Doping in der Leichtathletik Das Regiment der "Drecksäcke"

Mit Spannung wird die Veröffentlichung des zweiten Ermittlungsberichts zum Doping in der Leichtathletik erwartet. Erneut dürften Russland und Kenia am Pranger stehen. Chefermittler Pound hat bereits einen "Knalleffekt" angekündigt.

Ex-IAAF-Präsident Diack: "Wie zur Hölle konnte das passieren?"
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Ex-IAAF-Präsident Diack: "Wie zur Hölle konnte das passieren?"

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323 Seiten haben Richard Pound und seine Mitstreiter gefüllt, es war eine Chronik des Schreckens: Erpressung, Korruption, Vertuschung, Geldgier, Manipulation, Machterhalt - der Bericht der Ermittlungskommission zum Doping in der Weltleichtathletik, im November veröffentlicht, hat Abgründe offenbart. Die Pervertierung sämtlicher sportlicher Werte.

Und das war erst der Anfang.

Am Donnerstag stellt die Kommission in München den zweiten Teil ihrer Recherchen vor, und Chefermittler Pound, der frühere Direktor der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, hat mit dem Wort "Knalleffekt" schon im Vorfeld die Erwartungen geschürt. "Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben", hat Pound in Interviews angekündigt und angefügt: "Die Menschen werden sagen, wie zur Hölle konnte das passieren? Es ist ein kompletter Verrat an all dem, was Verantwortliche im Sport eigentlich machen sollen."

Was ist von dem Bericht zu erwarten?

Auch wenn bisher noch nicht viel durchgesickert ist: Es werden wohl wie schon im ersten Teil des Berichts wieder die Verbände Russlands und Kenias und deren Dopingpraxis im Mittelpunkt stehen. Schon im November hatte die Kommission das Geflecht aus Doping und Korruption angeprangert, das der frühere Präsident des Weltleichtathletikverbandes IAAF, Lamine Diack aus dem Senegal, etabliert hatte.

Diack, so der Vorwurf, hat über Jahre positive Blutdopingtests vor allem russischer Athleten verschwinden lassen und die überführten Sportler trotzdem an den Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teilnehmen lassen. Im Gegenzug dafür ließ er sich sein Verschweigen bezahlen.

Schon 2009 soll die IAAF Kenntnis vom Doping in der russischen Leichtathletik gehabt haben. Das will die Nachrichtenagentur AP erfahren haben und beruft sich auf internen Mail- und Briefverkehr im Weltverband. Unternommen wurde nichts. Im Gegenteil: Funktionäre sollen eng mit den russischen Verantwortlichen kooperiert haben, um alles zu tun, damit die Dopingsünder an den Sommerspielen in London 2012 teilnehmen konnten.

Was ist nach dem ersten Bericht passiert?

Die IAAF hat nach Bekanntwerden der Vorwürfe drastische Maßnahmen ergriffen. Russlands Leichtathleten droht auf Empfehlung der Ermittlungskommission der Ausschluss von den Olympischen Spielen im Sommer in Rio. Der ehemalige IAAF-Schatzmeister und russische Verbandschef Valentin Balachnitschew wurde ebenso lebenslang gesperrt wie Diacks Sohn Papa Massata, der sich seine Vermittlerrolle zwischen Verband und den Russen fürstlich entlohnen ließ.

Massiver noch haben die französischen Behörden durchgegriffen. Diack Senior, mehr als 15 Jahre lang der Pate der Weltleichtathletik, wurde im Dezember zeitweilig in Haft genommen und ist jetzt nur gegen Zahlung einer Kaution auf freiem Fuß. Auch sein Anwalt Habib Cisse und der frühere Leiter der Anti-Doping-Abteilung der IAAF, Gabrielle Dollé, zählten zu den Festgenommenen.

Was wusste der jetzige IAAF-Chef Sebastian Coe?

