiterte Frist von 30 Tagen gewährt wurde, in denen er eine Stellungnahme zu den Dopingvorwürfen gegen ihn vorbereiten kann.

Vorwürfe, die seit Jahren bekannt sind: Bei dem damaligen Armstrong-Rennstall US Postal sei Doping flächendeckend angewendet worden, sagen die Kritiker. Dafür spricht, dass zahlreiche ehemalige Helfer des Stars anschließend als Doper aufflogen - von Floyd Landis bis Tyler Hamilton. Beide haben auch ihren Chef mittlerweile massiv belastet. Die Usada will im Besitz von mindestens 38 Dopingproben des US-Amerikaners sein und möchte damit verdächtige Blutwerte nachweisen können.

Armstrongs Strategie ist klar: Seine Anwälte pochen darauf, dass die Usada kein Recht habe, ihm erworbene Titel abzuerkennen und ihn lebenslang zu sperren - solche Maßnahmen könnten nur die Radsportverbände bis hin zum Weltverband UCI ergreifen. Es gibt Sportrechtler, die diese Ansicht teilen.

Fall Bjarne Riis macht Armstrong Hoffnung

Der US-Amerikaner kann zudem auf das Beispiel des Dänen Bjarne Riis verweisen. Der heutige Chef des Rennstalls Saxobank hat als Profi 1996 die Tour gewonnen und im Nachhinein den Dopinggebrauch gestanden. Dennoch wird er nach wie vor als Toursieger in der Statistik geführt. Andererseits gibt es den Fall des früheren Armstrong-Teamgefährten Landis, der die große Frankreich-Schleife im Jahr 2006 für sich entschied und nach seiner Enttarnung als Dopingsünder aus der Siegerliste wieder gestrichen wurde.

Wie ernst es der Usada ist, hat sie in der Vorwoche bewiesen, als sie drei langjährige Teambetreuer und Mitarbeiter von US Postal auf Lebenszeit sperrte. Darunter ist der berüchtigte italienische Sportmediziner Michele Ferrari, der über Jahre eine üppige Kundenkartei mit Namen zahlreicher prominenter Radprofis unterhielt. Ferrari trägt in der Öffentlichkeit den wenig schmeichelhaften Titel "Dottore Epo", Armstrong dagegen hatte ihn als "Ehrenmann" bezeichnet.

Als der italienische Fahrer Filippo Simeoni den Mediziner massiv belastet hatte, reagierte Armstrong, damals noch der unangefochtene Dominator im Tour-Tross, 2004 auf seine Weise: Auf Betreiben des Amerikaners wurden sämtliche Ausreißversuche Simeonis sofort unterbunden. Der Italiener war ab sofort eine Unperson im Peloton.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Armstrong ist mittlerweile selbst so etwas wie ein Schmuddelkind in der Radsportszene geworden. Fast so wie Jan Ullrich, der dem US-Amerikaner den tiefen Sturz vom Idol zum gefallenen Helden schon vorgemacht hat und nach seiner Verurteilung vor dem Sportgerichtshof Cas inzwischen nicht mal mehr zu Jedermann-Rennen eingeladen werden darf. Der Deutsche hat seinen dritten Tour-de-France-Platz aus dem Jahr 2005 nach dem Cas-Urteil aberkannt bekommen. Alles, was davor war, durfte er allerdings behalten.

Und das hat Folgen: Würden Armstrong die Toursiege der Jahre 2000, 2001 und 2003 aberkannt, würde dann der damalige Zweite nachträglich zum Sieger erklärt. Name: Jan Ullrich.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
hicki 13.07.2012
Was ist mit der Tour de France 2003? Auch dort ist Jan Ullrich Zweiter geworden. Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Tour_de_France_2003 Heißt das, dass auch Andreas Klöden (als Zweiter der Tour de France 2004) im Falle eines Ausschlusses von Lance Armstrong als Zweiter Deutscher Gesamtsieger der Tour in die Geschichte eingehen könnte?
2. So klar...
Arno Nühm 13.07.2012
Zitat von sysopDer US-Amerikaner Lance Armstrong war mal der König des Radsports, jetzt wird er zum Schmuddelkind.
Und niemand will es gewusst haben.
3. optional
Whitejack 13.07.2012
---Zitat--- Und das hat Folgen: Würden Armstrong die Toursiege der Jahre 2000 und 2001 aberkannt, würde dann der damalige Zweite nachträglich zum Sieger erklärt. Name: Jan Ullrich. ---Zitatende--- In den Ergebnislisten der damaligen Doping-Veranstaltung ganz vorne zu stehen wäre eigentlich eher Strafe als Geschenk...
4. Was
germanvirgin 13.07.2012
Zitat von sysopDer US-Amerikaner Lance Armstrong war mal der König des Radsports, jetzt wird er zum Schmuddelkind. Die Anti-Doping-Behörde will ihm alle sieben Tour-de-France-Siege aberkennen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, würde ausgerechnet Jan Ullrich profitieren. Doping im Radsport: Tour-Sieger Lance Armstrong unter Druck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,844175,00.html)
soll eigentlich der ganze sinnlose Hickhack? Zum einen sind eh alle Radler gedopt, was sich dann ja doch wieder ausgleicht. Zum Anderen wuerde der Titel von einem Doper zum anderen uebergehen, welch ein Nonsens. Haben die Behoerden nichts besseres zu tun? Einfach den ganzen Radsport sperren, interessiert eh niemanden.
5. Also meinen Respekt hat er, genau wie auch Jan Ullrich!
AlbertWesker 13.07.2012
Ganz egal ob er gedoped war, einfach jeder hat es getan und tut es auch immer noch. Von daher ist seine Leistung immer noch mehr als beeindruckend.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Radsport
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 55 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Groteske Geständnisse: Die besten Dopingerklärungen

Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt

Fotostrecke
Frankreich-Rundfahrt: Armstrongs Tour der Leiden