Leichtathletik Anti-Doping-Agentur empfiehlt Ausschluss Russlands

Korruption, Ausbeutung, Doping: Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat die Vorgänge im russischen Leichtathletikverband untersucht - die Ergebnisse sind erschütternd. Die Agentur empfiehlt den Ausschluss Russlands aus dem Weltverband.

Report der Wada: "Akzeptanz von Betrug auf allen Ebenen verbreitet"
AFP

Report der Wada: "Akzeptanz von Betrug auf allen Ebenen verbreitet"


Es geht um angeblich flächendeckendes Doping: Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat in einem am Montag veröffentlichten Bericht den Leichtathletik-Weltverband (IAAF) aufgefordert, Russland von allen Wettbewerben auszuschließen. Zugleich empfahl die Ermittlungskommission, fünf russische Athleten, darunter die Olympiasiegerin Maria Sawinowa, sowie fünf Trainer auf Lebenszeit zu sperren.

Der IAAF reagierte am Montag. Demnach erwäge man einen "provisorischen und kompletten Ausschluss" Russlands. "Die Informationen in dem Bericht der Wada-Kommission sind alarmierend", sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe.

Die wichtigsten Ergebnisse der Kommission:

  • Tief verwurzelte Betrugskultur

"Die Untersuchung zeigt, dass die Akzeptanz von Betrug auf allen Ebenen und seit Langem verbreitet ist." Eine fundamentale mangelhafte Einstellung für die Akzeptanz von Anti-Doping-Anstrengungen sei "tief in der russischen Leichtathletik verwurzelt". Gerechtfertigt werde dies durch die Annahme, dass alle anderen auch betrügen würden.

  • Ausbeutung von Athleten

Unethisches Verhalten sei zur Norm geworden. Die Ausbeutung von Athleten für Medaillen und finanziellen Erfolg sei in der russischen Leichtathletik weit verbreitet. Die Athleten waren oft willige Teilnehmer, allerdings gebe es auch dokumentierte Fälle, in denen Athleten, die nicht Teil des Programms werden wollten, nicht für die russische Nationalmannschaft nominiert worden seien.

  • Betrug durch Athleten

Der Report stellt dar, dass es systematischen Dopingbetrug bei russischen Athleten gegeben hat. Darüber hinaus stellt der Bericht fest, dass ein hoher Prozentsatz der Athleten nicht mit der Komission zusammenarbeiten wollte. Viele Athleten gaben darüber hinaus nur unzureichend Auskunft über ihren Aufenthaltsort.

  • Beteiligung von Ärzten, Trainern und Laborpersonal an Dopingbetrug

Der Bericht bestätigt, dass einige russische Ärzte und Laborpersonal in Zusammenarbeit mit Trainern systematischen Betrug ermöglichten. Im Moskauer Anti-Doping-Labor sollen mut- und böswillig mehr als 1400 Proben zerstört worden sein, nachdem die Wada Zielkontrollen angeordnet hatte. Auch wurden Teststandards nicht eingehalten.

Interpol kündigt Ermittlungen an

Das systematische Doping-System in der russischen Leichtathletik wird offenbar von höchsten Stellen der Moskauer Regierung gedeckt. "Ich glaube nicht, dass es irgendeine andere mögliche Schlussfolgerung gibt", sagte Kommissionsleiter Richard Pound: "Sie können es nicht nicht gewusst haben."

Interpol hat inzwischen Ermittlungen im Zuge des Skandals aufgenommen. Die länderübergreifende Polizei-Behörde gab bekannt, dass sie eine weltweite Untersuchung unter französischer Leitung koordinieren werde.

Der Bericht selbst deckt nicht die großen Probleme im russischen Verband auf - auch im Weltverband gibt es laut der Wada bis hinauf zur höchsten Ebene Korruption und Bestechung. Die Beweise dafür seien an Interpol übermittelt worden, die Veröffentlichung soll bis zum Ende des Jahres geschehen. Zunächst sollen die Entscheidungen der Untersuchungsbehörden abgewartet werden.

Hier geht es zum kompletten Bericht der Wada.

