Doping in der DDR "Einige haben probiert, sich den Arm zu brechen"

28 Jahre nach Ende der DDR kämpfen viele ehemalige Sportler immer noch gegen die Nachwirkungen des Dopings - und für ihr Recht. Und immer noch haben viele Angst, gegen die damaligen Trainer und Ärzte auszusagen.

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Man darf Susann Scheller als eine erfolgreiche Sportlerin bezeichnen. Sie war schon als Teenager eine der Besten in der Rhythmischen Sportgymnastik der DDR, sie hat erreicht, wovon viele andere träumen.

Es ist eine Erfahrung, von der Susann Scheller sich wünscht, dass sie sie nie gemacht hätte.

Wenn sie von den Details der damaligen Trainingsmethoden erzählt, dann sind das wahre Horrorgeschichten. Der Dopingopfer-Hilfeverein DOH hat Scheller und die Presse eingeladen, um der Öffentlichkeit ein paar Einblicke zu geben, wie es in dieser Sportart in der DDR zuging. Scheller, die damals noch Wegner hieß, kam mit neun Jahren nach Halle ins Leistungszentrum, später nach Leipzig, "ab da war jede Minute für uns vorbestimmt, was wir essen, wann wir schlafen, wann wir aufstehen, was wir tun".

Blutwäsche, Spritzen, UV-Bestrahlungen

Die Kinder trainieren bis zu 40 Stunden in der Woche mit vier Trainingseinheiten am Tag, erzählt Scheller. Das Training ist hart, aber das ist nicht das Schlimmste. Die jungen Sportlerinnen bekommen Tabletten verabreicht, "viele, die wir nicht identifizieren konnten", Scheller wird, so erzählt sie, wiederholt an die Blutwäsche gehängt, es gibt Spritzen und UV-Bestrahlungen, selbst Epo, das erst viel später als Dopingmethode in Mode kam, sei angeblich schon ein Thema gewesen. Wobei hier Zweifel erlaubt sind, da Epo eigentlich erst ab 1989 auf den Dopingmarkt kam.

Es gibt nur Training, Training, Training, keine Möglichkeit, dem zu entrinnen. Das heißt, eine Möglichkeit gibt es: "Wir haben alles mögliche versucht, uns selbst zu verletzen, um einmal ausruhen zu können." Scheller erzählt, wie sie versuchten, "uns selbst mit Plastikflaschen die Gelenke auszukugeln, einige haben probiert, sich den Arm zu brechen".

Als sie 16 ist, bekommt Susann Scheller heftige Herzrhythmusstörungen, der Herzmuskel hat sich entzündet, sie kennt bis heute nicht die genaue Ursache dafür. Klar ist damals selbst den DDR-Ärzten: Die Karriere kann sie nicht fortsetzen. 1988 ist ihre Laufbahn als Leistungssportlerin vorbei.

Vom DOSB kam keine Antwort

Das ist fast 30 Jahre her, aber unter den gesundheitlichen Folgen, davon ist sie überzeugt, leidet Susann Scheller bis heute. Sie hat ihre damalige Trainerin in Leipzig angeschrieben und um Hilfe gebeten, ob sie mehr wisse über die Medikamente, die Scheller damals schlucken musste. Als keine Antwort kam, hat sie den Deutschen Turnerbund und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingeschaltet. Der DTB vermittelte sie an eine Ombudsfrau, vom DOSB kam keine Reaktion.

Ines Geipel, die Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins, kennt diese Geschichten, "täglich kommen frühere Sportlerinnen zu uns in die Beratungsstelle", sagt sie. Und sie kennt auch die Geschichten von Trainern, die ihre jungen Athletinnen mit dem Kopf gegen die Wand der Turnhallen geknallt haben, wenn sie unzufrieden mit ihnen waren, "wir stellen immer wieder den Hang zum Sadismus fest, der bei Trainern da war". Doping und Missbrauch sind Geschwister.