Das ist eine der interessantesten Fragen. Der britische Lord, eine Ikone der Leichtathletik aus früheren Läufertagen, ist seit Monaten in der Defensive. Als er Diack im Vorjahr ablöste, stimmte er noch Lobeshymnen auf seinen Vorgänger an. Das fällt ihm heute auf die Füße, ebenso wie die Tatsache, dass sein Büroleiter Nick Davies gehen musste. Dieser soll noch 2013 versucht haben, die Affäre unterm Tisch zu halten. Davies, der die Vorwürfe bestreitet, lässt derzeit sein Amt ruhen.

Coe selbst hat immer betont, er habe erst durch die Recherchen von Journalisten und durch die Arbeit der Ermittlungskommission vom Ausmaß des Skandals erfahren. Aber wie glaubwürdig ist das für einen Mann, der seit Jahren in der Weltleichtathletik zu den Verantwortlichen gehört und der die Spiele von London als OK-Chef organisiert hat?

Sind wir auf dem Weg zu einer sauberen Leichathletik?

Reichlich Skepsis ist angebracht. Eine Skepsis, die von Fachleuten geteilt wird: "Eine richtige Systemveränderung kann ich nicht erkennen", hat der Dopingexperte und Mediziner Fritz Sörgel die Ereignisse in der Leichtathletik kommentiert. Und selbst der Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, spricht von "verfestigten Strukturen, die nicht so leicht aufzulösen sind".

Die IAAF selbst hat sich Anfang der Woche noch zu Wort gemeldet und ist der Veröffentlichung der Pound-Kommission schon zuvorgekommen. Mit dem Satz: "Es gibt keine systematische Korruption innerhalb der IAAF, aber einen Mitarbeiterstab mit hohen ethischen Standards, der großartige Arbeit im Kampf gegen Doping geleistet hat."

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
hcbruns 13.01.2016
1. Der professionelle Sport ist verseucht
Wir müssen uns wohl mit dem Gedanken anfreunden, dass der gesamte professionelle Sport verseucht ist: Überall gibt es Korruption und Doping. Und je mehr Geld im Spiel ist, desto mehr. Da hilft nur eins: Komplette Öffentlichmachung aller Vorgänge in Sportverbänden; es darf nichts mehr geheim sein. Wenn die Sportverbände das nicht wollen, können wir noch das letzte Druckmittel anwenden: Einfach nicht mehr den Fernseher einschalten und so den Geldhahn zudrehen...
bstendig 13.01.2016
2. Es ist relativ einfach -
Doping = Droge = dieselben Gesetzte wie für Drogen. Einige Länder, z.B. Frankreich, haben das ja ansatzweise schon verwirklicht. Wenn dann der Spitzenfunktionär auch mal mit ein paar Jahren Knast rechnen darf, ändert sich vielleicht was. Das Mindeste ist jedoch - wie schon in anderen Kommentaren angemerkt: Boykott der Fernseh-Übertragungen, Boykott aller Haupt-Sponsoren der olympischen Spiele (z.B. Coca Cola) usw. Das würde schon was nützen. Aber wie heißt es so schön: Mundus vult decipi, ergo decipiatur (Für Nicht-Lateiner in etwa: Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden)
ambulans 13.01.2016
3. heute
habe ich irgendwo einen beitrag zu diesem erbärmlichen thema "doping im sport" gelesen (kam, glaube ich, aus dem UK) und der hatte wirklich einiges für sich: sämtliche "rekorde" der vergangenheit löschen, extrem harte strafen bei nachgewiesenem doping für alle beteiligten (hallo, uni freiburg!) - und dann kanns vielleicht in einigen jahren wieder besser aussehen ...
zoonix 13.01.2016
4.
http://www.sueddeutsche.de/news/sport/leichtathletik-kampagne-doping-vorwuerfe-gegen-us-startrainer-salazar-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-150604-99-01340 nicht nur Russland und Kenia, das ist ein globales Problem, denn auch in Kanada, Australien, Südamerika und China liebt man das Sportgold! Vielleicht kommt das durch Pound zur Sprache, eher nicht, weiter so, es wird damit ja Geld verdient!
syssifus 13.01.2016
5. Unglaubhaft
ist die These,mann könne ohne Doping gewinnen.Jeder scheint irgendwie leistungssteigernde Mittelchen einzusetzen,die vieleicht z.Z. noch nicht nachweisbar bzw. umstritten sind.
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