Doping-Kontrollsystem unterlaufen: Team feuert Tour-Spitzenreiter Rasmussen

Getäuscht, gelogen, gefeuert - Michael Rasmussen ist von seinem Team entlassen worden, weil er das Doping-Kontrollsystem unterlaufen hat. Noch in der Nacht durchsuchte die Polizei das Teamhotel von Rabobank. Spitzenreiter ist jetzt Alberto Contador - ein mutmaßlicher Kunde von Dopingarzt Fuentes.

Gourette - Ein Sprecher des Rabobank-Teams teilte am späten Mittwochabend mit, dass Michael Rasmussen mit sofortiger Wirkung aus der Tour de France 2007 aussteigen wird. Der Däne gehe wegen einer Entscheidung des Teams und der Sponsoren. Er habe durch Lügen die internen Regeln des Rennstalls verletzt. "Am Mittwochnachmittag" sei klar geworden, dass Rasmussen intern "mehrmals" falsche Trainingsorte angeben habe. Er sei damit konfrontiert worden und habe schließlich zugegeben, statt in Mexiko in den Dolomiten trainiert zu haben - was für Teamchef Theo De Rooy "das Wasserglas zum Überlaufen gebracht" habe. Sponsor Rabobank teilte mit: "Wir sind schockiert und völlig enttäuscht, dass Rasmussen über seinen Aufenthaltsort gelogen hat." Das sei "inakzeptabel".

Laut der niederländischen Nachrichtenagentur ANP wurde Rasmussen außerdem mit sofortiger Wirkung aus dem Team entlassen. Dass der Däne das wiederum "inakzeptabel" fand, zeigte er mit einer deutlichen Reaktion: Wutschnaubend verließ er kurze Zeit später das Teamhotel und quartierte sich kurzerhand in einer anderen Herberge Paus ein.

Rasmussen ist anscheinend über den Hinweis eines früheren Rennfahrers gestolpert. Der ehemalige italienische Radsportler und heutige RAI-Kommentator Davide Cassani habe den Dänen beim Training in den Dolomiten gesehen, als er angeblich in Mexiko, dem Herkunftsland seiner Frau, war. Cassani habe Rasmussens niederländisches Team Rabobank darüber informiert, berichteten niederländische Zeitungen heute.

Ob Rabobank heute zur 17. Etappe der Tour de France antritt, blieb offen. "Die anderen Fahrer diskutieren, ob sie abreisen oder nicht. Die Entscheidung fällt am Morgen", kurz vor Etappenstart, sagte der Teamsprecher. Die Polizei rückte noch in der Nacht am Mannschaftshotel von Rabobank an, inspizierte Räumlichkeiten und den Bus.

Tour-Direktor Christian Prudhomme lobte die Entscheidung der Sponsoren. Man könne nicht sagen, dass Rasmussen betrogen habe. Doch seine Lügen über seinen Aufenthaltsort seien nicht mehr tragbar. Der Rabobank-Fahrer führte nach seinem zweiten Etappensieg auf der letzten schweren Bergstrecke die Gesamtwertung mit einem Vorsprung von 3:10 Minuten vor dem Spanier Alberto Contador an. Das galt als kaum noch einholbar, zumal Contador kein guter Sprinter ist und damit am Sonnabend im Zeitfahren kaum noch Chancen hatte, den Rückstand aufzuholen.

Jetzt fährt der umstrittene Spanier Contador im Gelben Trikot

Die Entscheidung im Dopingverdachtsfall Rasmussen ist der vorläufige Höhepunkt der Skandal-Tour 2007. Gestern Nachmittag war schon der Italiener Cristian Moreni vom Cofidis-Team als Testosteron-Doper entlarvt worden - seine Mannschaft zog daraus die Konsequenzen und verabschiedete sich von der Tour. Am Dienstag hatte das kasachische Astana-Team nach der Blutdoping-Überführung ihres Kapitäns Alexander Winokurow den sofortigen Rückzug bekannt gegeben; am Mittwoch wurde bekannt, dass gegen Winokurow ein weiterer belastender Dopingbefund vorliegt.