Geipel kämpft seit Jahrzehnten für die Dopingopfer und gegen die Doper, und den Frust, wie wenig es vorangeht, kann auch sie nicht verbergen. Sie diagnostiziert eine "Blockadehaltung bei vielen Ärzten", dazu "ein absolutes Informationsdefizit gerade im Osten". Es habe auch von den Ost-Medien, die fast komplett ausgefallen sind, keine Aufklärung gegeben. Wenn der DOH heute Infoveranstaltungen an den Orten der früheren DDR-Leistungszentren macht, werden die dort auftretenden Opfer häufig beschimpft, "fast immer wird deren Legitimation in Zweifel gezogen", es gebe "leider keinen Mentalitätsbruch im Osten", beklagt sie: "Wie oft bekommen wir zu hören: Ihr wollt doch nur unsere schöne DDR kaputtmachen".

Viele wussten nichts über die Schäden

Erst langsam trauen sich Betroffene an die Öffentlichkeit, "einige von denen sind körperlich so beschädigt, dass sie gar nicht mehr aus dem Haus kommen", jahrelang wussten viele gar nicht, was mit ihnen gesundheitlich los ist und dass dies mit dem Doping zu tun hatte - "kein Wunder, wenn man bedenkt, wie konspirativ das gehandhabt wurde". Und die Angst auszusagen, sie sei immer noch greifbar, selbst 28 Jahre nach Ende des SED-Regimes. Im thüringischen Suhl habe eine frühere Sportlerin vor ihr gesessen und gesagt: "Wenn man hier wüsste, dass ich jetzt hier bei Ihnen sitzen würde, würde ich glatt erschossen."

Manfred Höppner, der das Staatsdoping in der DDR verantwortlich organisierte, hat in dem Gerichtsprozess gegen ihn ausgesagt: "Es gab in der DDR nur zwei Sportarten, in denen Doping keine Rolle spielte: Segeln und Rhythmische Sportgymnastik."

Susann Scheller weiß es besser.

Anmerkung der Redaktion: Der ursprüngliche Text wurde noch um eine Anmerkung zum Thema Epo ergänzt.