An die Ermittlungen schließen sich die Empfehlungen an, die die Wada ausgesprochen hat. Demnach soll neben dem Ausschluss des Araf schnellstmöglich dem Moskauer Anti-Doping-Labor die Akkreditierung entzogen und dessen Direktor Gregory Rodschenkow suspendiert werden.

Bis der russische Verband gemäß den Wada-Statuten neu strukturiert ist, soll das IOC zudem die Teilnahme russischer Leichtathleten an internationalen Wettbewerben unterbinden. Das könnte dann auch für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Brasilien gelten. Ebenfalls empfiehlt die Wada den lebenslangen Ausschluss russischer Sportfunktionäre, die an dem systematischen Betrug beteiligt waren. Darunter auch Sergej Portugalow, Chef der Araf-Medizinkommission.

Russland hat die Forderungen in ersten Reaktionen als politisch motiviert zurückgewiesen. Zugleich wies Sportminister Witali Mutko darauf hin, dass die Wada zwar Empfehlungen aussprechen könne, aber niemanden selbst von Wettbewerben ausschließen könne.

Ausgelöst hatte die Untersuchung die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" vom Dezember 2014. Doch erst in der vergangenen Woche waren auch schwere Vorwürfe gegen den früheren Weltverbandschef Lamine Diack bekannt geworden, die den Fall noch erheblich brisanter machen.

Insgesamt sollen sich acht russische Athleten gegen hohe Summen von einer möglichen Dopingsperre freigekauft haben und dann bei den Sommerspielen 2012 am Start gewesen sein, berichtete die "Sunday Times". Diack soll im Zentrum dieses Schmiergeldsystems gestanden haben. Das Internationale Olympische Komitee will Diack deshalb die Ehrenmitgliedschaft entziehen. Die IOC-Ethikkommission sprach eine entsprechende Empfehlung aus.

chp/dpa/sid



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Seite 1
hei-nun 09.11.2015
1. konsequent
Natürlich ist dieser Schluss, Russland erst einmal zu suspendieren logisch und konsequent. Es fehlen noch ähnliche Verfahren gegen Kenia, Weißrussland, China, USA usw. Aber gibt es da so klare Beweise wie in Russland ? Vielleicht reicht ja der Präzedenz-Fall Russland, um dem Rest "Angst" zu machen ? Glauben kann ich das allerdings nicht ! Wenn ich an all die vielen Dementis der Russen denke, die nach dem ARD-Bericht kamen, dann denke ich unweigerlich auch an MF17 - bei dem Thema könnte Russland ähnliches drohen ! Ich vermute allerdings, dass dies auch im Westen nicht gewollt wird, denn dann ist Russland für lange Zeit "verbrannt" !
zoonix 09.11.2015
2. Doping ist ein weit verbreitetes
Mittel zu Leistungssteigerung, daher gleich alle bisherig aufgefallenen Länder und deren Athleten heranziehen und deren Verbände sperren. dann kann auch Island oder die Färöer Inseln den Olympiasieger im Marathon stellen!
hmutt 09.11.2015
3. Ein Anfang
Das ist ein Anfang. Natürlich müsste das in Ländern wie Jamaica mit seinen ungewöhnlich ergebnislosen Proben und den USA mit ihren verdächtigen Sport-Dauerbrennern nicht nur in der Leichtathletik weitergehen, von China und Konsorten nicht zu reden. Übrigens auch bei unseren lieben Fußballgöttern. Wird das nicht geschehen, werden die Putinisten das sowieso nur als antirussische Boykotthetze abtun. Naja, das werden sie ohnehin tun.
wannbrach 09.11.2015
4.
Das ist wieder typisch für den Westen, wenn man die Olympiade und die WM nicht bekommen hat, ist es am besten die Länder auszuschließen die erfolgreich waren. Bei westlichen Dopingsünder schließt man einfach die Augen.
taneke 09.11.2015
5. und wieder Russland?
ist ja langweilig. immer gegen Russland. früher waren es die Kommunisten, heute die Russen. Nur die Seite der hetzer hat sich augenscheinlich nicht geändert.
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