Der bisherige Tourzweite Alberto Contador ist damit der neue Führende der Tour de France. Der 24-jährige Spanier startet für das Team Discovery Channel des Ex-Toursiegers Lance Armstrong. Er steht als mutmaßlicher Kunde des berüchtigten Blutdoktors Eufemiano Fuentes unter Verdacht - und ist damit nicht weniger fragwürdig als der bisherige Mann in Gelb. Profi wurde Contador 2003 bei Manolo Saiz' Once-Rennstall. Einem Team, dessen exzellente Kontakte zu Fuentes Jörg Jaksche im SPIEGEL detailliert beschrieb. Contadors Name stand auf der ersten Fuentes-Liste mit 57 anderen - getilgt wurde er wohl erst, nachdem sich der Spanier nach einer Razzia 2006 bereit erklärt haben soll, sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen.

Immer wieder hatte es in den vergangenen Tagen Ärger um Rasmussen gegeben. Der dänische Radsportverband DCU hatte ihn am 19. Juli aus dem Nationalteam ausgeschlossen - wegen Unregelmäßigkeiten bei Dopingtests, wie sie auch jetzt als Begründung angeführt werden. DCU-Geschäftsführer Jesper Worre sagte, Rasmussen sei mehrfach seiner Meldepflicht gegenüber dem Weltverband UCI nicht nachgekommen. Nach den UCI-Statuten müssen die Radprofis den Weltverband über ihren jeweiligen Aufenthaltsort in Kenntnis setzen, damit dieser jederzeit Dopingtests vornehmen kann. Verstößt ein Fahrer dreimal gegen diese UCI-Regel, dann wird dies als Dopingvergehen gewertet und mit zwei Jahren Sperre geahndet.

Seit der Enthüllung von Rasmussens Vergehen entbrannte ein Streit um Formalien. Er hatte nach letztem Stand zwei Verwarnungen von der UCI kassiert - und zwei von der DCU. Doch 2+2 waren in diesem Fall nicht 4, sondern 2: Die Verstöße durften nicht addiert - und somit auch nicht geahndet werden. Rasmussen konnte also weiter bei der Tour de France starten, Tourdirektor Prudhomme sah keine ausreichenden Gründe für einen Ausschluss.

"Die Tour braucht einen Helden, Rasmussen ist keiner"

"Die ganze Sache ist unverhältnismäßig und beruht auf einer Fehlinformation. Ich hatte nie einen positiven Dopingtest", hatte Rasmussen vor dem Start zur 12. Etappe noch gesagt. "Ich bin im Juni außerhalb von Wettkämpfen getestet worden, und alle Tests waren negativ. Ich habe die Unterstützung von der Tour. Aber ich bin sauer auf den dänischen Verband, weil ich nichts getan habe." Dennoch hatte Prudhomme zuletzt Rasmussen scharf kritisiert: "Die Tour braucht einen Helden, Rasmussen ist keiner", hatte der Tourboss der Zeitung "Sud Ouest" gesagt.

Auch bei vielen anderen Fahrern war Rasmussen unten durch. Gestern streikten mehrere Teams am Start, starteten erst mit Minutenverzögererung nach dem Dänen auf die 16. Etappe, um gegen die Starterlaubnis für Rasmussen zu protestieren. Auch im Publikum hatte Rasmussen inzwischen viele Kritiker. Pfiffe, Buhrufe begleiteten den Mann im Gelben Trikot auf der Etappe. Erboste Fans brüllten ihm gestern "Dopage! Dopage!" entgegen. Im Ziel ließen sich die Zuschauer nach Rasmussens Etappensieg nur zu einem Anstandsapplaus hinreißen - und bejubelten die Nächstplatzierten umso mehr.