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Seite 1
maximovie 03.05.2017
1.
Ihr wollt doch nur unsere schöne DDR kaputtmachen". Also sorry, das klingt sowas von naiv und klischeeartig, so redet doch heute kein Mensch. Ich kenne selbst zwei Exleistungsportlerinnen, habe auch von Trainingsmethoden jenseits einer Anerkennung der Persönlichkeit des jungen Sportlers gehört. Trotzdem sollte man die Berichterstattung auf einem sachlichen Niveua halten. Klar schweigen die Leute, aber die reden doch deswegen nicht wie kleine Kinder oder senile Rentner.
ladozs 03.05.2017
2. Leben und Sterben mit der Lüge
Auch so ein Thema, bei dem man leicht die Wände hoch gehen kann. Es gab sicherlich Fälle, bei denen der oder die Betroffene die Zusammenhänge der staatlich verordneten Leistungssteigerung nicht erkennen konnten,.Hier vor allem natürlich die Kinder und Jugendlichen. Wo aber waren die Eltern? Haben die Mädchen und Jungen niemals Zuhause von den Einnahmen der Pillen und den Qualen des Trainings berichtet. Welcher Erziehungsberechtigte lässt den von Trainern sein Kind über einen längeren Zeitraum mit Medikamenten vollstopfen? Oder waren die betroffenen Eltern alle vom Sieg des Sozialismus überzeugt und nahmen Kollateralschäden am eigenen Nachwuchs in Kauf?Oder waren es die Privilegien, die mit der Kaderzugehörigkeit in Verbindung standen? Ein zusätzlicher Broiler in der Woche, eine verkürzte Wartezeit auf einen Trabi oder eine Dreiraumwohnung in Kyritz an der Knatter? Auch bei den älteren Sportlern will niemand etwas von diesen Mitteln bemerkt haben? Die ungeheure Leistungssteigerung, die Veränderungen am eigenen Körper? Wir haben alle noch in Erinnerung, wie die Damen der Schwimmerriege aussahen, hat ja nur noch der Oberlippenbart gefehlt. Ein Höhepunkt ist sicherlich die tragische Geschichte des Herrn Bonk, ein Sportler, der Opfer und Täter in einer Person war. Er zahlte für seine unwidersprochene Akzeptanz des Ungeheuerlichen mit seinem Leben, betrog aber auch eine ganze Generation von Gewichthebern um die Früchte ihres Einsatzes. Es mögen unglückliche Existenzen unter den den dopenden Sportlern gewesen sein, aber der gern verbreitete Glauben von der Unschuld und vom Nichtwissen gehört sicherlich in die Märchenrubrik. Verquer auch das Weigern der damals Betroffenen im Jahre 2017 die Namen der Verantwortlichen zu nennen! Das sagt doch eigentlich alles!
dajafung 03.05.2017
3. Mentalitätsfrage
Also ich lebe seit 1994 in Sachsen-Anhalt und das gerne. Aber die Sprüche wie toll vom Brötchen bis zum Teamgeist alles gewesen ist und das es Defizite nicht gab bekomme ich jeden Tag xmal zu hören. Auch von 20jährigen. Eine sachliche Diskussion ist unmöglich - ehrliche Reflexion undenkbar. Meine Oma die 97 Jahre alt war hat bis zum Schluss den Holocaust verdrängt - "der Adolf hat die ganzen Arbeitsplätze geschafft und von KZ's hat sie nichts gewusst." Aber wenn man sich die TeamTelekom Story und die Freiburger Ärzte im Bereich Sportmedizin anschaut - viel ehrlicher ging es da auch nicht zu.
Hombremoya 03.05.2017
4. Wer ist hier naiv?
Sehr geehrter Herr oder Frau maximovie, Ich befürchte Sie sind - leider - selbst naiv. Ich kenne auch persönlich drei (eine davon sehr gut) ehemalige Hochleistungssportler, und würde man ihre Bemühungen um Anerkennung des Dopingopferstatus verfolgen (googlen reicht da), findet man genügen Interviews und Artikel die diese Haltung wiedergeben. inklusive ein DDR-Verteidungsreflex der irgendwie bekannt vorkommt: "Es war ja nicht alles schlecht damals..." Ich kenne den Kampf dieser Menschen und Ihr Leiden, und den Inhalt des Artikels gleich wieder mangels "Nievua" (sic!) abzuwerten ist traurig. Hochachtungsvoll
ergo-oetken 03.05.2017
5. Übergriffigkeit ist - auch - ein Erfolgsprinzip
Bürgerschaftlich Engagierte wie Frau Geipel und Frau Scheller beweisen ein Höchstmaß an Zivilcourage. Ihr Kampf erinnert nicht von ungefähr an den, wie ihn die Opfer des Pharmariesen Bayer-Schering wegen eines Mittels, das im „Westen“ als Duogynon bekannt war und in der DDR für illegale Medikamentenversuche verwendet wurde führen http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/duogynon-deutsche-opfer-wollen-bayer-auf-mord-verklagen-a-980143.html Es wäre ein glattes Wunder, wenn die jeweiligen Sportfunktionäre der BRD und der DDR nicht genauso klammheimlich koopertiert hätten, wie ihre KollegInnen aus der Politik. Der eiserne Vorhang war für eine Gruppe besonders skrupelloser Geschäftemacher von großem Vorteil. Gehandelt wurde mit allen Arten von Waren http://www.dw.com/de/ddr-als-billiglohnland-für-den-westen/a-15931955 und eben auch mit Menschen. Die Widerstände, auf die die Opfer des Leistungssports treffen, sind nachvollziehbar, wenn man sich klar macht, was es da für die Profiteure menschlichen Leids alles zu verlieren gäbe.
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