Doping-Prozess "Es ist erst mal gut"

Der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald ist wegen des systematischen Dopings in der DDR zu 22 Monaten Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Gerichtsbeschluss fand Zustimmung bei den meisten Klägern.


Manfred Ewald
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Manfred Ewald

Berlin - Im wichtigsten Dopingprozess des DDR-Sports sind Ewald zu 22 Monaten und der Sportmediziner Manfred Höppner zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Beide Angeklagten haben sich nach Ansicht des Berliner Landgerichts unter dem Vorsitz von Richter Dirk Dickhaus der "Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung in 20 Fällen" an zumeist minderjährigen Sportlerinnen schuldig gemacht.

Während sich Höppner, für das Konzept verantwortlich, nochmals bei den Opfern entschuldigte, zeigte Befehlsgeber Ewald auch am 22. und letzten Prozesstag keine Reue. Neben den Bewährungsstrafen wurden dem 74-jährigen Ewald und dem 66-jährigen Höppner die Kosten des Verfahrens und die der 20 Nebenklägerinnen aufgebürdet.

Die Strafen sind die höchsten, die wegen des Staatsdopings in der DDR, von dem etwa 10.000 Sportler betroffen waren, verhängt wurden. Die Staatsanwaltschaft hatte das Höchstmaß von zwei Jahren auf Bewährung gefordert, ein Teil der Nebenklage gar Strafen ohne Bewährung. Die Einleitung eines Revisionsverfahrens gegen das Urteil ist von den Prozessbeteiligten dennoch nicht zu erwarten.

Alle Beteiligten zeigten sich recht zufrieden mit dem Ende des Verfahrens. "Es ist erst mal gut, dass das Vergehen verurteilt wurde", sagte Doping-Opfer und Nebenkläger Andreas Krieger. "Ich kann mit dem Urteil leben. Ich hoffe nur, dass der DDR-Sport nicht weiter diskreditiert wird", erklärte Höppner später. Einzig der Verteidiger von Ewald, Frank Osterloh, war der Auffassung, dass gar keine Schuld nach DDR-Recht vorliege.

"Die Angeklagten rechneten mit den schädlichen Nebenwirkungen und nahmen sie in Kauf", begründete Richter Dickhaus das Urteil: "Allein die Verabreichung von Oral-Turinabol ist eine Verletzung des Körpers." Allerdings liege nach dem Bericht des Gutachters nur einfache Körperverletzung wie Vermännlichungserscheinungen und Stimmvertiefung vor. Eine von der Nebenklage geforderte Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung, die ein höheres Strafmaß zur Folge gehabt hätte, würde nach Ansicht der Kammer zur Revision und einer Aufhebung vor dem Bundesgerichtshof führen.

Das unterschiedliche Strafmaß begründet das Gericht mit dem jeweiligen Umgang der Angeklagten mit ihrer Schuld. Ewald, fast 30 Jahre lang Sportchef und Initiator des Staatsdopings, habe nicht zur Aufklärung beigetragen. Zudem sei für ihn die "Gesundheit der Sportlerinnen unerheblich gewesen". Auch am letzten Tag äußerte sich Ewald nicht zu den Körperschäden und zeigte keinerlei Reue.

Der Sportmediziner Höppner hat nach Ansicht des Gerichts als Vorsitzender der "Arbeitsgruppe unterstützende Mittel" das Konzept zum umfassenden Doping erarbeitet und sei deshalb ebenfalls in erheblichem Maß schuldig. Allerdings habe Höppner durch seine Aussagen zur Aufklärung beigetragen, ein Verfahren wie dieses sei ohne seine Mithilfe nicht möglich gewesen. Strafmildernd wertete das Gericht zudem Höppners Entschuldigung gegenüber den Opfern.

Am letzten Tag klammerte die Kammer die Verantwortlichkeit der Angeklagten für die Schäden an den Nebenklägerinnen Catherine Menschner und Birgit Böse aus, weil diese nicht in Kaderklassen gedopt worden seien. Ein Punkt, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nicht notwendig war, auch wenn die Konzeption von Ewald und Höppner nur die Kaderklassen betraf. Die Angeklagten hätten in Kauf genommen, dass auch in Experimentierklassen gedopt wurde. Menschner und Böse müssen nun die Kosten selbst tragen, die jeweils weit über 10.000 Mark liegen dürften.

"Kinderdoping und Doping für Forschungszwecke sind die verwerflichsten Auswüchse des DDR-Staatsdopings, wofür sich die Angeklagten zu verantworten haben", hatte Jan Mohr, Verteidiger der ehemaligen Schwimmerin Menschner, 35, erklärt und vergeblich versucht, noch eine Wende herbeizuführen. Auch Michael Lehner und Bernd Krüger als weitere Vertreter der Nebenkläger unterstrichen, dass es beim flächendeckenden DDR-Staatsdoping egal gewesen sei, ob jemand in der Kaderklasse war oder nicht.

Die bis dato höchste Strafe war am 12. Januar 2000 gegen den früheren Chefarzt des DDR-Schwimmsportverbandes, Lothar Kipke, ergangen. Er wurde zu 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.



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