Nach der Ankunft hatte Rasmussen beleidigt erklärt, er bringe "aufgrund der vielen Anfeindungen von Tag zu Tag immer mehr Respekt für Lance Armstrong" auf. Der einstige siebenmalige Seriensieger der Tour, in dessen 1999er-Blutproben bei verfeinerten Tests 2005 Epo gefunden wurde, war beim französischen Publikum wegen seiner arroganten Art und seiner brutalen Dominanz nie beliebt gewesen.

Bergkönig Rasmussen wollte diesmal unbedingt den Sieg

Rasmussen gilt als Exot im Profi-Radsport. Der ehemalige Mountainbike-Weltmeister stammt aus dem Flachland - und ist seit drei Jahren der stärkste Kletterer auf der Große Schleife. Im Kampf Rasmussen gegen alle war der dünne Däne im Gebirge stets der Stärkere geblieben. Diesmal wollte er sich in Paris zum dritten Mal in Folge zum "Bergkönig" krönen lassen - und zum neuen Triumphator in Gelb.

Seine Eigenwilligkeit in sportlichen Dingen überträgt er auch auf den organisatorischen Bereich. Aus Trainingsaufenthalten in Mexiko, wo seine Familie lebt, resultierte im vergangenen Jahr eine Mitgliedschaft in der dortigen Radsport-Föderation. Das europäische Doping-Kontrollsystem war fern.

Dem Weltverband UCI war Rasmussen nicht erst durch die verpassten Kontrollen seines Landesverbandes aufgefallen. In seiner Wahlheimat Italien wurde er öfter beobachtet, wie er in neutralem Dress trainierte - angeblich, um sich vor Belästigungen durch Cyclo-Touristen zu schützen. Die UCI wertete das als Versteckspiel vor den Kontrolleuren.

plö/mig/all/sid/dpa/ap

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Forum - Die Tour - eine einzige Farce?
insgesamt 615 Beiträge
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1.
DJ Doena 24.07.2007
Und Rasmussen kommt wegen Verfahrensfehlern "frei". Aber war das nicht von vornherein klar?
2.
Kummibaer 24.07.2007
Was soll man dazu noch sagen? Für wie dumm will man die Radbegeisterten noch verkaufen? Es sollte endlich reiner Tisch gemacht werden, denn so gut wie jeder Radprofi wird auch Dreck am Stecken haben. Aus Protest interessiere ich mich auch gar nicht mehr für die Tour, sondern warte nur wieder auf "neue Enthüllungen".
3.
maxxboersi 24.07.2007
JA JA JA scheinbar ist der reiz des geldes doch so stark, daß die sanktionen nicht ausreichen. es gibt wohl noch genug dumme radprofis, die ihre gesundheit für geld ruinieren. schade.
4.
TommIT 24.07.2007
Zitat von DJ DoenaUnd Rasmussen kommt wegen Verfahrensfehlern "frei". Aber war das nicht von vornherein klar?
UIrgendwer muss ja gewinnen Für mich ist damit die Tour für die nächsten drei Jahre - mediale Dunkelheit Sch....laden
5.
dbraaker 24.07.2007
Wieso geworden? Wann gab es denn den letzten Sieger, den man guten Gewissens als unbelastet bezeichnen könnte? Doping ist doch nichts neues im Radsport! Genausowenig ist es etwas neues, dass die Veranstalter bei der Doping-Bekämpfung nicht über Lippenbekenntnisse hinauskommen, das Fremdblutdoping von Wino war eine reine Verzweiflungstat (genau wie Landis im letzten Jahr), man kann sich nur an den Kopf packen wie dumm das war, denn seit 2004 ist Fremdblut-Doping bekanntermaßen nachweisbar. Das systematische Doping wird doch garnicht erfasst, Leute wie Rasmussen und der Rest der Top Fahrer werden fast jeden Tag getestet und nichts ist auffällig, abgesehen von der präsentierten Leistung natürlich..
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