Doping Jamaikanische Sprinter positiv getestet

Schlechte WM-Vorzeichen: Kurz vor Beginn der Titelkämpfe wurden fünf jamaikanische Sprinter positiv auf Dopingsubstanzen getestet. Weltrekordler Usain Bolt, Asafa Powell und Shelly-Ann Fraser gehören nicht zu den Verdächtigten.


Hamburg - Fünf jamaikanische Sprinter sind drei Wochen vor der Leichtathletik-WM in Berlin (15. bis 23. August) positiv getestet worden. Das bestätigte ein Offizieller der Jamaikanischen Anti-Doping-Kommission Jadco gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Namen nannte er aber nicht, betonte jedoch, dass keine Stars wie Dreifach-Olympiasieger Usain Bolt oder Asafa Powell, sein Vorgänger als 100-Meter-Weltrekordler, betroffen seien. "Ich kann sagen, dass fünf Athleten auf eine unbedeutende Substanz positiv getestet worden sind", erklärte der Funktionär, dessen Identität Reuters nicht preisgab.

100-Meter-Start: Jamaikanische Sprinter unter Dopingverdacht
DPA

100-Meter-Start: Jamaikanische Sprinter unter Dopingverdacht

Am Freitagabend bestätigte der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) in Monte Carlo die positiven Proben. "Wir versuchen, Unterlagen über die Tests zu bekommen", sagte IAAF-Sprecher Nick Davis. Allerdings nannte auch er weder die Namen der betroffenen Athleten noch die verbotene Substanz.

Die Tests stammten von den nationalen Titelkämpfen im vergangenen Monat in Kingston. Zuvor hatte die Zeitung "Jamaica Observer" berichtet, es handle sich um fünf für die Titelkämpfe in Berlin nominierte Sportler. Betroffen sind angeblich zwei Männer und eine Frau aus der 4x100-Meter-Staffel und zwei Männer aus dem 4x400-Meter-Quartett. Welche Substanz gefunden wurde ist unklar. Der "Jamaica Gleaner" schrieb von 40 bis 45 Dopingtests bei den nationalen Meisterschaften. Die Proben sollen in Montreal/Kanada analysiert worden sein. Die Internetseite TrackAllerts.com zitierte derweil Dr. Herb Elliott von der Jadoc, die bei den Meisterschaften für die Tests zuständig war: "Wir warten noch auf Informationen und Fakten. Es wird von uns eine Erklärung geben."

Die Sündenfälle sind ein herber Schlag für die Sprint-Nation Jamaika, die 2008 bei Olympia in Peking fünf von sechs Goldmedaillen über 100, 200 und 4x100 Meter gewann. Nur die favorisierte Frauenstaffel hatte im Finale den Stab verloren. Jamaikanische Aushängeschilder sind neben Bolt und Powell, 100-Meter-Olympiasiegerin Shelly-Ann Fraser sowie 200-Meter-Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown. Der 22-Jährige Bolt erzielte in Peking in 9,69 Sekunden über 100 Meter, 19,30 über 200 Meter und mit der Staffel (37,10) drei Weltrekorde.

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)
Bereits im Vorjahr hatte es bei den Nationalen Meisterschaften Jamaikas einen Dopingfall gegeben, als Sprinter Julien Dunkley (32) positiv auf das Anabolikum Boldenon getestet und aus der Olympiastaffel ausgeschlossen worden war. Weitere jamaikanische Dopingsünder waren die Sprinter Steve Mullings, der 2004 bei den Trials die 200 Meter gewonnen hatte, dann jedoch mit erhöhten Testosteronwerten auffiel und Patrick Jarrett (Stanozolol/2001).

Auch Jamaikas frühere Sprint-Königin Merlene Ottey, die zuletzt für Slowenien startete, wurde im Juli 1999 in der A-Probe schon mit Nandrolon erwischt und ursprünglich für zwei Jahre gesperrt. Wegen angeblicher Verfahrensfehler bei der Untersuchung im IOC-Dopinglabor von Lausanne rehabilitierte sie der Leichtathletik-Weltverband IAAF ein Jahr später. Mit öffentlichen Verwarnungen endeten die Fälle von Kugelstoßer Dorian Scott (Marihuana) sowie Weit- und Dreispringer Suzette Lee (Salbutamol). 2007 hatte Victor Conte, ehemaliger Leiter des kalifornischen Dopinglabors Balco, in einem Gespräch mit dem damaligen Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, Richard Pound, Doping-Spekulationen um weitere Jamaika-Sprinter geschürt. 2008 kritisierte Pound dann, dass es seine Nachfolger nicht für nötig befunden hätten, diesen Hinweisen auf mögliche Manipulationen nachzugehen.

luk/sid/dpa



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